Russische Raketenangriffe auf Kraftwerke Wie sich die Ukraine auf den Winter vorbereitet

Porträt Denis Trubetskoy
Bildrechte: Denis Trubetskoy/MDR

Immer wieder bombardiert Russland in der Ukraine gezielt überlebenswichtige zivile Infrastruktur. So auch bei den jüngsten Raketenangriffen. Unser Ostblogger Denis Trubetskoy erklärt, wie Regierung und Bevölkerung damit umgehen - und wie der Westen helfen kann.

Feuerwehr vor einem brennenden Kraftwerk
Nach russischen Bombardements im September versuchen Feuerwehrleute in der Region Charkiv den Brand in einem Kraftwerk zu löschen. Bildrechte: IMAGO/NurPhoto

Gibt es schon gesicherte Informationen darüber, wie groß die Schäden an der Energie-Infrastruktur durch die Bombardements der letzten Tage sind?

Das wirkliche Ausmaß der Zerstörung ist schwer einzuschätzen. Die ukrainische Regierung versucht hier bewusst, einen Teil der Informationen aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, damit Moskau kein klares Bild darüber hat. Zum einen sehen wir - wie im September nach ähnlichen Angriffen am Rande der ukrainischen Gegenoffensive im Bezirk Charkiw - dass die Ukrainer es meist noch am Tag des Beschusses schaffen, die entsprechende Infrastruktur wieder funktionsfähig zu machen. Zum anderen ist Kiew aber nun gezwungen, auf den Stromexport zu verzichten. Weil dem ukrainischen Haushalt seit Kriegsbeginn massiv Einnahmen fehlen, wollte Kiew explizit für ukrainische Stromexporte in die EU werben. Der ukrainischen Wirtschaft auf diese Weise zusätzlich zu schaden, dürfte zu den zweitrangigen Zielen des russischen Vorgehens gehören.

Angriffe auf die zivile Infrastruktur gab es ja in der Vergangenheit immer wieder. Auch nachdem die ukrainische Armee im Bezirk Charkiw militärische Erfolge erzielte, ließ Putin Kraftwerke bombardieren. Sind die Folgen inzwischen im Alltag der Bevölkerung angekommen?


Obwohl die Ukrainer die Reparaturen schnell hinbekommen, ist neben den Strom-, Wasser- und Mobilfunkausfällen gleich nach den Angriffen grundsätzlich mit sogenannten rollenden Stromausfällen zu rechnen, die das ukrainische Stromnetz entlasten sollen. Ein Plan für solche rollenden Ausfälle wurde aktuell zum Beispiel für Kiew veröffentlicht. Darin wird ankündigt, wann im Fall der Fälle welcher Stadtteil dran wäre. Er wird jedoch nur dann umgesetzt, wenn es wirklich notwendig ist.

Was unternimmt die Regierung, um diese wichtige Infrastruktur zu schützen oder um sie gegebenenfalls zu ersetzen?

Rauchende Wohngebäude
Die russischen Raketen-Angriffe gelten oft der zivilen Infrastruktur. Hier in Lwiw am 10. Oktober. Bildrechte: IMAGO/ZUMA Wire

Die ukrainischen Wärmekraftwerke sind grundsätzlich mit vielen Backup-Generatoren und ähnlicher Reservetechnik ausgestattet. Man ahnte seit Ende Februar, dass Russland so vorgehen könnte, wenn sich der Winter nähert, und hat sich entsprechend vorbereitet. Das sind allerdings nur kurzfristige Lösungen. Am allerwichtigsten ist dagegen die Flugabwehr. Gestern (gemeint ist der 10. Oktober 2022 - d. Red.) konnte diese rund die Hälfte der über 80 russischen Raketen abschießen - kein schlechtes Ergebnis. Aber wenn das russische Militär sehr viele Raketen auf einmal einsetzt, trifft die eine oder andere ihr Ziel. Daher sind Lieferungen von modernen westlichen Flugabwehrsystemen für die Ukraine überlebenswichtig.

Welche Maßnahmen gibt es außerdem, das Land durch den ersten Kriegswinter zu bringen?

Abgesehen davon, dass die Durchschnittstemperaturen in den Wohnungen bis auf 17 oder 18 Grad gesenkt werden, ist der Strom- und Gasverbrauch sowohl bei der Bevölkerung, vor allem aber bei der Industrie radikal gesunken. Das kommt der Ukraine jetzt zugute, obwohl dieser geringere Verbrauch natürlich dem Krieg geschuldet ist.

Beim Gas ist man daher zum Beispiel fast gar nicht mehr auf Importe angewiesen, die Eigenproduktion reicht grundsätzlich aus. Unter den aktuell schwierigen Bedingungen hat die Regierung ihr selbstgestecktes Ziel bezüglich der Gasmenge in den Speichern derzeit nur knapp verfehlt. Das würde bei einem milderen Winter zusammen mit den gesunkenen Heizungstemperaturen schon ausreichen. Sollte der Winter aber wirklich hart werden, wird die Ukraine in dieser Frage vor Problemen stehen.

Die Bombardements lebenswichtiger ziviler Infrastruktur sind im Kern Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Wie geht die damit um?

Ein Mann in einem Heizkeller
Nicht unterkriegen lassen: Ein Ukrainer beheizt einen Bombenkeller. Bildrechte: IMAGO/ZUMA Wire

Es herrscht natürlich eine angespannte Stimmung, aber eine Panik wie am 24. Februar gab es nicht. Und das obwohl der Beschuss von gestern wirklich nur mit dem der ersten Kriegstage zu vergleichen ist. Russland will dafür sorgen, dass die Ukrainer müde werden und irgendwann Friedensverhandlungen fordern. Doch mit jedem dieser Angriffe erreicht Moskau nur das Gegenteil: Die Ukrainer werden in ihrem Kampf gegen den russischen Angriffskrieg nur noch wütender und entschlossener. Sie wissen, dass der Winter hart wird, aber sie werden sich nicht unterkriegen lassen.

Was kann der Westen tun, um die Zivilbevölkerung in der Ukraine zu unterstützen?

Mobile Generatoren, Heiz- und Wasserreinigungsysteme sind wichtig. Aber ich muss noch einmal betonen: Das Wichtigste ist die Stärkung der Flugabwehr. Eine gemeinsame, koordinierte Anstrengung des Westens, um die ukrainische Flugabwehr auf ein neues Niveau zu bringen, ist absolut nötig, um so viele ukrainische Leben wie möglich zu retten.

Das stilisierte Bild zeigt einen Soldaten, der sich mit einem Handy filmt. Im Hintergrund ist ein Panzer sowie eine Explosion zu sehen. 2 min
Soldaten und "Embedded Journalists" berichten nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine direkt von der Front. Verändert hat sich jedoch die Selfie-Inszenierung via Handy und die rasante Verbreitung über TikTok und Co. Bildrechte: MDR MEDIEN360G

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 11. Oktober 2022 | 19:30 Uhr

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