Kohleausstieg Ende des Braunkohlereviers: Quo vadis Weißwasser?

Die Lausitz erlebt seit 1990 abermals einen gewaltigen Strukturwandel. Nach der deutschen Wiedervereinigung schlossen die meisten Industriebetriebe: Textilindustrie, Landmaschinenbau, Brikettfabriken, Glasherstellung. Geblieben sind Tagebaue wie Nochten sowie die Kraftwerke Boxberg, Schwarze Pumpe und Jänschwalde. 2038 ist aber auch damit Schluss. Übrig bleiben eine umgewälzte Landschaft und die größten Maschinen der Welt. Was wird daraus?

Tagebau Nochten
Die Lausitz steckt erneut in einem großen Strukturwandel: Im Jahr 2038 ist mit dem Tagebaubetrieb in Nochten Schluss. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Die Region um Weißwasser befindet sich im Wandel des Kohleausstiegs. So gehören schon jetzt erste Solaranlagen und Windräder zur Tagebaulandschaft bei Nochten. Geplant sind in Zukunft laut Leag riesige Solarflächen zur Gewinnung erneuerbarer Energie. Doch noch wird Kohle in dem rund 3.000 Hektar großen Tagebau Nochten gefördert. Um an den fossilen Energieträger zu gelangen, müssen zuvor rund 80 Meter mächtige Deckschichten abgebaggert werden.

Solarpark vor dem Kraftwerk Boxberg
Der Solarpark vor dem Kraftwerk Boxberg lässt die zukünftige Entwicklung erahnen. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Blick in die Vergangenheit im Tagebau Nochten

Für Archäologen ist das die Gelegenheit einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Denn jede Erdschicht birgt Beweise von Lebensweisen vergangener Kulturen. Auch in der Lausitz. Darauf deutet beispielsweise ein freigelegtes Schlackeloch hin. Hier wurde Raseneisenerz verhüttet, in kleinen Lehmöfen, mit Holzkohle, wie die Landesarchäologin Regina Smolnik erklärt. "Was wir hier sehen, ist ein Schlackeklotz, der darauf hinweist, dass hier in der römischen Kaiserzeit Eisenverhüttung stattgefunden hat", so Smolnik. Es sei wie eine kleine Industriestätte gewesen, von der die Leute vor 2.000 Jahren profitiert haben. Das gewonnene Eisen ging dann in die größeren Besiedlungszentren.

Was wir hier sehen, ist ein Schlackeklotz, der darauf hinweist, dass hier in der römischen Kaiserzeit Eisenverhüttung stattgefunden hat.

Regina Smolnik Landesarchäologin

Ein Schlackeklotz, der darauf hinweist, dass hier Eisenverhüttung stattgefunden hat.
Archäologen haben im Tagebaugebiet einen Schlackeklotz freigelegt. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Diese frühe Gewinnung von Eisenerz erlebte Aufschwung und Niedergang. So bricht nach der römischen Kaiserzeit etwa um 400 nach Christus die Besiedlung in der Lausitz ab. Warum? Die Archäologen vermuten eine frühe Umweltkatastrophe als Ursache: Das Erz war verbraucht, die Wälder abgeholzt, Sandstürme machten ein Leben unmöglich. Doch die Menschen kamen wieder zurück.

Eine großen Boom erlebte Weißwasser wie so viele Städte mit dem Bau der Eisenbahn. Mitte des 19. Jahrhunderts war Weißwasser noch ein kleines Dorf mit etwa 600 Einwohnern. Doch mit den ersten Gleisstrecken siedelten sich zunehmend Glashütten an. Elf Glasbetriebe produzierten kurz vor dem Zweiten Weltkrieg Lausitzer Glaswaren. Es war ein neuer industrieller Aufschwung.

Industrieller Niedergang nach der Wende

Mit der Einheit von Ost- und Westdeutschland im Jahr 1990 erlebt die Lausitz abermals einen gewaltigen Strukturwandel. Nach der deutschen Wiedervereinigung schlossen die meisten Industriebetriebe - Textilindustrie, Landmaschinenbau,  Brikettfabriken und Glasproduktion. Wie sehr die Stadt Weißwasser nach 1990 abgehängt wurde, symbolisiert der unsanierte Bahnhof.

Wie sehr Weißwasser nach 1990 abgehängt wurde symbolisiert der unsanierte Bahnhof.
Der Bahnhof in Weißwasser soll mit Geld aus dem Kohleausstieg saniert werden. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Weißwassers Oberbürgermeister Tosten Pötzsch kämpft für seine Stadt. Er will ein zweites Gleis und die Elektrifizierung der Bahn. Die bessere Anbindung nach Berlin ist zwar grundsätzlich beschlossen worden, doch streiten sich Bund, Bahn und die Länder Brandenburg und Sachsen um die Finanzierung. Aber ohne eine gute Infrastruktur ist eine neue Transformation in der Region nicht möglich, weiß Pötzsch.

Wir haben das Glück, dass sich ein Glasproduzent in Weißwasser ansiedeln will und wir zu unseren industriellen Wurzeln zurückkehren.

Torsten Pötzsch Oberbürgermeister von Weißwasser

Auch die Industriebrachen aus dem 20. Jahrhundert bieten eine Chance. Neue Unternehmen siedeln sich an, auch Kulturvereine. Ein Beispiel ist der gerettete Speicher des Bauhaus-Architekten Ernst Neufert. Hier lagerten einmal die Glaswaren der Stadt, um mit der Bahn in alle Welt exportiert zu werden. Fast wäre das Gebäude nach Privatisierung und Verfall abgerissen worden. Jetzt wird das Industriedenkmal saniert.

Der Speicher des Bauhaus-Architekten Ernst Neufert. Hier lagerten einmal die Glaswaren der Stadt, um mit der Bahn in alle Welt exportiert zu werden. Fast wäre das Gebäude nach Privatisierung und Verfall abgerissen worden. Jetzt wird das Industriedenkmal saniert.
Der Speicher des Bauhaus-Architekten Ernst Neufert wird saniert. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Neuer Aufschwung mit dem Strukturwandel?

"Derzeit sichern wir das Gebäude und haben das Dach zu zwei Dritteln erst einmal geschlossen", beschreibt Pötzsch den aktuellen Stand der Bauarbeiten. In diesem Jahr soll auch der Rest des Dachs sowie die offene Stirnseite zum Bahngleis hin geschlossen werden. Nutzungsideen gibt es für das Industriedenkmal viele. Warum soll es nicht wieder Lager werden? Oder ein Archiv oder Rechenzentrum?

Torsten Pötzsch
Weißwassers Oberbürgermeister Tosten Pötzsch kämpft für ein zweites Gleis und die Elektrifizierung der Bahn. Bildrechte: dpa

Auch in die ehemalige Glasfachschule soll laut Pötzsch bald wieder Leben einziehen. Gebaut in den 1950er Jahren wurden in der Schule die Glasingenieure und Meister ausgebildet. Die vergangenen Jahre stand das Haus leer und drohte zu verfallen.

"Wir haben das Glück, dass sich ein Glasproduzent in Weißwasser ansiedeln will und wir zu unseren industriellen Wurzeln zurückkehren", so der Weißwasseraner Bürgermeister. Deswegen müsse man nun auf Ausbildung setzten. Bis 2026 will die Stadt in der alten Glasfachschule ein Ausbildungs- und Weiterbildungszentrum für die Glasindustrie und andere Berufsgruppen errichten. Die Fördermittel ihm Rahmen des Strukturwandels liegen bereit. 

Bald soll wieder Leben in die ehemalige Glas-Fachschule einziehen wird. Gebaut in den 1950er-Jahren wurden hier die Glasingenieure und Meister ausgebildet. Seit Jahren steht das Gebäude leer und droht zu verfallen.
Bald soll wieder Leben in die ehemalige Glasfachschule einziehen. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Spannende Zeugnisse der Industriegeschichte

Weißwasser setzt auf den Reichtum an Zeugnissen seiner Industriegeschichte. Vorbild sind die Energiefabrik Knappenrode und die F60 Förderbrücke in Lichterfeld bei Finsterwalde im Brandenburgischen Revier. Die Tagebaue und Kraftwerke des Reviers Weißwasser werden selbst einmal Denkmale der Industriegeschichte sein und sich weiterentwickeln, ist sich Ulrike Wendland, Geschäftsführerin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, sicher.

"Wir lernen, dass in Gebieten, die im Strukturwandel sind und sich der neuen Energie öffnen, auch wieder Industrieansiedlungen kommen." Gleichwohl sei dieser Transformationsprozess für alle schwierig und auch schmerzhaft. Da brauche man gar nichts schönreden, wo Wendland.

MDR (wn)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 05. Mai 2022 | 07:30 Uhr

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