Klimawandel Studie: Erdwärme kann Öl, Gas und Strom zum Heizen ersetzen

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Die Erdwärme könnte einen großen Beitrag zur Wärmewende in Deutschland leisten, haben Forscher der Uni Halle herausgefunden. Sie liefert so viel Energie, wie die Menschen zum Heizen brauchen. Die Forscher zeigen auch, dass sich das Erdreich unter unseren Städten massiv aufwärmt.

Ein Zahmeissel steht vor dem Bohrturm am Geothermie-Bohrplatz der Deutschen ErdWärme.
Erdwärme liefert so viel Energie, wie Menschen zum Heizen benötigen, hat eine Studie der Uni Halle ermittelt. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN-ANHALT: Den Klimawandel spüren wir ja derzeit besonders: Es ist über Wochen extrem heiß, Regen fehlt. Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Böden aus?

Peter Bayer: Wir sehen einerseits durch den Klimawandel und andererseits durch ganz normales menschliches Verhalten, indem er das Erdreich versiegelt, Keller oder Tiefgaragen baut, dass der Boden sich aufheizt. Diese Veränderungen bemerken wir bis in eine Tiefe von hundert Metern. Fakt ist auch: Die Temperaturerhöhungen sind gerade in Städten deutlich höher als in der Atmosphäre.

Prof. Dr. Peter Bayer ... ist Professor für Angewandte Geologie an der Uni Halle.

Seine Schwerpunkte sind Geothermie und Grundwasser.

Bayer hat in Würzburg und Tübingen Geologie und Angewandte Geowissenschaften studiert.

Wie stark hat sich der Boden bereits aufgeheizt?

In der Natur erwärmt sich der Untergrund im Mittel genau so, wie es die Atmosphäre tut. Vielleicht etwas verzögert, aber der Klimawandel kommt genau so im Erdreich an. Das ist natürlich nicht besonders überraschend und haben wir auch so erwartet. Ganz anders die Situation in Städten. Dort heizt sich der Untergrund viel stärker auf. Wir haben zum Beispiel am Marktplatz in Halle gemessen. Da haben wir 5 Grad mehr gemessen, als wir erwartet haben. Im oberflächennahen Grundwasser haben wir 10 bis 11 Grad erwartet. Gemessen haben wir sechzehn Grad. Das ist viel. Und beispielsweise bei Tiefgaragen findet man sogar Temperaturunterschiede von 20 Grad. Das ist übrigens kein örtliches Phänomen. Wir haben auch in Dessau oder Magdeburg gemessen, da sind die Werte übrigens überall gleich.

Zusammen mit anderen Wissenschaftlern haben Sie untersucht, welches Potenzial diese zusätzliche Bodenwärme bietet. Zu welchem Ergebnis sind sie gekommen?

Genau, wir haben geschaut, wie viel Energie ist im Untergrund und lässt sich nutzen. Genauer, was steht uns allein durch diese künstlich angereicherte Wärme im Erdreich zur Verfügung. Dafür haben wir uns mehr als 7.000 Messstellen in Europa und Nordamerika angeschaut und diese Ergebnisse, vereinfacht gesagt, hochgerechnet. Dabei sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass diese künstlich angereicherte Wärme im Untergrund dem entspricht, was wir an Wärmebedarf zum Heizen benötigen. Die durch den Menschen in das Erdreich gebrachte Wärme könnte also komplett, beispielsweise durch Wärmepumpen, wieder entzogen werden, also recycelt. Das zeigt die riesige Dimension von Energie, die da im Untergrund schlummert.

Welche praktischen Schlüsse leiten Sie daraus ab?

Ganz klar, wir können damit zeigen, dass die Vorteile der oberflächennahen Geothermie zunehmen werden und wir einen Fehler machen würden, wenn wir diese Anreicherungen nicht nutzen würden. Zusammengefasst: Uns steht mir der angereicherten Wärme im Untergrund das zur Verfügung, was der Mensch an Wärme braucht. Bis zum Jahr 2099 könnten zwischen 73 und 97 Prozent der Regionen in Nordamerika, Europa und Australien ihren jährlichen Heizbedarf mit dieser recycelten Wärme decken.

Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit wir diese gewaltige Menge an Erdwärme nutzbar machen können?

Erdwärme kennen wir schon lange und nutzen sie auch schon. Was wir aber nicht so genau wissen, wie diese Systeme über viele Jahre ordentlich arbeiten. Dazu kommt, wir müssen schauen, wie mehrere Erdwärmesonden nebeneinander betrieben werden können, ohne dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machen. Aber aktuell und ganz praktisch fehlen uns momentan Fachleute, die Erdwärmeheizungen installieren können. Gerade wenn wir eine ganz schnelle Erdwärmewende schaffen wollen, ist das momentan unser größtes Problem.

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MDR (Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. August 2022 | 17:30 Uhr

7 Kommentare

Steffen 1978 vor 6 Wochen

Hohe Stromkosten werden hier außer Acht gelassen gerade Netzbetreiber der schlecht ausgebauten Stromnetze in vielen Regionen werden einer Leistungserhöhung des Strombedarfs nicht zustimmen

nilux vor 7 Wochen

Als "Fan" der Erdwärme fände ich es hilfreich darauf hinzuweisen, dass diese Energiegewinnung sowohl im privaten, als auch im industriellen Bereich nur ein Ergänzung zu anderen Quellen sein kann.

Der Pegauer vor 7 Wochen

Wenn die Subventionen und Fördermittel reichlich fließen, gerne. Die vielen guten Ideen der sogenannten Energiewende werden auf Dauer nicht ohne Bezuschussung auskommen und realisiert werden können. Oder glaubt wirklich einer ernsthaft, dass zum Beispiel die Erzeugung von Wasserstoff durch Hydrolyse jemals an den Preis von einem Äquivalent Erdgas herankommen wird? Der Herr Professor weiß wahrscheinlich nicht, wieviel eine Tiefenbohrung kostet. Unter 10.000 € geht da gar nichts. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie Großstädte wie Halle oder Leipzig oder andere mit überwiegendem Geschosswohnungsbau wie ein Schweizer Käse durchlöchert werden müssten, um an die begehrten Wärmemengen heranzukommen. Typische Ansichten aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft. Wahrscheinlich auch wieder nur modelliert wie die Zahl der Corona-Infektionen der Star-ModelliererInnen. Namen nenne ich hier mal keine.

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