Personalnot Erfurter Stadtwerke setzen auch auf Rentner

Keine Bewerber, tausende Stellen unbesetzt, Corona-Quarantäne oder krank - in vielen Unternehmen wird die Personaldecke immer dünner. Die Stadtwerke Erfurt setzen dabei auch auf Ehemalige, auf Rentner und Rentnerinnen. Die einen werden zurückgeholt, die anderen gar nicht erst in Rente geschickt. Noch sind es allerdings Ausnahmen, wie die der Baumretter von Kerspleben.

Mann mit Wasserschlauch vor einem orangefarbenen Stadtwerkefahrzeug.
Rainer Hennicke hat 32 Jahre bei den Stadtwerken Erfurt gearbeitet - und arbeitet weiter. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Traurig sieht der Acker aus, der mal ein Wald werden soll. Vertrocknet, tiefe Risse in der Erde und die 2.000 Mini-Bäumchen sind nur dank rot-weißen Flatterbands zu erkennen. Gesetzt wurden die Bäume im vergangenen Herbst von den Grundschülern aus Kerspleben und dem Umweltamt.

Damit die zarten Pflänzchen diesen Trocken-Sommer überleben, müssen sie bewässert werden. Die Erfurter Stadtwerke haben dazu einen Vertrag mit dem Umwelt- und Naturschutzamt geschlossen und schicken alle zwei Wochen ihre Wasserwagen vor Ort.

Auf einem dieser Wagen fährt Rainer Hennicke mit. Mit 68 Jahren könnte er seit drei Jahren auf der Couch sitzen. "Das wäre mir zu langweilig", sagt er und stellt die Pumpe an, die das Wasser in den Schlauch drückt. Um den zu halten und auf die kleinen Pflänzchen zu richten, braucht man Kraft, viel Kraft. "Das spart mir jede Muckibude", lacht der Rentner, der keiner ist.

Trocken Pflanzen auf trockenem Boden.
Das soll mal ein stattlicher Baum werden - ohne künstliche Bewässerung schafft es das Mini-Bäumchen aber nicht über den Sommer. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Erfurt: Rainer Hennicke wässert seit Mai täglich

32 Jahre hat Rainer Hennicke bei der Stadtwirtschaft gearbeitet und ist nach dem Eintritt ins Rentenalter einfach geblieben. Jetzt jobbt er auf 450-Euro-Basis. Liegt viel Arbeit an und das ist der Regelfall, arbeitet er die ganze Woche durch, volle acht Stunden. "Seit Mai bin ich täglich da. Bewässere die Grünanlagen. Und früh, wenn ich mit dem Wasserschlauch auch einen Regenbogen erzeuge und die Rehe aus dem Wald gucken, ist das richtig schön." Die Stunden würden gesammelt und wenn nichts anliegt abgebummelt, erklärt er die Regel.

Weiter arbeiten auch nach dem Renteneintritt, für den 68-Jährigen ein Modell, das ihn fit hält. "Und mit dem Geld kann ich mir auch ein paar Wünsche erfüllen. Nächstes Jahr will ich mit meiner Frau mal in den Urlaub fahren", erzählt er. Den Sommerurlaub in diesem Jahr hat er verschoben. Eigentlich wollte er mit den Enkeln was unternehmen, aber auf Arbeit fehlten die Leute. "Es ist ja kein Personal da."

30 Freiwillige helfen den Gärtnern im Ega-Park

Jan Renke, Gruppenleiter der Straßenreinigung bei den Erfurter Stadtwerken, freut sich über jede helfende Hand. "Solche Leute wie Herrn Hennicke könnten wir mehr gebrauchen. Er ist ein guter Mitarbeiter, der ordentlich seine Arbeit macht und auf den man sich verlassen kann."

50 Leute hat Renke in seinem Team, die werden im gesamten Stadtgebiet vor allem bei der Reinigung gebraucht und im Winter im Winterdienst. "Es ist sehr gut, wenn wir auf Rentner wie Herrn Hennicke zurückgreifen können. Das hier in Kerspleben ist ja nicht die einzige Fläche, die wir gießen."

Orangefarbener LKW auf trockener Wiese vor Stadthintergrund.
2.000 Bäume sind auf dieser Fläche in Erfurt-Kerspleben im Herbst gesetzt worden. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Zwei Baumretter haben die Stadtwerke aktuell. Zwei Rentner, die nicht Rentner sein wollen. Auch der Egapark setzt auf Leute, die nicht mehr im Berufsleben stehen, Zeit und Lust haben, sich zu engagieren. Etwa 30 Freiwillige helfen den Gärtnern, darunter auch Rentner, unter anderem beim Pflanzen, Unkraut jäten, Bewässern oder Sauberhalten des Parks.

Waldprojekt ohne Wässerung nicht überlebensfähig

Der künftige Wald in Erfurt-Kerspleben würde ohne das Rentner-Programm der SWE wohl diesen Sommer nicht überleben. Jens Düring vom Umwelt- und Naturschutzamt ist dankbar. "Diese kleinen Stöcke mit den Fähnchen dran haben jetzt wenigstens wieder kleine grüne Blätter. Mit dem Gießen per Wasserwagen halten wir sie wenigstens am Leben."

Pro Wagen werden etwa 40 Liter Wasser auf die Fläche gebracht. Dreimal muss Rainer Hennicke Wasser nachtanken. Dann ist der größte Durst der kleinen Triebe gestillt. "Dass uns dabei zwei Rentner - zwei Waldretter - unterstützen, hilft sehr. Überall fehlen die Leute, wir sind da als Stadtreinigung keine Ausnahme", sagt Düring und es schwingt Hochachtung vor einem wie Rentner Hennicke mit.

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MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 24. August 2022 | 13:30 Uhr

46 Kommentare

Sozialberuflerin vor 4 Wochen

@O.B.
"Dann war die DDR nicht pleite oder am Ende sondern die Menschen wollten die Welt sehen."

Ähm.... Wissen?
Die DDR war in Millionenhöhe im westlichen Ausland verschuldet!
Schon Ende der 70er Jahre war sie eigentlich, wissentlich bankrott.
Die Erhöhung des Lebensstandards und die Verbesserung der Sozialleistungen zu Beginn der 1970er-Jahre beruhte nicht auf eigener Wirtschaftskraft, sondern auf einem Rückgang der Investitionsquote und zunehmender Verschuldung vor allem im Westen.
Durch die Erhöhung der Exporte in die kapitalistischen Länder in den Jahren 1982 – 1985, die Reduzierung westlicher Importe und dank der Vergabe zweier Interner Milliardenkredite seitens der Bundesregierung in den Jahren 1983 und 1984, konnte die SED-Spitze, für eine kurze Zeit mit dieser Politik das Überleben der DDR sichern – auf mittlere Sicht jedoch musste sie in den Ruin führen.

In Geschichte nicht aufgepasst?

O.B. vor 4 Wochen

Jan..., erstmal kann keiner in die Zukunft schauen. Dann war die DDR nicht pleite oder am Ende sondern die Menschen wollten die Welt sehen. Die Eltern hatten einen job und Ausbildung war sicher. Heute stellen sich Leute bei einer privaten Organisation namens Tafel an weil sie ihren Lohn der vollzeitarbeit für Strom Gas und Miete aufbringen müssen. Also wenn ich mich an schlechte Tage erinnere fingen sie nach der Wende an. Eltern arbeitslos. Lehre in weiter Ferne absolviert usw usf. Keiner will die DDR zurück aber die Regierung erfüllt derzeit nicht ihre Aufgabe und die ist in erster Linie für das Wohl des Volkes zu sorgen. Mittelschicht bei der Tafel sagt schon sehr viel aus meine ich. Rentner müssen da hin obwohl volle Zeit gearbeitet. Wie kann einer behaupten es geht uns gut und es wird keiner im Stich gelassen? Der Staat heisst Flüchtlinge willkommen aber die Tafel verköstigt sie!? Sehen Sie hier kein Problem drin? Kein Geld heisst es immer wieder und dann Mio ins Ausland 🤔🤷‍♂️

O.B. vor 4 Wochen

Arbeitende..., wie mein zweites Kommentar besagt bekommt man ja keine 12€ sondern soll für die Sozialleistungen arbeiten. Jeder Arbeitgeber ist entzückt wenn er hartzer für lau bekommt oder was meinen Sie? 3-4 Millionen die ihr Hartz4 erarbeiten sollen bedeutet eben soviel die gehen können weil Sie ersetzt werden durch Leute die nichts kosten. Ich weiß nicht was daran nicht zu verstehen ist. Jemand kehrt den Gehweg oder sammelt Müll für besagte 12€. Nun rufe der Chef beim jobcenter an und sage ich brauch 3 Leute die das übernehmen sollen. Die Mindestlohnempfänger komplimentiere er weg. Ich wurde damalig gefördert vom jobcenter für einen Bauberuf. Nach Tagen habe ich erfahren das ich geholt wurde weil der Chef nur 50% meines Gehaltes zahlen muss und den Rest der Staat übernahm. Es war keine Stelle frei sondern es wurden 2 langjährige Mitarbeiter entlassen um zu sparen. Nichts anderes passiert wenn man dem Vorschlag der Arbeitergewerkschaft folgt. 🤷‍♂️

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