Zwei Frauen stehen in einem Gerichtssaal.
Die Mutter (links) muss sich am Landgericht Erfurt wegen versuchten Totschlags verantworten. Sie weist die Vorwürfe zurück. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Justiz Prozess in Erfurt: Mutter soll unterkühltes Baby auf Balkon gelassen haben

19. Februar 2024, 21:11 Uhr

Vor dem Landgericht Erfurt ist seit Montag eine Frau wegen versuchten Totschlags an ihrem Baby angeklagt. Sie hatte das unterkühlte Kind laut Anklage unversorgt auf dem Balkon gelassen.

Gerichtsreporterin Cornelia (Conny) Hartmann vom MDR THÜRINGEN JOURNAL
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

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Das Erfurter Landgericht verhandelt seit Montag gegen eine 40-Jährige, die ihr Baby im Juli 2019 nach der Entbindung auf dem Balkon ihrer Gothaer Wohnung ablegte. Dass der kleine Junge noch lebt, ist aufmerksamen Nachbarn zu verdanken.

Vernachlässigter Säugling: Nachbarin hörte Wimmern auf Balkon

Sie habe schon morgens das Geräusch gehört, das sie für das Wimmern einer kleinen Katze hielt. Daran erinnert sich die Nachbarin im Zeugenstand noch gut. Als sie das Wimmern abends wieder hörte, suchte sie gemeinsam mit ihrem Sohn nach Ort und Ursache. Man habe sich schon sehr strecken müssen, um auf den Balkon der Nachbarin zu blicken, sagt sie.

Direkt an der Wand lag ein Bündel. Obwohl der kleine Körper komplett mit einem Tuch bedeckt war, erkannten Mutter und Sohn sofort, dass es sich um einen Säugling handelte, wie sie vor Gericht aussagten. Sie riefen die Polizei. Die Beamten klopften solange an der Tür der Angeklagten, bis sie öffnete. Das stark unterkühlte Baby kam ins Krankenhaus. Es überlebte.

Angeklagte zu Beginn nicht anwesend - Polizisten bringen sie ins Landgericht

Die Frau, die das Kind allein entbunden und dann auf den Balkon gelegt haben soll, war zu Beginn des Prozesses am Erfurter Landgericht nicht da. Das Gericht schickte die Polizei zu ihr nach Hause - die Beamten brachten sie in den Gerichtssaal.

Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag. Dabei beantragt die Staatsanwaltschaft, die 40-Jährige in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen. Die Frau leidet laut Anklage an eine Psychose. Dass sie auffällig anders ist als andere Angeklagte, zeigt sich schon beim Verlesen der Anklage. Ständig unterbricht sie die Staatsanwältin, beschimpft und beleidigt sie. Sie habe ihr Baby kurz mal auf den Balkon gelegt. Na und - frische Luft schade ja nicht, sagt sie.

Mehrere Menschen stehen in einem Gerichtssaal
Ein psychiatrischer Gutachter begleitet den Prozess in Erfurt. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Angeklagte äußert sich zu weiteren Vorwürfen nicht

Es gibt noch viele weitere Anklagepunkte gegen die Frau: Diebstahl von Zigaretten, von Koffern, Autokennzeichen, Verstöße gegen Hausverbote, Fahren ohne Fahrerlaubnis. Dazu will die Angeklagte nichts sagen. Die Sache mit dem Baby aber sei für sie eine Kindesentführung. Was das alles solle, fragt sie vorwurfsvoll. Sie habe Schmerzen gehabt, halt einen kleinen Fehler gemacht und sie sei ja fünf Minuten später im Krankenhaus gewesen.

Staatsanwältin: Körpertemperatur des Säuglings bei 32 Grad - Lebensgefahr

Der Anklage zufolge lag der Säugling von 6 Uhr bis 21 Uhr auf dem Balkon. Es war Sommer. Trotzdem habe die Körpertemperatur nur noch bei 32 Grad gelegen. Es hat Lebensgefahr bestanden, wie die Staatsanwältin erklärt. Auch die Zeugin, die mit ihrem Sohn dem kleinen Jungen vermutlich das Leben gerettet hat, muss sich von der Angeklagten beschimpfen lassen. Ein psychiatrischer Gutachter begleitet den Prozess. Er muss die Frage beantworten, ob und wie gefährlich die Angeklagte für die Allgemeinheit ist.

Ein Urteil soll am 1. März fallen.

MDR (ch/ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGE JOURNAL | 19. Februar 2024 | 19:00 Uhr

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