Marvin Grubert in der Küche
Der 15-jährige Marvin Grubert während des Praktikums in der Küche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Praktikum Küche statt Klassenraum: Suhler Schule setzt auf Berufserfahrung

28. Oktober 2023, 16:02 Uhr

Wie findet man eigentlich den richtigen Beruf? Eine schwierige Frage für Schüler, die oft nur während der Ferien oder in einem kurzen Praktikum Zeit haben, ins Berufsleben reinzuschnuppern. Früher gab es deswegen das Schulfach PA - Produktive Arbeit. Die Lautenbergschule in Suhl hat diese Idee wieder aufgegriffen und schickt die Schüler einmal in der Woche zum Langzeit-Praktikum in die Betriebe.

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Es riecht nach Fisch. In der Küche ist es warm. Die Mitarbeiter bereiten fleißig alles für das Tagesgeschäft vor. Mittendrin ist Marvin Grubert. Er ist einer von 43 Schülern, die in diesem Jahr am Langzeit-Praktikum der Lautenbergschule teilnehmen. Der 15-Jährige hat sich das Traditionshaus "Gastmahl des Meeres" in Suhl ausgesucht und arbeitet dort einmal in der Woche in der Küche mit.

Für den Praktikanten gibt es dabei keinen Schongang, denn er soll das "richtige Arbeitsleben" kennenlernen, so Markus Ritzmann, Inhaber des Fischrestaurants. Für Marvin ist der Einsatz in der Küche nicht ganz neu. Schon vorher hat er in einem kurzen Praktikum in einem anderen Suhler Restaurant in die Arbeit in der Küche hineingeschnuppert. "Ich habe jetzt noch nichts anderes als Ideen, was ich später machen könnte. Deswegen habe ich jetzt einfach mal hier angefangen. Und mal schauen, wenn das Jahr vorbei ist, wie es dann aussieht", so Marvin.

Marvin Grubert in der Küche
"Ich habe jetzt noch nichts anderes als Idee, was ich später machen könnte", sagt Marvin Grubert. Jetzt probiert er sich im "Gastmahl des Meeres" aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schüler sollen Verantwortung lernen

Initiiert hat das besondere Projekt eine Lehrerin der Lautenbergschule. Nicole Hoffmann ist überzeugt, das richtige Arbeitsleben kann nicht in der Theorie vermittelt werden: "Es fängt an bei Dingen, die wir eigentlich als Grundvoraussetzung an der Schule erwarten. Zum Beispiel Pünktlichkeit. Die Kinder merken im Praktikum erstmal richtig, dass das ganz anders zurückkommt. Wenn ich zu spät komme, dann gibt’s einen richtigen Anschiss vom Chef. Oder wenn ich einfach rumsitze und nichts tue, dann erledigt sich die Arbeit nicht von selbst. Und dann sind die Schüler in einer ganz anderen Verantwortung mit sich selbst."

Lehrerin Nicole Hoffmann im Klassenraum
Nicole Hoffmann hatte die Idee für das Projekt und setzt es um. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Schüler der neunten Klasse schnuppern in diesem Jahr in über 20 Berufe - in der Industrie, der Pflege, dem Handwerk oder auch in den Lehrerberuf in der Grundschule. Dafür haben sich Fabio Bieberbach und Helena Schinkel entschieden. Ihnen macht es Spaß, sich einmal so wie ein richtiger Lehrer zu fühlen.

"Ich gehe auch rum zu den Schülern und korrigiere Aufgaben. Mit Rotstift. Und ich versuche auch, wo es geht, zu helfen. Ich kann den Schülern meine Tricks verraten. Das ist schon toll", sagt Fabio. Und Helena ergänzt: "Mittlerweile sind wir mit den Schülern schon echt vertraut. Mit roten Karten zeigen sie uns, wenn sie Hilfe benötigen. Und dann komme ich und helfe."

Lautenbergschule in Suhl von außen
Die Lautenbergschule in Suhl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Schüler kommen plötzlich aus sich heraus"

Nicole Hoffmann ist stolz auf ihre Schüler. Manchmal erkennt sie die Kinder gar nicht wieder, wenn sie im Praktikum plötzlich ganz anders aus sich herauskommen als im Alltag in der Schule. Mittlerweile haben auch andere Schulen und Unternehmen Interesse am Projekt gezeigt. Nicole Hoffmann hat auch schon Fachtagungen fürs Bildungsministerium gehalten.

Sie hat Schulen erklärt, wie es funktionieren kann, ein solches Projekt umzusetzen. "Fakt ist aber, es passt nicht überall und es hängt stark am Engagement der Lehrer und der Schulleitung. Es ist ein wahnsinniger Zeitaufwand, der neben dem eigentlichen Unterricht hinzukommt", sagt Nicole Hoffmann.

Gasthaus-Inhaber findet die Idee gut

Das "Gastmahl des Meeres" will das Projekt auch im nächsten Jahr weiter betreuen. Inhaber Markus Ritzmann sieht das Langzeit-Praktikum schon jetzt als Erfolgsmodell: "Wenn man 35 oder 40 Wochen lang eine Routine hat und jemand den wahren Ablauf in einem Betrieb sieht, dann kann er auch für sich viel schneller einschätzen, ob das mein Beruf wird oder nicht. Ich denke, das ist auch ein Grund, weniger Abbrecherzahlen zu bekommen und die Zeit, bis jemand seinen Abschluss hat, deutlich zu verkürzen."

Markus Ritzmann, Inhaber Restaurant des Meeres Suhl
Markus Ritzmann vom "Gastmahl des Meeres" unterstützt des Berufsprojekt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch wenn das Unternehmen viel Zeit investieren muss, ist Ritzmann überzeugt, es ist notwendig. "Wenn keiner mehr Zeit in die Jugendlichen investiert, dann stehen wir bald alle ohne Fachkräfte da", so der erfahrende Gastronom.

Mehr zur Berufsausbildung

MDR (tig/sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. Oktober 2023 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Tamico161 vor 32 Wochen

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