Wirtschaftsforum Autozulieferer im Harz hoffen auf neue Bundesregierung

19. November 2024, 14:02 Uhr

Die deutsche Wirtschaft strauchelt. Die Autobauer sind im freien Fall und im Sog ziehen sie ihre Zulieferbetriebe gleich mit. Und von diesen Automobil-Zulieferern sitzen im Harz eine ganze Menge. Aufträge brechen weg und die Angst um Arbeitsplätze geht um. Themen, die auch das neunte Wirtschaftsforum Harz am 14. November in Ilsenburg beherrscht haben. Große Hoffnung wird hierbei in die zukünftige Bundesregierung gesetzt – dabei gibt es klare Erwartungen von der Wirtschaft.

Swen Wudtke
Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Nahezu täglich kommen aus reinen Automobil-Zulieferfirmen neue Hiobsbotschaften – Kurzarbeit – wegbrechende Aufträge – drohende Entlassungen. Das Unternehmen von Nils Appelt in Wernigerode bleibt bislang davon verschont. Mit etwa 20 Prozent Auftragsvolumen hänge man nicht am Tropf der Autobauer, denn bei der PSFU Wernigerode GmbH werden Präzisionsteile branchenübergreifend produziert.

Appelt aber kennt in seinem Umfeld viele Geschäftsfreunde in reinen Zulieferbetrieben, die "viel Geld in die Hand genommen haben, um vom Verbrenner in Richtung E-Mobilität umzuschwenken." Das habe soweit auch hervorragend geklappt. Doch im Augenblick sei die Nachfrage nach E-Autos eingebrochen, konstatiert Appelt. "Und die Firmen stehen nun vor richtig großen Problemen."

Wirtschaftsforum Harz: Neue Hoffnung wird in neue Bundesregierung gesteckt

Auf dem Wirtschaftsforum im Harz wird über die Zukunft der Automobilbranche diskutiert.
Nils Appelt, Vizepräsident der IHK, findet, dass das größte Problem die Unvorhersehbarkeit ist. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Nils Appelt ist nicht nur Unternehmer, sondern gleichzeitig Vizepräsident der IHK Magdeburg. Er kenne die Sorgen und Nöte und bemängelt für die Volkswirtschaft unklare Rahmenbedingungen. "Und das ist eigentlich das größte Problem für mich, diese Unvorhersehbarkeit, wo geht die Reise hin. In welche Richtung muss ich mich und mein Unternehmen bewegen? Also nichts ist wichtiger als Planungssicherheit. Und wenn es nur für einen Horizont von vier bis fünf Jahren ist", sagt er MDR SACHSEN-ANHALT.

Dieses beherrschende Thema, also die unklaren Rahmenbedingungen, drückt auf das Stimmungsbarometer beim Wirtschaftsforum Harz. Aber: Viele Teilnehmer sehen im Platzen der Berliner Ampel einen ersten Fortschritt. Und an eine neue Bundesregierung hat etwa die Handwerkskammer Magdeburg klare Erwartungen.

Ihr Hauptgeschäftsführer Burghard Grupe meint: "Warum nicht mal die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß senken?" Mit Blick auf überbordende bürokratische Zwänge spielt er zudem auf das Vergabegesetz in Sachsen-Anhalt an. Und "wir müssen grundsätzlich mal die Gesetze entschlacken", erklärt Grupe eine der Hausaufgaben für eine neue Bundesregierung. "Am besten mit einem Praxischeck für Gesetze vor dem Inkrafttreten." Dann wisse man genau, so der HWK-Chef, wie sie sich vor Ort auswirkten.

Landrat Balcerowski: Es braucht auch andere Industrien im Harz

Auch im internationalen Kontext fordert Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) schnellstmöglich eine handlungsfähige Regierung in Berlin. Wenn der designierte US-Präsident Donald Trump auf deutsche Produkte Zölle erhebt – etwa für deutsche Autos, dann "brauchen wir eine Bundesregierung, die dagegen agiert, die in der Lage ist, mit den USA oder mit China auf Augenhöhe zu diskutieren", so Schulze beim Wirtschaftsforum Harz zu MDR SACHSEN-ANHALT.

Auf dem Wirtschaftsforum im Harz wird über die Zukunft der Automobilbranche diskutiert.
Auf dem Wirtschaftsforum im Harz wird über die Zukunft der Autobranche diskutiert. Hoffnungen werden dabei in die Bildung der neuen Bundesregierung gesetzt. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Nach den Worten von Landrat Thomas Balcerowski (CDU) brauche es neben den Automobilzuliefern neue Industrien im Harz, um Jobs zu halten und zu schaffen. "Denn wenn man fürs E-Auto baut, wird die Beschäftigung insgesamt zurückgehen." Die Sorge um jeden einzelnen Arbeitsplatz teile der Verwaltungschef im Harzkreis. "Die Ängste sind berechtigt. Aber das darf uns nicht in eine Schockstarre versetzen, wenn wir den Menschen eine Perspektive geben wollen."

Bei allem bleibt zu hoffen, dass für manch gebeutelten Automobilzulieferer im Harz eine mögliche Wirtschaftswende nicht zu spät kommt.

MDR (Swen Wudtke, Maximilian Fürstenberg), zuerst veröffentlicht am 18.11.2024

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. November 2024 | 19:00 Uhr

67 Kommentare

ElBuffo vor 19 Wochen

Wir hatten doch schicke Verträge mit russischen Anbietern. Nur wollten die plötzlich nicht mehr liefern. Ganz ohne Sanktionen, die es schließlich gar nicht gab. Jedenfalls nicht von unserer Seite. Wir sind auch nirgendwo einmarschiert.

emlo vor 19 Wochen

@pwsksk: Ach, wir sollen auf den "äußerst zuverlässigen" Energielieferanten Russland setzen, der gerade Österreich den Gashahn zugedreht hat?! Auf diese "geniale" Idee muss man erst mal kommen! Ich bin froh, dass wir von diesem Despoten nicht mehr abhängig sind!
Zum Fachkräftemangel: Die Qualifikationen, die gesucht werden, dürften bestenfalls teilweise bei Bürgergeldempfängern vorhanden sein. Und auch nicht jeder kann entsprechend geschult werden. Außerdem gehen in den kommenden Jahren so viele "Boomer" in Rente, dass die paar Bürgergeldempfänger (selbst wenn sie geeignet wären) dafür hinten und vorne nicht reichen.
Und Bürokratieabbau bedeutet nicht, dass wir alle Regularien (für die Wirtschaft) abschaffen sollten! Ungezügelten Steinzeit-Kapitalismus brauchen wir hier nicht!

beyer vor 19 Wochen

Mal zur Info: Große Teile der deutschen Solarwirdtschaft wurden so um 2012 der deutschen Autoindustrie geopfert - keine Strafzölle auf subventionierte chinesische Platten aus Angst vor Gegenmaßnahmen aus China - kurz zusammengefasst.

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