Werra Durchfluss in Gefahr: Diskussion um Staudamm von Papierfabrik

Die Wasserschutzbehörde im Kreis Schmalkalden-Meiningen sorgt sich um den Durchfluss der Werra in Wernshausen. Dort betreibt der Papierproduzent Sofidel eine Wasserkraftanlage. Ein alter Vertrag erlaubt, Flusswasser abzuleiten. Warum sich die Behörde, obwohl das Unternehmen sein Recht bisher nie ausgereizt hat, daran stört.

Ein Stausee im Landkreis Schmalkalden-Meiningen.
Der Papierproduzent Sofidel nutzt das Flusswasser für eine Wasserkraftanlage. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Das Wasser ist knapp in diesem Sommer. Und sobald ein Gut knapp ist, sind auch Verteilungskonflikte nicht weit. Schon seit Wochen ist es in vielen Thüringer Landkreisen untersagt, Wasser aus Seen, Flüssen und Bächen zu entnehmen. Das Verbot soll die Tier- und Pflanzenwelt in den Gewässern, die wegen der niedrigen Wasserstände ohnehin schon beeinträchtigt ist, vor größeren Schäden bewahren. Auch wenn ein solches Verbot im Landkreis Schmalkalden-Meiningen bisher nicht gilt, beschäftigt der niedrige Pegel der Werra die Untere Wasserschutzbehörde.

"Unser oberstes Ziel ist es, den ökologischen Zustand zu erhalten", so Reinhard Raabe Fachdienstleiter im Bereich Wasser. Das Worst-Case-Szenario wäre, dass der Fluss stellenweise trockenfalle und infolgedessen zum Beispiel die Fische nicht mehr wandern könnten. Laut Raabe ist die Situation aktuell zwar prekär - an vielen Stellen sei das Kiesbett des Flusses sichtbar -, aber noch nicht katastrophal.

Der Eingang der einer Fabrik des Papierproduzenten Sofidel.
Der Eingang des Fabrikgeländes des Papierproduzenten Sofidel. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Vertrag stammt noch aus den 1930er-Jahren

Eine kritische Fluss-Etappe stelle angesichts der Trockenheit in diesem Sommer allerdings die circa 750 Meter lange Ausleitungsstrecke am Wasserwehr des Papierproduzenten Sofidel in Wernshausen dar. Die Papierfabrik leitet mithilfe einer Stauanlage Wasser aus der Werra aus, um Strom für die eigene Produktion herzustellen. In den Verträgen, die laut Raabe noch aus den 1930er-Jahren stammen, sei keine Maximalmenge festgelegt.

Das heißt, nach geltendem Recht darf das Unternehmen unbegrenzt Wasser aus der Werra nutzen. Raabe fordert neue Verträge, in denen ein konkreter Wert festgelegt ist, wie hoch der Flusspegel nach der Wasserausleitung durch das Unternehmen noch mindestens sein muss. Erst dann könne seine Behörde in kritischen Situationen ohne Zeitverzug eingreifen.

Denn: Die Behörde kann Sofidel trotz des geltenden Vertrags Vorschriften zur Wassernutzung machen - sofern ein ökologisches Risiko besteht. Die Handlungsabfolge sei jedoch aufwendig. Jedes Mal müsse ein Mitarbeiter entsendet werden, der sich vor Ort ein Bild macht, die Lage bewertet und eine fachliche Einschätzung abgibt. "Das heißt, wir können nicht agieren, sondern immer nur reagieren", fasst Raabe zusammen.

Neue Richtlinie durch Klage vorerst gestoppt

Auch wenn Sofidel sich bisher immer kooperativ gezeigt und die Anweisungen befolgt habe, sei der Zustand für die Behörde unbefriedigend. "Weil wir am Ende immer auch auf den Goodwill der Firma angewiesen sind." Raabes Forderung nach einer neuen Wasserrichtlinie richtet sich an das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz. Als Obere Wasserschutzbehörde ist sie für die Gesetzgebung zuständig.

Ein Stausee im Landkreis Schmalkalden-Meiningen.
Die Verträge für die Nutzung des Flusswassers stammen aus den 1930er-Jahren. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Einem Behördensprecher zufolge hat die Obere Wasserschutzbehörde schon 2017 einen neuen Bescheid zu den Wasserrechten von Sofidel erlassen. Allerdings habe das Unternehmen Klage eingereicht, die derzeit vom Verwaltungsgericht bearbeitet werde. Bis das Verfahren entschieden ist, gelten die alten Wasserrechte weiter, so der Sprecher.

Sofidel: Fischbestand nicht gefährdet

Sofidel wollte sich auf Anfrage nicht zu dem laufenden Verfahren äußern. Ein Sprecher teilte aber mit, dass das Unternehmen allen Anweisungen der Unteren Wasserschutzbehörde bisher immer freiwillig und unabhängig von ihren Rechten nachgekommen sei. Ihr Handeln berücksichtige zu jeder Zeit, den Fischbestand nicht zu gefährden.

Ihren Informationen nach sei der Bestand im Flussabschnitt bei Wernshausen bisher auch nie beeinträchtigt gewesen. Im Gegenteil, der Bereich werde auf Anglerportalen sogar explizit beworben, so der Sprecher. Insgesamt verbrauche Sofidel weniger Wasser als der Durchschnitt der Papierindustrie, was auch durch entsprechende Umweltsiegel wie "Blauer Engel" oder "EU Ecolabel" belegt sei.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 11. August 2022 | 18:00 Uhr

7 Kommentare

Reuter4774 vor 6 Wochen

Weil es noch zuviel funktionierende Wirtschaft in Deutschland gibt? Muss noch mehr zerstört werden und wir fragen ins ernsthaft warum Deutschland als Wirtschaftsstandort ausgedient hat? Wenn Angler dort noch angeln können, kann die Werra an der Stelle nicht so ausgetrocknet sein das Fische nicht leben können! Aber vielleicht können die Arbeitslosen ( wenn die Papierfabrik geschlossen werden muss) ja dann auch einfach dort angeln, ist schon mal für den Fisch gesorgt. Und die Behörde kann stolz auf ihr Recht sein und aus der Sozialkasse halt mehr Bürgergeld auszahlen. ( manchmal frage ich mich, ob Grüne auch zu Ende denken Bus zu den Konsequenzen für die MENSCHEN?)

Harka2 vor 6 Wochen

@_martin_
Halten sie es wirklich für zielführend, der bisher sehr kooperativen Firma ein teures Gerichtsverfahren aufs Auge zu drücken, nur um den Behördenwillen durchzusetzen? Im Erlassen von Verboten sind Behörden schnell, deren Zielführung wird selten bis nie überprüft und aufgehoben wird nie etwas.

ElBuffo vor 6 Wochen

Was erwartet man von der Firma, die sich hier immer sehr verantwortungsvoll verhalten hat? In Zukunft wäre die Firma vom Handeln einer Behörde abhängig, die die konkreten Zustände vor Ort nicht kennt und vorsichtshalber Beschränkungen erlässt, die nicht notwendig sind und die vom Rechteinhaber nur mühsam und dem behördenüblichen Zeitverzug wieder aufgehoben werden können. Wenn dann der zuständige Behördenmitarbeiter im Urlaub ist und anschließend seine 6 Wochen Kasse macht, dann dreht sich solange nichts. Das Ziel der Behörde ist also ein Zustand, der nur noch für eine Seite ineffizient ist.
Aus dem Artikel wird nicht ganz klar, inwieweit das Wasser zur Stromerzeugung verbraucht wird. Das sollte doch hinterher immernoch vorhanden sein und wird bestimmt auch nicht erst 5 km später wieder in die Werra zurückgeleitet?

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