Blick in die Ausstellung "Antike auf die Schippe genommen. Karikaturen von Honoré Daumier (1808-18799"
Die Ausstellung "Antike auf die Schippe genommen" im Winckelmann-Museum Stendal zeigt Werke des französischen Karikaturisten Honoré Daumier. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Honoré Daumier Stendal: Ausstellung im Winckelmann-Museum nimmt die Antike auf die Schippe

18. Dezember 2023, 19:26 Uhr

Das Winckelmann-Museum in Stendal traut sich was: Die neue Sonderausstellung macht sich gnadenlos über die Antike lustig. Dabei hielt Johann Joachim Winckelmann, Begründer der klassischen Archäologie, dem das Museum gewidmet ist, die Antike für die ideale Epoche. Die Ausstellung "Antike auf die Schippe genommen" zeigt Arbeiten des französischen Karikaturisten Honoré Daumier (1808-1879). Im Frankreich des 19. Jahrhunderts waren seine satirischen Darstellungen antiker Ideale umstritten. Doch im Museum ist man sich sicher: Winckelmann hätte an den Karikaturen große Freude gehabt.

Das war schon ziemlich frech, was sich Honoré Daumier da im Frankreich des 19. Jahrhunderts leistete. Mit gekonnten Strichen und – unter anderem – auf den ersten Farbkreide-Lithographien überhaupt, ließ er an den antiken Idealen und den antiken Helden kaum ein gutes Haar. Die Göttinnen und Nymphen sehen auf seinen Bildern aus wie ordinäre, einfältige Weiber. Den Helden ist dort von ihrem Heroentum nichts geblieben.

Auf einem Bild zeigt Daumier eine Szene nach Odysseus' Rückkehr nach Hause zu seiner Frau Penelopé. Jahrzehntelang war der Held unterwegs, bestand vermeintlich die größten Abenteuer – und nun liegt er im Bette, die Zipfelmütze auf dem schmalen Schädel, zahnlos, schnarchend, ein alter und gebrechlicher Mann.

Blick in die Ausstellung "Antike auf die Schippe genommen. Karikaturen von Honoré Daumier (1808-1879)"
Der antike Jüngling steht im Kontrast zu den satirischen Darstellungen antiker Ideale in Daumiers Karikaturen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine andere Karikatur zeigt die legendäre Laokoon-Gruppe. Die antike Skulptur gilt als eine der bedeutendsten der europäischen Geisteswelt. Daumier allerdings holt den mit dem Tode ringenden Priester und seine beiden Söhne ins 19. Jahrhundert: Der Priester stellt die "Britannia" dar, die sich gegen Irlands Unabhängigkeitsbestrebungen wehrt, er ringt – mit den Abtrünnigen wie der Priester mit der Schlange. Einer der Söhne ist Italien, das alles daran setzte, ein Nationalstaat zu werden. Der zweite Sohn zeigt das Osmanische Reich, in dem es bedeutende separatistische Bestrebungen gab.

Karikaturen erscheinen in legendärer französischen Satirezeitschrift

So etwas zu veröffentlichen war ziemlich mutig, vor allem im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Die Revolution dort hatte sich ja auch an den Idealen der Antike orientiert, an deren Gedanken von Freiheit und Aufklärung. Dieses Weltbild riss Honoré Daumier mit ein paar Strichen ein. Respektlos, aber künstlerisch auf höchstem Niveau.

Seine Karikaturen – auch tagesaktuelle bitterböse – fanden schließlich durch die legendäre Satirezeitschrift "Le Charivari" Verbreitung. Mehrfach standen Daumier und sein Verleger Philipon vor Gericht. Einige Male wurde die Zeitschrift verboten, dann wieder zugelassen.

Blick in die Ausstellung "Antike auf die Schippe genommen. Karikaturen von Honoré Daumier (1808-18799"
So sah Daumier Venus und Mars: einfältig, ordinär, ohne den leisesten Anflug von Schönheit oder Heldentum. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit der Zeit, schon im Laufe des 19. Jahrhunderts, erfuhr Daumiers respektloser Umgang mit den antiken Idealen immer mehr Fürsprecher. Gerade junge Menschen, darunter viele Künstler, betrachteten die Antike als verstaubt, als Dekor einer vergehenden Generation.

Heutzutage, am Ende des Jahres 2023, lässt sich noch befreiter lachen über Daumiers bitterbösen Humor und die offenbare Leichtigkeit, mit der er Legenden, Sagen, Heldinnen und Helden von ihren Thronen schubst. 50 Farbkreide-Lithographien – eine ganze Sammlung – steuert die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz zu der Sonderausstellung in Stendal bei. Auch das Wilhelm-Busch-Museum Hannover und die Kunstsammlungen Chemnitz schickten ausgewählte Karikaturen in die Altmark.

Winckelmann-Museum beweist mit Ausstellung Humor

Und auch wenn im Winckelmann-Museum und in der Winckelmann-Gesellschaft der große Antike-Forscher mit aller Ernsthaftigkeit behandelt und analysiert wird – dieses Mal beweisen selbst die Wissenschaftler vor Ort, dass sie Humor haben.

Dr. Kathrin Schade, Kuratorin der Ausstellung
Dr. Kathrin Schade hat die Ausstellung im Winckelmann-Museum Stendal kuratiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Kuratorin Kathrin Schade weist auf Skulpturen in den Ausstellungsräumen und sagt: "Damit man auch nicht vergisst, wie man sich die antiken Helden vorzustellen hat, haben wir immer mal so einen schönen Jüngling mit im Raume." Die Figuren würden das Schönheitsideal der Antike, die "edle Einfalt und stille Größe á la Winckelmann" repräsentieren." Und dahinter sieht man dann eben, was Daumier daraus gemacht hat", erläutert die Kuratorin.

Kathrin Schade ist sich sicher: An den Arbeiten des Honoré Daumier hätte auch Winckelmann seine helle Freude gehabt. Die Ausstellung im Winckelmann-Museum in Stendal ist noch bis Anfang März 2024 zu sehen.

Informationen zur Ausstellung: "Antike auf die Schippe genommen. Karikaturen von Honoré Daumier (1808-1879)"

bis 3. März 2024

Winckelmann-Museum
Winckelmannstr. 36-38
39576 Stendal

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: lig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Dezember 2023 | 06:15 Uhr

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