Apothekerin Karolin Romahn mit Mitarbeiterinnen, Osterburg.
Karolin Romahn und ihre Mitarbeiterinnen in Osterburg. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Gegen Bundespolitik Warum eine Apothekerin aus der Altmark streikt

Von Katharina Häckl, MDR SACHSEN-ANHALT

29. November 2023, 14:42 Uhr

Viele Apothekerinnen und Apotheker aus Sachsen-Anhalt beteiligen sich Mittwoch am Apothekenstreik. Eine davon ist Karolin Romahn aus der Altmark. Sie beklagt Personalmangel, Arzneimangel und Fachkräftemangel. Die Politik des Gesundheitsministeriums kritisiert sie scharf.

  • Die Apothekerin Karolin Romahn aus der Altmark am Mittwoch streikt, um gegen zahlreiche Probleme zu protestieren.
  • Sie kritisiert insbesondere die politischen Lösungen gegen den Personalmangel.
  • Der Landesapothekerverband bemängelt die Honorierung der Apotheker.

Von ihrem Beruf als Apothekerin habe sie eine ganz andere Vorstellung gehabt, sagt Karolin Romahn ein wenig traurig. Immer seltener habe sie Kontakt zu den Kunden, immer mehr Zeit verbringe sie vor dem Computer. Statt beratend tätig zu sein, verwalte sie den Mangel: den an künftigen Fachkräften, den aktuellen an Personal und den an Arzneimitteln.

An der Politik des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach lässt Romahn kaum ein gutes Haar. Er versuche mit allen Mitteln, auf dem Rücken der Bürger und der Apotheker Geld zu sparen. So sei die Abgabe an die Krankenkasse kurzfristig von 1,77 Euro pro rezeptpflichtiger Arzneimittel-Packung auf zwei Euro gestiegen. Dabei seien doch auch alle anderen Kosten gestiegen: die für Strom und Heizung, aber auch die für Personal.

Was der Apothekenabschlag bei einem Arzneimittel ist

Krankenkassen erhalten von den Apotheken für Fertigarzneimittel einen sogenannten Apothekenabschlag in Höhe von gesetzlich festgelegten 1,77 Euro je Arzneimittel. Vom 1. Februar 2023 bis 31. Januar 2025 beträgt der Abschlag 2 Euro. Das Bundesgesundheitsmististerium hat eine Auflistung darüber erstellt, wie sich Arzneimittelpreise zusammensetzen. Neben dem Apothekerabschlag gibt es noch Herstellerabschläge und Rabattverträge zwischen Pharmaindustrie und Krankenkasse. Das alles zusammen fließt in den Preis für ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel ein. (Quelle: Bundesgesundheitsministerium)

Personalmangel und fehlende Lösungen

Die Apotheken leiden laut Romahn unter Personal- und Fachkräftemangel. Viele Ideen des Bundesgesundheitsministers zur Lösung dieses Problems hält Karolin Romahn dennoch für hanebüchen. Minister Lauterbach hatte Romahn zufolge zum Beispiel vorgeschlagen, dass nicht mehr zwingend in jeder Apotheken-Filiale eine Apothekerin anwesend sein müsse. Pharmazeutisch-Technische Assistentinnen (PTA) würden genügen. Sie sollten im Zweifelsfalle über Videokonferenzen mit ihrer Apothekerin oder ihrem Apotheker Rücksprache halten.

Karolin Romahn hält davon nichts. Sie sagt, sie habe ihren Beruf nicht gelernt, um dann vor dem Bildschirm zu sitzen. Sie wolle vor Ort mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mit den Kunden reden und "die Probleme mitkriegen". Wegen des Personalmangels habe sie in ihrer Seehäuser Filiale jetzt eine Mittagspause eingeführt, berichtet die 27 Jahre alte Apothekerin. Früher hätten die Mitarbeiter zeitversetzt Mittagspause gemacht; da hätte das Geschäft offenbleiben können. Jetzt aber schließt die Apotheke von 13 bis 14 Uhr.

Romahn streikt aus vielen Gründen. Vor allem aber, weil sie sich verunsichert fühle, sagt sie. Viele Vorschläge und Ideen aus den Ministerien seien mit der Apotheker-Realität nicht vereinbar. Sie vermisse vor allem Gesprächsbereitschaft. Bislang habe Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit den Apothekerverbänden nur sporadisch gesprochen. Auf dem Apothekertag habe er sich per Videokonferenz zuschalten lassen. "So kann man doch keine Gespräche führen", meint Romahn.

Landesapothekerverband kritisiert Honorare

Auch der Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt übt Kritik. Er kritisiert vor allem die Finanzierung der Apotheken. Die Honorare, die die Apotheker bekommen, stammten aus dem Jahr 2013. Die Leistungen und Herausforderungen aber stammten aus dem Jahr 2023. Das Managen der Lieferengpässe benötige enorm viel Zeit und Personal. Beides koste Geld, was den Apotheken zunehmend fehle.

Apotheke in Berlin
Der Landesapothekerverband kritisiert die Honorare für die Apotheker, die nicht an die Realität im Heute angepasst wurden. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / IPA Photo

Viele Apotheken befänden sich in einer wirtschaftlich äußerst angespannten Lage. Eine seit Jahren bestehende Unterfinanzierung belaste die Apotheken im Land. Enorme Steigerungen der Betriebskosten sowie die steigenden Tariflöhne der Mitarbeiter würden durch keine Honoraranpassungen ausgeglichen. Verbandschef Mathias Arnold erklärt: "In fast allen Bereichen der Gesundheitsversorgung werden die Zahlungen an die Leistungserbringer an die gestiegenen Kosten angepasst. Nur bei den Apotheken nicht. Im Gegenteil: Wir mussten in diesem Jahr sogar eine Honorarkürzung hinnehmen. Das kann auf Dauer keine Apotheke aushalten."

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat den November zum Protestmonat ausgerufen. Am 29. November wird deshalb den vierten Mittwoch in Folge gestreikt, diesmal in Ostdeutschland. Apotheken in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sollen geschlossen bleiben, um auf eine aus Sicht der Apotheker zu geringe Honorierung von Apothekenleistungen aufmerksam zu machen.

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MDR (Katharina Häckl, Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. November 2023 | 08:00 Uhr

16 Kommentare

Wagner vor 13 Wochen

Wer bezahlt denn in der Apotheke nichts ?? Irgendwie passt das nicht,was Sie schreiben.Und in der Apotheke ist Geiz gar nicht geil,wenn Sie sich mal umschauen.

Wagner vor 13 Wochen

Doch,es kann gestreikt werden. Aber hier streiken Unternehmen ,nicht die Angestellten.Wäre genauso,wenn die Bahn als Gesamtunternehmen den Betrieb einstellt oder die Verkehrsbetriebe mal nichts täten. Hier gehts doch darum,dass die Apotheker mehr von unseren Beiträgen wollen.Dh.sie wollen für uns Beitragserhöhungen,Sie und ich,wir sollen mehr zahlen.Der Verhandlungspartner von denen sind die Kassen oder der Freiverkauf—da können sie ja zuschlagen.

dieja vor 13 Wochen

Sicher es gibt in jeder Berufsgruppe sehr gut verdienende und schlecht verdienende.
Wenn der Beruf für alle so lukrativ wäre, warum besteht dann ein Mangel besonders im ländlichen Raum.

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