Litauen und Estland Energieversorgung: Wie sich das Baltikum von Russland unabhängig macht

Porträt Markus Nowak
Bildrechte: Markus Nowak/MDR

Seit gut 30 Jahren sind die baltischen Staaten unabhängig - nicht jedoch, wenn es um die Energieversorgung geht. Statistiken legen weiter eine starke Abhängigkeit von Gas, Öl und Kohle aus Russland nahe. Doch mit langem Atem hat sich das Baltikum auch in Sachen Energie immer weiter von Moskau entfernt. Der Krieg in der Ukraine beschleunigt diese Entwicklung.

Heizkraftwerk Vilnius
Das Baltikum strebt auch bei der Energieversorgung nach mehr Unabhängigkeit von Russland. Bildrechte: Markus Nowak

Unter den Füßen befanden sich einst die nuklearen Brennstäbe, überall warnen Radioaktivitätszeichen vor dem Anfassen der Wände und hinterher geht es in einen begehbaren Geigerzähler, um die eigene Strahlung zu überprüfen: Bei Reisegruppen hinterlässt das Betreten des Reaktorraums im Atomkraftwerk Ignalina in Litauen immer einen besonderen Eindruck. Ende 1983 wurde der erste von vier geplanten Blöcken ans Netz genommen und sollte den technischen Fortschritt der UdSSR demonstrieren. Heute ist es ein in Beton gegossenes Sinnbild für die Herausforderungen des Baltikums in Sachen Energie und ihrer Abhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion.

AKW in Ignalina Litauen
Besuchermagnet: Das stillgelegte AKW im litauischen Ignalina. Bildrechte: Markus Nowak

Denn im Zuge der EU-Osterweiterungsrunde 2004 wurde das Aus des mit Tschernobyl baugleichen litauischen AKWs beschlossen. Das Kraftwerk und die benachbarte Stadt Visaginas verloren einen großen Teil ihrer Arbeitsplätze. Dafür  gewann es im Zuge der in Litauen gedrehten Streaming-Serie "Tschernobyl" einen Geheimtipp-Status unter Baltikum-Touristen, die sich bis in den Reaktorraum führen lassen können. "Und es machte Litauen vom Exporteur zum Importeur von Strom", sagt Tomas Jermalavičius vom Internationalen Zentrum für Verteidigung und Sicherheit (ICDS), einem Think-tank aus der estnischen Hauptstadt Tallinn. Und damit auch abhängig von russischen Strom, insbesondere aber von russischen Energieträgern wie Öl, Kohle und Gas.

Die Abhängigkeit reicht weit zurück

Die Geschichte dieser Abhängigkeit reicht bis in die Sowjetzeit zurück. "Die Sowjetunion baute die Energieinfrastruktur so aus, dass man die baltischen Staaten vom Zufluss abschneiden konnte", erklärt Justinas Juozaitis, Politikanalyst an der General-Jonas-Žemaitis-Militär-Akademie in Vilnius. "Als wir 1990/91 unabhängig wurden, haben wir gemerkt, dass wir weiterhin energieabhängig sind von den Russen." Das zeigt sich in Litauen besonders beim Öl: Einer Statistik der Internationalen Energie-Agentur IEA zufolge bezog der kleine Staat Ende 2021 über 80 Prozent seines Öls aus Russland.

Unter den baltischen Staaten steht man damit in Litauen nicht allein dar. Noch größer ist die Abhängigkeit beispielsweise in Lettland in puncto Gas: Der Anteil russischer Importe am Gesamtverbrauch liegt hier bei 93 Prozent. Angesichts dieser Zahlen wirkt es fast paradox, dass ausgerechnet die Staatschefs in Tallinn, Riga und Vilnius in diesen Tagen an vorderster Front stehen, wenn es um Sanktionen gegen Moskau geht.

Litauen: Infrastruktur als Schlüssel zur Unabhängigkeit

Stromleitungen in Elekrtinai Litauen^.,
Gute Infrakstruktur ist für baltische Staaten wie Litauen der erste Schritt zur Unabhängigkeit bei der Energieversorgung. Bildrechte: Markus Nowak

Im Wissen um dieses Spannungsverhältnis haben die baltischen Staaten Maßnahmen ergriffen, um sich in Energiefragen Stück für Stück unabhängiger von Russland machen zu können. Entscheidend dafür sei die Erkenntnis gewesen, dass die Energieabhängigkeit maßgeblich mit fehlender Infrastruktur zusammenhängt, meint Energieexperte Juozaitis. "Und so haben wir direkt nach der Unabhängigkeit nach Alternativen geschaut und an der Infrastruktur gearbeitet", ergänzt er. Dass sich dieser Weg lange Zeit nicht in den Zahlen widerspiegelte, liege nicht zuletzt daran, dass viele Statistiken zum Teil mehrere Jahre alte Daten nutzen würden, sagt Juozaitis. Ein Grund ist jedoch auch, dass die neu geschaffene Infrastruktur lange nicht ideal genutzt wurde.

Ein Paradebeispiel dafür ist das LNG-Terminal in der litauischen Hafenstadt Klaipėda. Ende 2014 wurde das Flüssiggasterminal in Betrieb genommen, galt anfangs jedoch als überdimensioniert: "Es gab Stimmen, dass es zu groß und teuer sei", erinnert sich Juozaitis. Damals schien ein Kriegsszenario wie heute unvorstellbar, ebenso wie enorme Preisanstiege im Energiesektor und Unsicherheit hinsichtlich Lieferungen aus Moskau. So wurden anfangs nur geringe Mengen Flüssiggas in Klaipėda umgeschlagen. "Man hat immer geschaut, was ist günstiger, das LNG- oder das russische Gas. Das entspricht der Logik des Marktes, auch im Energiesektor", sagt Juozaitis. Denn plötzlich musste Litauen, das bis dahin den höchsten Preis für russisches Gas in der EU zahlte, bis zu 20 Prozent weniger nach Moskau überweisen, weil durch das neue Terminal das russische Gas verbilligte wurde. "In der Vergangenheit haben die Russen ihr Monopol ausgenutzt", sagt der Energieanalyst.

"Was Litauen kann, kann Europa auch"

Litauer warten in Klaipeda, Litauen, auf die Ankunft des ersten Flüssigerdgas (LNG)-Lagerschiffs des Landes mit dem Namen Independence.
2014: Zahlreiche Menschen bejubeln die Ankunft des ersten litauischen Flüssiggas-Tankers "Independence". Bildrechte: imago/Xinhua

Anfang April 2022 folgte dann der Coup, verkündet via Twitter: Litauens Staatschef Gitanas Nausėda schrieb dort: "Seit diesem Monat bezieht mein Land kein Gas mehr aus Russland". Sein Land habe vor Jahren Entscheidungen getroffen, "die es uns heute ermöglichen, ohne Schmerzen die Energie-Beziehungen mit dem Aggressor zu beenden", und fügte hinzu: "Wenn wir es können, kann es der Rest Europas auch!" Mittlerweile läuft der LNG-Terminal-Tanker, der den passenden Namen "Independence" (Unabhängigkeit) hat, mit voller Kapazität und beliefert über eine Anfang Mai eröffnete Leitung sogar Polen und Finnland, die nun ebenfalls nicht länger auf Gas aus Moskau angewiesen sind.

Gleiches gilt im Falle von Litauen seit Neuestem auch für Öl. Für die enormen Ölimporte aus Russland war in der Vergangenheit stets der polnische Konzern Orlen verantwortlich, der die wichtige Raffinerie im litauischen Mažeikiai betreibt. Ende April kündigte Orlen-Chef Daniel Obajtek an, man sei auf den Stopp von Öllieferungen aus Russland vorbereitet, indem die Raffinerien auch auf andere als die Ural-Öl-Sorte umgerüstet werden und wolle künftig stärker auf Importöl aus Saudi-Arabien setzen. Vor wenigen Tagen bestätigte eine Sprecherin des litauischen Energieministerium dann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa), dass das Energiesystem des Landes mittlerweile ohne jegliche Importe aus Russland funktioniere.

Estlands Zukunft: Windkraft statt Fracking-Öl

Davon profitiert noch ein weiterer Staat im Baltikum: Denn auch Estland und seine Transportbranche sind auf Kraftstoffe aus der Raffinerie in Mažeikiai angewiesen. Damit ist auch Estland über Umwege nun unabhängig von russichem Öl. Der Preis, den man in Tallinn dafür zahlt, ist jedoch hoch - und vor allem besonders umweltunverträglich: Für den nördlichsten baltischen Staat stellt Öl, dass mittels der Fracking-Methode aus den zahlreichen Schiefervorkommen gewonnen wird, die größte Energiequelle dar. "Das macht Estland zu einem der größten Verursacher von CO2 pro Kopf in der gesamten EU", weiß Energieexperte Tomas Jermalavičius. Bis 2030 dürfte sich daran wenig ändern, solange dürfen die Fracking-Anlagen laut EU-Verträgen weiterfördern.

Offshorepark Roedsand Windkraftanlagen.
Ein Offshore-Windpark in der Ostsee. So soll die Zukunft der estnischen Energievergewinnung aussehen. Bildrechte: imago images/Ardea

Für die Zeit danach will Estland stärker auf erneuerbare Energien setzen. Schon jetzt machen sie fast ein Drittel des estnischen Strommarktes aus. Im Mittelpunkt steht dabei besonders die Windkraft. Das 1,3-Millionen-Einwohner-Land kommt wegen seiner mehr als 2.000 Inseln auf rund 3.800 Kilometer Küstenlinie und hat somit viel Potential für Offshore-Windräder. Das will die estnische Regierung künftig besser nutzen und plant den Bau mehrerer großer Windparks in der estnischen Ostsee.

In den baltischen Staaten gab es bereits lange den "politischen Willen", bei der Energieversorgung nicht von Russland abhängig sein zu müssen, sagt Energieexperte Jermalavičius. Marktlogik, strategische Rationalität oder politische Richtlinien standen dem in der Vergangenheit oft genug im Weg. Der russische Angriff auf die Ukraine hat jenes Bestreben nun noch einmal merklich verstärkt - und ihm wohlmöglich sogar den entscheidenden Anstoß gegeben.

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Fernsehen | 29. Mai 2022 | 19:30 Uhr

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