Advent Dresdens verspottete Neumarkt-Fichte hat ernsten Hintergrund

Eigentlich sollte er ein Aushängeschild Dresdens sein: der Weihnachtsmarkt am Neumarkt – im Schatten der Frauenkirche. Doch aktuell zieht der "Advent auf dem Neumarkt" viel Spott auf sich. Grund ist der Weihnachtsbaum, der in den sozialen Medien schon als hässlichster Weihnachtsbaum Deutschlands gehandelt wird. Dabei gibt es einen ernsten Grund für das Aussehen der Fichte.

Weihnachtsbaum Dresden
Die Fichte auf dem Dresdner Neumarkt stammt aus der Sächsischen Schweiz und hat zwei trockene Sommer und den Waldbrand im August überstanden. Bildrechte: MDR/ Julian Wallner

Üppiges Grün, dichte Zweige, herrlich geschmückt – so stellt man sich den perfekten Weihnachtsbaum vor. Dementsprechend enttäuscht ist vielleicht, wer aktuell über den Dresdner Neumarkt spaziert. Die Fichte aus dem Sachsenforst sieht ausgedünnt, beinahe kahl aus. Es wirkt, als ob sie ihre besten Tage bereits hinter sich hat.

Weihnachtsbaum Dresden
Der Neumarktfichte wird noch mit dem Herrnhuter Stern geschmückt und soll mit weiteren Ästen aufgepeppt werden, sagt das Organisationsteam. Bildrechte: MDR/ Julian Wallner

"Wenn man hier hergelaufen kommt, denkt man erstmal der Baum ist absolut abgewrackt. Er wird ja noch geschmückt, aber wenn man ihn jetzt erstmal so sieht, finde ich ihn nicht so schön", sagt Franka Benzakour. Die Dortmunderin kommt gebürtig aus Sachsen und ist offensichtlich enttäuscht vom Weihnachtsbaum auf dem Neumarkt.

Auf Sächsisch gesagt, sieht er ein bisschen mickrig aus.

Christfried Drescher Neumarkt-Besucher

Auch Christfried Drescher war vom ersten Anblick überrascht. "Als er aufgestellt wurde, haben wir alle ein bisschen komisch geguckt. Weil, auf Sächsisch gesagt, sieht er ein bisschen mickrig aus", sagt er und fängt an zu lachen.

Weihnachtsmarkt nicht auf den Baum reduzieren

Für Cathleen Janotte ist das Thema alles andere als lustig. Sie leitet die Agentur, die den Weihnachtsmarkt organisiert. Janotte findet es schade, den Markt nur auf den kahlen Baum zu reduzieren. "Der wird noch genauso aufgehübscht, wie unsere anderen Weihnachtsbäume, wird noch mit dem Herrnhuter Stern geschmückt und natürlich bekommt er noch ein paar Äste und sieht dann hoffentlich genauso schick aus wie die anderen." Nach zwei Jahren Corona will sie sich die Vorfreude auf den Weihnachtsmarkt nicht vom Spott im Internet nehmen lassen.

Eine Frau steht auf einem Platz, im Hintergrund ein Weihnachtsbaum.
Cathleen Janotte leitet die Agentur, die den Weihnachtsmarkt organisiert. Für den "Spottbaum" hat sie eine einfache Erklärung. Bildrechte: MDR/Julian Wallner

Waldbrände und Trockenheit als Ursache

Dass der Weihnachtsbaum dieses Jahr nicht so prachtvoll aussehen würde, das weiß Janotte bereits seit dem Sommer. Denn er stammt aus der Sächsischen Schweiz. Und durch die letzten beiden trockenen Sommer und die Waldbrände im August ist der Wald dort extrem geschwächt. "Die Bäume werden vom Sachsenforst extra für uns ausgesucht. Wir wollen das auch regional halten und den sächsischen Forst unterstützen", betont Janotte. Außerdem ist ihr wichtig zu ergänzen: "Die Bäume werden sowieso gefällt. Sie werden einzeln rausgenommen, damit der Wald weiterwachsen kann." Und auch nach dem Ende des Weihnachtsmarktes spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Der Baum wird als Feuerholz weiterverwendet.

Der Baum als Symbol

Diese Erklärung kommt bei Einheimischen wie Touristen gut an. Für Claudia Schmierer funktioniert der Baum so sogar als Zeichen: "Der Baum macht auf jeden Fall deutlich, dass mit dem Wald nicht mehr alles in Ordnung ist. Man kann damit die Leute darauf aufmerksam machen, dass der Wald leidet, dass er kaputt geht, durch Trockenheit, Stürme, Borkenkäfer." Und Doris Schäfer findet es sogar schöner, nicht nur perfekte Bäume zu präsentieren: "Ich finde, man sollte nicht nur Glitter und verwunschene Sachen haben, sondern auch die Realität zeigen."

Der Baum macht auf jeden Fall deutlich, dass mit dem Wald nicht mehr alles in Ordnung ist.

Claudia Schmierer Neumarkt-Besucherin

Der Vorfreude auf Weihnachten tut der Baum keinen Abbruch und Manfred Schlöbe aus dem thüringischen Münchenbernsdorf fasst es am Ende gut zusammen: "Baum ist Baum."

Die Waldbrände in der Sächsischen Schweiz

MDR (toz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 22. November 2022 | 19:00 Uhr

28 Kommentare

goffman vor 1 Wochen

Sag ich ja. Das ist so, wie mit den hungernden Kindern in Afrika. Wenn man zweimal im Jahr an einem Plakat vorbeiläuft, vielleicht einmal pro Jahr in der Fußgängerzone von einer Hilfsorganisation angesprochen wird, ist das ja noch in Ordnung, aber wer will denn jeden Tag das Leid und die Not sehen? Ich meine, da stumpft man ja auch ab. Nee, ist schon gut, dass das weit weg ist und man nicht persönlich betroffen ist, vor allem in der Adventszeit. Hauptsache, die Stadt ist schön erleuchtet, der Baum üppig und der Glühwein so heiß wie der Gas-Heizpilz daneben.

Damit wir uns nicht missverstehen:
Ich finde Weihnachtsmärkte auch schön. Aber ich kann mich auch freuen und fröhlich sein und trotzdem Augen und Verstand offen haben, für die Probleme unserer Welt - und eben auch danach handeln. Wozu brauche ich denn den größten Weihnachtsbaum? Warum muss denn die Weihnachtsbeleuchtung nachts um 2 noch leuchten? Warum überhaupt? Ist es nicht auch ohne schön? Vielleicht sogar weihnachtlicher?

Maria A. vor 1 Wochen

Beweist wieder mal, wie bewusst in der DDR mit Ressourcen umgegangen wurde. Es fand jede angebotene Krüppelkiefer Verwendung. Bleihaltiges Lametta gab es gar nicht, sowie kaum Weihnachtsdekoration. Wer Glück hatte und Verwandte "drüben", bügelte das Geschenkpapier von denen immer wieder auf. Geschenkband wurde ebenso behandelt. Plastikbeutel waren sowieso selten wie saftige Orangen. Völlerei war undenkbar, die Pulsnitzer Lebkuchen reichten nie. Und im Regal für Pralinenschachteln war drei Wochen im Monat gähnende Leere. Man hatte einen Anorak und für sein Paar Winterschuhe musste man, wenn es Lieferung gab, anstehen. Und so weiter... Tja, zwischen kärglich dekorierten Holzbuden, in denen es selten genug "Bück-dich-Ware" gab, stand ein ähnlich traurige Stimmung verbreitender Weihnachtsbaum, wie der hier diskutierte. Muss man sich halt schön trinken. Hat damals ja auch funktioniert. Der Glühwein kostet jetzt zwar das Vielfache, aber die Stimmung ist ähnlich, wie Ende der 80er.

Maria A. vor 1 Wochen

Meine Güte, muss denn alles ideologisch sein? Früher ging es beim Fußball um Fair Play und natürlich ums Gewinnen. Jetzt, wenn man die Medien verfolgt, ums Zeichen setzen. Ein geschmückter Baum stand mal für weihnachtliche Atmosphäre und sollte möglichst schön anzuschauen sein. Es gab sogar regelrechte Wettbewerbe unter Städten um den ansehnlichsten Weihnachtsbaum. Tja, der (Dresdner) Zeitgeist macht auch vor ihm nicht Halt und nutzt ihn als klimapolitisches Mahnmal. Egal, ob es nun der Mehrheit gefällt oder nicht...

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