Handel Ladensterben im Schwarzatal: Wenn der letzte Supermarkt auch noch schließt

28. Februar 2024, 14:46 Uhr

In Sitzendorf - dem einstigen "Urlaubsparadies im Schwarzatal" - schließt nun auch der letzte Supermarkt im Ort. Mit dem Laden verliert das Dorf nun noch einen weiteren sozialen Treffpunkt. Über die Jahre hinweg wurden immer mehr Cafés, Gaststätten und Läden aufgegeben.

Die Regale sind schon leergekauft. Jetzt kommen nur noch wenige Kunden in den kleinen Supermarkt im Zentrum von Sitzendorf. Ende des Monats ist Schluss. Ein Schock für die Bewohner der 740-Seelen-Gemeinde im mittleren Schwarzatal. "Wir hatten gehofft, dass mit der neuen Betreiberin eine langfristige Lösung kommt", sagt Bürgermeister Martin Friedrich. "Leider ist das nun nicht der Fall."

Genau vor einem Jahr hatte die jetzige Betreiberin den Markt vom langjährigen Vorgänger übernommen. Der hatte das Geschäft seit 1993 geführt und auch die Immobilie dafür gekauft - ein früheres Produktionsgebäude der Porzellanmanufaktur. Auf der Fassade sind immer noch die Spuren der industriellen Nutzung zu finden, inklusive historischem Schriftzug und Wappen.

Hier ist inzwischen die Poststelle weggefallen, wir suchen einen Schwimmmeister für unser Freibad und auch die Schulen und Kindergärten sind immer schwerer hier zu halten.

Martin Friedrich Bürgermeister von Sitzendorf

Verwaister Dorfladen
Wegen gesunkener Umsätze oder fehlenden Nachfolgern schließen in kleinen Orten immer mehr Geschäfte. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Supermärkte fallen als sozialer Treffpunkt für Ältere weg

Vor allem für ältere Menschen dürfte der Lebensmitteleinkauf jetzt schwieriger werden. Die nächsten Supermärkte liegen etwa 15 Kilometer entfernt in Bad Blankenburg und Königsee. Wer nicht mobil ist, muss mit dem Bus fahren und den Einkauf nach Hause schleppen. Doch das ist nicht alles. "Für die Älteren ist der Supermarkt ja auch ein sozialer Treffpunkt", sagt Martin Friedrich. "Das fällt nun weg."

Die Teilhabe am Leben wird für Senioren nun noch schwieriger, denn in den kleinen Orten im Schwarzatal haben inzwischen auch viele Cafés und Gaststätten geschlossen. Eine Folge des Rückgangs bei den Gästezahlen. Für viele Händler und Gastronomen rechnet sich der Betrieb nicht mehr. Außerdem finden viele keinen Nachfolger.

Ggeschlossenes Hotel zur Linde in Sitzendorf
Auch Gastronomen und Hotelbetreiber mussten inzwischen aufgeben, weil Gäste ausblieben. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

IHK: 160 Lebensmittelhändler schließen 2023

Sitzendorf ist kein Einzelfall. Überall in Thüringen schließen auf dem Land kleine Läden. Laut IHK in Gera haben in Ostthüringen allein im Jahr 2023 rund 160 Lebensmittelhändler aufgegeben - vor allem kleine Betriebe mit bis zu drei Mitarbeitern. Meist liegt es am fehlenden Umsatz. Beim Sitzendorfer Supermarkt war nach MDR-Recherchen allerdings auch die viel zu hohe Miete ein Grund. Durch den Leerstand werden viele Orte auch für Einheimische immer unattraktiver.

"Die ganzen kleinen Nester hier haben nix", sagt Gisela Henkel, die gerade aus dem Supermarkt kommt. "Alle müssen jetzt weiter weg fahren." Und ihr Sohn Lars Henkel, der sie begleitet, ergänzt: "Das Landleben ist nicht mehr lebenswert. Es ist schade."

Dorfstraße in ausgestorbenem Sitzendorf
Die Idylle täuscht: im Schwarzatal sind die goldenen Tourismus-Zeiten längst vorbei. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

24-Stunden-Laden und Genossenschaft könnten Ausweg sein

Seit sieben Jahren ist Martin Friedrich Bürgermeister in Sitzendorf. Er hofft auf einen Nachfolger für den Supermarkt. Eine Alternative könnte auch ein sogenannter 24-Stunden-Markt sein, gebaut mit Fördermitteln vom Land. Auch einer Genossenschaft steht Friedrich offen gegenüber. Auch an anderen Orten in Thüringen gibt es bereits solche Modelle, bei dem Bürger Anteilsscheine für den Betrieb eines Dorfladens kaufen. Ein Vorteil der Genossenschaften ist, dass sich die Einwohner mehr mit ihrem Laden identifizieren und öfter dort einkaufen, damit der Standort langfristig gesichert ist.

Martin Friedrich hat aber in seinem Ort noch ganz andere Baustellen: "Hier ist inzwischen die Poststelle weggefallen, wir suchen einen Schwimmmeister für unser Freibad und auch die Schulen und Kindergärten sind immer schwerer hier zu halten." Doch die Infrastruktur ist Voraussetzung für Menschen, die über einen Zuzug nach Sitzendorf nachdenken. Zum Glück konnten in der Gemeinde in den vergangenen Jahren laut Bürgermeister einige leerstehende Häuser an Neu-Sitzendorfer verkauft werden.

Nicht nur für sie will Martin Friedrich sich jetzt stark machen und den Supermarkt im Dorf halten. Auch im Infrastrukturministerium in Erfurt will er dafür die Werbetrommel rühren.

MDR (adr, ost)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 28. Februar 2024 | 19:00 Uhr

29 Kommentare

camper21 vor 6 Wochen

Lavendel, und da braucht man in Thüringen 38 Jahre, um zu erkennen, dass das Jagdschloss nur noch abbruchreif ist? So lange steht es schon leer, wobei es über 20 Jahre in öffentlicher Hand war. Sie hätten uns aber auch schon früher einweihen können.

Lavendel vor 6 Wochen

Wie wäre es mal mit Belegen? Wenn ich also bei der Gemeinde Schwarzatal nach Gewerbeflächen nachfrage, dann schicken die mich weg?

Warum auch nicht, wenn man der Meinung ist, dass ein Gewerbegebiet nicht in die intakte Natur passt und und die Alteingesessenen Ferienwohnungsvermieter um ihr Geschäft führen. Es sagt ja keiner, dass sterbende Gemeinden immer gut beraten und von klug entscheidenden Bürgern bewohnt sind.

Für den maroden Zustand vor Ort machen sie mal die Kommune selbst verantwortlich und auf deren Ebene spielen ihre Lieblingsthemen Flüchtlinge und "Russland zum Sieg verhelfen" keine Rolle.

knarf vor 6 Wochen

Ein Grundproblem sind doch auch die Preise.Die kleinen Geschäfte können doch mit dem (niedrigen)Preis
gegen die Supermärkte nicht mithalten!
Denn seien wir
ehrlich.Wir setzen uns ins Auto und kaufen beim nächsten
Supermarkt ein.Da hat auch jeder sein schmales Einkommen im Auge. Somit tragen wir mit zum Sterben der kleinen Geschäfte bei.
Die Preise in den Gaststätten sind auch vielen zu teuer.Also kaufen
wir uns Getränke
im Supermarkt.
Zum Essen gehen
dann auch die wenigsten regelmäßig in die
Gaststätte.

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