Symbolfoto zum Thema Teenager und Alkohol
Erst der Rausch, dann der Absturz: Alkohol und Nikotin sind die Partydrogen Nummer eins bei Jugendlichen in Dresden, weiß Linda Knechtel von der Mobilen Jugendarbeit zur Suchtprävention. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / epd

Suchtprävention Sozialarbeiterin: "Alkohol und Nikotin sind die Partydrogen Nummer eins"

21. Juli 2023, 06:00 Uhr

Am Freitag wird bundesweit an Menschen erinnert, die nach Konsum illegaler Drogen gestorben sind - auch in Dresden. Sozialpädagogin Linda Knechtel organisiert Workshops zur Suchtprävention und klärt Schülerinnen und Schüler über die Folgen von Alkohol, Nikotin und Cannabis auf. Im Interview mit MDR SACHSEN berichtet sie, wie unterschiedlich Eltern auf die Themen Rausch und Drogen bei ihren Kindern reagieren und gibt Tipps.

Am Freitag wird international der Drogentoten gedacht. 2022 sind in Sachsen 24 Menschen in Folge ihres Drogenkonsums gestorben. Sie haben in Ihrer Suchtpräventionsarbeit vorrangig mit Jugendlichen zu tun. Reden Sie auch über die Drogentoten?

Linda Knechtel: Wir arbeiten mit den bundesweiten Zahlen, die Jahr für Jahr neue Höchststände erreichen. 2012 gab es 944 Tote. 2022 waren es 1.990 Verstorbene. Die Dunkelziffer ist sicher sehr viel höher. Es kommen ja meist nur die in die Statistik, die in Kliniken oder für die Polizei auffällig wurden.

In unseren Workshops zur Suchtprävention an Schulen ab der 8. Klasse geht es hauptsächlich um Alkohol und Nikotin, die Partydrogen Nummer eins. Alkohol ist omnipräsent. Jeder kennt ihn von Familienfeiern, von der Jugendweihe oder aus dem Umfeld. An dritter Stelle steht Cannabis. Vereinzelt haben manche junge Menschen auch Erfahrungen mit anderen illegalisierten Rauschsubstanzen.

Was meinen Sie damit?

Wir machen auch Partybegleitung in der Dresdner Nachtszene. Das heißt, wir sind mit Infoständen in Clubs, beraten bei Fragen, informieren und sind im Notfall nach Drogenkonsum als Ersthelferinnen und Ersthelfer zur Stelle. Da geht es dann auch um illegalisierte Rauschsubstanzen wie zum Beispiel Ecstasy.

Hintergrund zum Gedenktag für Drogenopfer

  • Der Tag wurde 1998 erstmal veranstaltet und geht auf das Drogenopfer Ingo Marten zurück. Er starb am 21. Juli 1994 in Gladbeck in Nordrhein-Westfalen. Seine Mutter setzte sich dafür ein, dass drei Jahre nach dem Tod des Sohnes in einem Park in Gladbeck eine "Gedenkstätte für verstorbene Drogenabhängige" eingerichtet wurde.
  • Dieser Initiative folgten andere Städte bundesweit, mittlerweile beteiligen sich 34 Kommunen am Gedenktag.
  • Seit 2019 gedenkt auch Dresden mit Aktionen allen Menschen, die durch den Konsum illegalisierter Drogen gestorben sind.
  • Am Freitag findet das Gedenken im Dresdner Alaunpark von 16 bis 20 Uhr statt. Neben Reden, einem Infostand und Platz für Gespräche und Erinnerungen, können Interessierte und Angehörige auch Steine bemalen und unter einem Baum ablegen. Die Initiativen Safe DD - Straßensozialarbeit für Erwachsene, Aids-Hilfe Dresden e.V., die Mobile Jugendarbeit zur Suchtprävention und die Mobile Jugendarbeit Dresden-Neustadt (beide zur Diakonie Dresden gehörend) laden ein.
  • In Leipzig findet die Gedenkveranstaltung von 15:00 bis 17:30 Uhr im Elsapark zwischen Luther- und Elsastraße statt. Die Andacht hält der Pfarrer Sebastian Keller von der Dreifaltigkeitskirchgemeinde. Ab 16 Uhr besteht die Möglichkeit für gemeinsame Gespräche bei Kaffee, Kuchen und Gegrilltem.

Grabkerze und Blumen
Eine Kerze, ein paar Blumen und Raum zum Erinnern bieten Organisatoren am Freitag Freunden und Angehörigen von Drogenopfern beim Gedenken im Alaunpark in Dresden. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance / dpa-tmn | Christin Klose

Zurück zur Arbeit in den Schulen. Wie schaffen Sie es, dass die jungen Leute offen reden?

Das kriegen wir mit interaktiven Methoden gut hin. Die Klasse wird geteilt, maximal 15 junge Leute sitzen mit uns, ohne Lehrkraft, im Stuhlkreis. Der Themenkomplex Rausch, Drogen, Jugendalter ist sensibel. Mit einer Lehrkraft im Zimmer würden die Schülerinnen und Schüler nicht so offen sprechen. Wir weisen in den Workshops darauf hin, dass wir der Schweigepflicht unterliegen. Unser Ansatz ist akzeptanzorientiert und wir arbeiten mit den jungen Leuten auf Augenhöhe. Wir nehmen die Lebenswelt der Jugendlichen, wie sie ist und verurteilen niemanden, der sich für Drogenkonsum entscheidet. Ganz wichtig ist, dass der Zeigefinger unten bleibt. Dafür sind die Jugendlichen dankbar und wollen ins Gespräch kommen.

Warum konsumieren junge Menschen Drogen?

Aus typischen Gründen im Pubertätsalter: Neugier, sich ausprobieren und über Grenzen gehen, Spaß, oft auch Gruppendruck, auch mal Liebeskummer und Stress. Sie trinken ja nicht Alkohol, um sich bewusst zu betäuben, sondern haben ihren ersten Rausch bei der Jugendweihe oder bei der ersten Party mit Freunden. Wir besprechen in den Workshops die Wirkungen von Rauschmitteln und was einen Rausch alles beeinflussen kann. Wir informieren über Substanzen und gehen auf Risiken und Folgen ein. Wir wollen dafür sensibilisieren, dass es im Jugendalter keinen risikoarmen Drogenkonsum gibt. Andererseits wollen und können wir niemandem verbieten, Erfahrungen zu sammeln. Die Jugendlichen machen es so oder so.

Wie sollten Eltern von Jugendlichen das Thema Rausch und Drogenkonsum angehen?

Bei unserem HaLt-Projekt, wo es primär um junge Menschen geht, die wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt wurden, kristallisieren sich verschiedene Umgänge der Eltern mit der Situation heraus: Die, die in eher ungünstiger Weise wirken, weil sie nur Sanktionen aussprechen, bestrafen, Hausarrest geben. Dann diejenigen, die einen sehr liberalen und offenen Umgang damit haben. Und dann gibt es die Eltern, die einen Mittelweg versuchen. Einerseits sind sie verständlicherweise sehr besorgt, wenn ihr Kind mit 2 Promille Alkohol im Blut im Krankenhaus aufwacht. Andererseits wollen sie wegen der Ausnahmesituation auch nicht zu viel Druck ausüben.

Naja, wer sein Kind nach einem Vollrausch irgendwo abholen muss, wird kaum tiefenentspannt reagieren?

Genau. Optimal wäre vermutlich eine Mischung aus beidem im Umgang mit dem Thema: Nicht zu frei agierend, nicht zu sanktionierend, aber immer im Gespräch mit dem Jugendlichen bleibend, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Nicht nur aus eigener Perspektive handeln, sondern auch auf die Bedarfe des Kindes eingehen. Diese sind manchmal konträr zu denen der Eltern. Es braucht Kompromisse - egal, wie anstrengend die Pubertät für beide Seiten sein kann. In einigen Gesprächen mit Jugendlichen wurde deutlich, dass sie sich einen klaren Rahmen von ihren Eltern wünschen würden. Eine Art Verhandlungsprozess, in dem auch ihre Sicht auf die Dinge einen Stellenwert hat.

Zwei Rettungssanitäter kömmern sich vor der Notaufnahme des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover um einen stark betrunkenen Jugendlichen.
Wie sollen Eltern mit der Situation umgehen, wenn ihr Kind stark betrunken in der Notaufnahme landet? (Archivbild) Bildrechte: picture-alliance/ dpa | Peter Steffen

Immer wieder wird gesagt, man soll im Gespräch bleiben. Warum ist das so schwer?

Zu wenig Zeit und Stress bricht vielen das Genick. Einige Eltern setzen ihre Prioritäten im Berufsleben, haben weite Arbeitswege, Leistungsdruck. Den haben auch die jungen Leute. Es ist erschreckend, wie viele Schülerinnen und Schüler Stress verspüren, wenn man sie fragt. Das durchzieht die ganze Gesellschaft.

Suchtprävention muss schon viel früher beginnen als wie bei uns ab Klassenstufe 8. Unser Projekt ist das einzige stadtweite Suchtpräventionsprojekt dieser Art in Dresden. Drei volle Stellen, die sich vier Teilzeitmitarbeitende teilen. Vier Menschen für eine ganze Stadt? Es ist viel mehr Fachpersonal notwendig, mehr Weiterbildung für Lehrerpersonal und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, mehr Elternabende.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fakten zu illegalen Drogen und Drogenopfern - Laut Bundeskriminalamt sind 2022 in Deutschland 1.990 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen gestorben. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Oberwiesenthals. Im Jahr davor waren es laut Bundeskriminalamt 1.826 Drogentote. Die häufigste Todesursache waren der Konsum von Heroin und Opiat-Substitutionsmitteln.

- In Sachsen waren es im vorigen Jahr 24 Tote, die die Polizei als "Rauschgift-Tote" bezeichnet. Todesursache war bei zehn Menschen Methamphetamin und Methamphetamin in Verbindung mit anderen Substanzen. Sechs Drogenopfer starben nach Konsum von Heroin oder Heroin in Verbindung mit anderen Substanzen.
- Die Großstädte Leipzig, Dresden und Chemnitz sind in Sachsen am meisten von Rauschgiftkriminalität betroffen, gefolgt von Nordsachsen, Bautzen und Görlitz.

- 2022 registrierte Sachsens Polizei 13.353 Drogendelikte. Die meisten davon (10.270 Delikte) waren allgemeine Verstöße nach § 29 des Betäubungsmittelgesetzes (BtmG), auch Konsumentendelikte genannt. Sie umfassen den Besitz, Kauf und die Abgabe von Betäubungsmitteln.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 21. Juli 2023 | 19:00 Uhr

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