Neue Zahlen zum Lehrkräftemangel Dramatisch schlechte Unterrichtsversorgung in Teilen Sachsen-Anhalts

Wie stark Schülerinnen und Schüler vom Lehrkräftemangel in Sachsen-Anhalt betroffen sind, ist neuesten Zahlen zufolge abhängig davon, in welcher Region sie wohnen und welche Schule sie besuchen. Die kürzlich beschlossenen Maßnahmen, die die Unterrichtssituation verbessern sollen, stehen erneut in der Kritik.

Schüler einer 3. Klasse sitzen während eines Presserundgangs in einem Klassenzimmer der Grundschule Georgius Agricola vor einem Laptop.
Während in Halle die Unterrichtsversorgung vergleichsweise gut ist, schneiden andere Regionen deutlich schlechter ab. Bildrechte: dpa

"Wir halten am Ziel der 103-prozentigen Unterrichtsversorgung fest." So steht es im Koalitionsvertrag der Landesregierung von Sachsen-Anhalt. Das Problem ist nur: viele Schulen im Land sind weit von diesem Ziel entfernt. Nachdem bereits im Dezember 2022 klar wurde, dass die Unterrichtsversorgung auf durchschnittlich 93,5 Prozent gesunken war, geben neue Zahlen jetzt detailliertere Einblicke. Die Daten stammen aus einer bislang unveröffentlichten Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Thomas Lippmann (Die Linke), die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt.

Demnach sind Schülerinnen und Schüler abhängig vom Standort ihrer Schule unterschiedlich stark von mangelnder Unterrichtsversorgung betroffen. Während in Halle, Magdeburg sowie den südlichen Landkreisen der Anteil des Unterrichtsausfalls vergleichsweise überschaubar ist und über dem landesweiten Durchschnitt liegt, ist die Situation im Norden und Osten des Landes schlechter.

Diese und folgende Grafiken beziehen sich auf die 754 öffentlichen allgemeinbildenden Schulen in Sachsen-Anhalt. Daten zu den 110 Schulen in freier Trägerschaft liegen nicht vor.

In Halle fallen beispielsweise nur die öffentlichen Sekundarschulen mit einer Unterrichtsversorgung von 88 Prozent negativ auf, bei den restlichen Schulformen liegen die Werte nahe 100 Prozent oder sogar darüber. Ganz anders die Situation im Landkreis Börde, wo selbst die landesweit sonst gut aufgestellten Gymnasien nur auf 91 Prozent Unterrichtsversorgung kommen.

Lehrermangel: Einige Schulformen besonders betroffen

Neben den regionalen Unterschieden offenbaren die neuen Zahlen zum Lehrkräftemangel in Sachsen-Anhalt, dass für einige Schulformen die Lage weitaus prekärer ist als für andere. Denn während schon jetzt landesweit nur knapp jede vierte Schule eine Unterrichtsversorgung von über 100 Prozent erreicht, sind es bei den Förder-, Sekundar- und Gemeinschaftsschulen noch weitaus weniger. Eine Unterrichtsversorgung von über 100 Prozent bedeutet, dass Ausfälle wegen Krankheit oder Elternzeit ohne Unterrichtsausfall abgefedert werden können.

Gymnasien und Grundschulen schneiden im Vergleich zu anderen Schulformen zwar besser ab, doch auch hier erreicht die Mehrzahl der Schulen die von der Koalition gesteckten Ziele nicht einmal ansatzweise.

Lippmann: "Lehrkräftemangel wird immer mehr zu einer Frage sozialer Ungerechtigkeit"

Für den Bildungspolitiker Thomas Lippmann wird der Lehrkräftemangel in Sachsen-Anhalt immer mehr "zu einer Frage sozialer Ungerechtigkeit und ungleicher wirtschaftlicher Perspektiven". Lippmann sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass die zunehmenden Unterschiede in der Unterrichtsversorgung die ungleiche Entwicklung der Regionen des Landes befördern würden.

Wenn im Landkreis Börde nicht einmal mehr 90 Prozent der benötigten Lehrkräfte zur Verfügung stehen, während in der Stadt Halle, dem Hauptstandort der Lehramtsausbildung, fast alle Schulformen planmäßig unterrichten können, dann muss die Landesregierung die Weichen anders stellen.

Thomas Lippmann, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Linken im Landtag

Um dem Unterrichtsausfall entgegenzuwirken, sollen die Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen-Anhalt eine Stunde mehr pro Woche arbeiten. Diesen Vorschlag hat Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) auf einem Bildungsgipfel am 19. Januar 2023 gemacht. Dadurch soll die Unterrichtsversorgung wieder auf 100 Prozent steigen, wie Haseloff weiter erklärte.

Lippmann hingegen sagte, die verpflichtende wöchentliche Überstunde für alle Lehrkräfte sei "Krisenmanagement mit der Gießkanne". Seiner Ansicht nach entbehrt es jeder Grundlage, dass die in Halle weitgehend unnötig erzeugten Überstunden in andere Regionen mit riesigen Defiziten verlagert werden könnten.

Grundschulen sind Schlusslichter der Schulstatistik

Auch wenn Grundschulen in Sachsen-Anhalt im Vergleich zu anderen Schulformen im Durchschnitt vergleichsweise gut abschneiden, sind unter den zehn Schulen mit der schlechtesten Unterrichtsversorgung gleich vier Grundschulen. Schlusslicht der Statistik ist die Grundschule Langenweddingen im Landkreis Börde. Zum Stichtag 5. Oktober 2022 lag die Unterrichtsversorgung dort bei knapp unter 50 Prozent.

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MDR (Manuel Mohr, Lars Frohmüller) | Zuerst veröffentlicht am 24.01.2023

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Januar 2023 | 16:00 Uhr

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