Anschlag in Halle Fünfzehnter Prozesstag: Angeschossene aus Wiedersdorf und Taxifahrer sagen aus

Im Prozess zum rechtsextremen Anschlag in Halle ging es am Mittwoch um die Flucht des Angeklagten nach Wiedersdorf. Dort verletzte er zwei Anwohner schwer und stahl ein Taxi. Das Protokoll des fünfzehnten Verhandlungstages.

Polizeifahrzeuge an Ortsschild
Der Prozesstag am Mittwoch drehte sich um die Flucht des Angeklagten nach Wiedersdorf. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Jörg Wagner

Im Prozess nach dem rechtsextremen Anschlag vom 9. Oktober 2019 in Halle sind am Mittwoch am fünfzehnten Prozesstag weitere Zeugen vernommen worden. Es ging vor dem Landgericht Magdeburg um die Flucht des Angeklagten nach Wiedersdorf im Saalekreis. In Wiedersdorf schoss der Angeklagte auf zwei Anwohner und verletzte sie dadurch schwer. Außerdem bedrohte er einen Taxifahrer mit einer Waffe und stahl sein Taxi, mit dem er anschließend versuchte, zu flüchten.

Drei Wiedersdorfer haben am Mittwoch ausgesagt. Weitere Anwohner waren als Besucher gekommen, um ihre Nachbarn zu unterstützen, berichtete ein Gerichtsreporter MDR SACHSEN-ANHALT. Darüber hinaus hat der Taxifahrer eine Aussage gemacht, dessen Taxi der Angeklagte gestohlen und kurzzeitig als Fluchtfahrzeug genutzt hatte.

Mann in Hals geschossen: Noch immer arbeitsunfähig

Der Prozesstag hat mit der Vernehmung des Wiedersdorfers Jens Z. begonnen. Z. berichtete, wie der Angeklagte bei ihm klopfte und mit vorgehaltener Pistole Autoschlüssel forderte. Z. sagte, er habe ihm erklärt, dass er die Schlüssel nicht habe und sei weggelaufen. Dabei habe ihn der Angeklagte in den Nacken geschossen. Z. wollte seine Frau warnen, im Haus zu bleiben, doch sie sei bereits im Hof gewesen. Der Angeklagte habe sie in die Hüfte geschossen. Z. sagte aus, dass er daraufhin noch einmal bedroht worden sei, bis der Angeklagte irgendwann weggelaufen sei.

Z. berichtete, dass er und seine Frau daraufhin die Polizei gerufen hätten. Diese habe ihnen zunächst nicht geglaubt, dass sie angeschossen worden seien. Daher sei erst spät Hilfe eingetroffen. Z. sagte außerdem, dass er seither arbeitsunfähig sei. Seit dem Schuss habe er ständig Kopfschmerzen und Probleme mit Bewegungen seiner rechten Körperhälfte, da Nerven getroffen wurden. Hinzu kämen Angst vor Menschenmengen und Schlafstörungen.

Polizei glaubte Angeschossener zunächst nicht

Im Anschluss sagte die Frau von Z., Dagmar M., aus. Sie berichtete, wie der Angeklagte sie in die Hüfte geschossen hat. Als sie am Boden lag und wieder aufstehen wollte, sei er dicht bei ihr gewesen, habe sie mit der Waffe bedroht und die Autoschlüssel gefordert. "Er hat rumgejammert, wie so ein Mamasöhnchen, wie so ein Weichei", sagte M. Sie habe ihm gesagt, dass sie die Schlüssel nicht habe. Daraufhin sei er vom Hof gegangen "wie ein bedröppeltes Kind".

M. schildert, dass sie daraufhin die Polizei gerufen habe. Der Leitstelle habe sie mehrfach ihren Namen sagen müssen, sie habe mehrfach gesagt, dass ihr Mann verblute. "Das hat der gar nicht wahrgenommen", sagte sie. Ein Nachbar sei gekommen; sie habe ihn gebeten, mit der Polizei zu sprechen, weil ihr nicht geglaubt wurde. 15 Minuten später sei dann ein Polizist da gewesen.

Dagmar M.: Verletzte von Wiedersdorf wurden vergessen

M. sagte, dass sie im Krankenhaus notoperiert werden musste. Reha hätten sie und ihr Mann noch nicht gehabt. In psychologischer Betreuung seien sie erst seit Juni 2020 – niemand habe sich zuständig gefühlt. Auch M. ist seit dem Anschlagstag arbeitsunfähig. M. kritisiert, dass die Verletzten vergessen worden seien. Auch zur Gedenkfeier am 9. Oktober 2020 seien sie erst nachträglich eingeladen worden. Lediglich der Weiße Ring habe etwas für sie gemacht. Außerdem habe eine Person aus der Synagoge ihr und ihrem Mann einen Gutschein für ein Luxushotel geschenkt.

Der Angeklagte Stephan B. schilderte nach den Zeugenaussagen nochmals seine Sicht auf den beschriebenen Tathergang. Er entschuldigte sich nicht bei den beiden Angeschossenen.

Taxifahrer ortet Fluchtfahrzeug

Als Nächstes sagte Kfz-Meister Kai H. aus. Er berichtete, wie der Angeklagte in seine Werkstatt kam und Autoschlüssel forderte. Stephan B. habe gesagt, dass er ein gesuchter Schwerverbrecher sei und drüben zwei Menschen erschossen habe. Taxifahrer Daniel W., der ebenfalls bei der Garage war, habe ihm seinen Autoschlüssel gegeben. Der Angeklagte sei geflüchtet und Daniel W. habe die Verfolgung aufgenommen. Daraufhin ist Kai H. nach eigener Aussage mit einem Nachbarn zur Familie Z. gegangen und hat dort Erste Hilfe geleistet, bis die Polizei und Sanitäter eingetroffen sind. Psychologisch betreut habe ihn danach seine Frau, die Polizistin sei.

Taxifahrer Daniel W. berichtete in seiner Aussage, dass er gemeinsam mit seinem Bruder bei Kai H. gewesen sei, um Winterreifen aufzuziehen. Nachdem er dem Angeklagten die Schlüssel zu seinem Taxi gegeben hatte, sei er ihm im Auto seines Bruders hinterher gefahren. Das Funkgerät im Taxi sei noch an gewesen, sodass er das Fahrzeug orten konnte. Ab Queis sei er hinter dem Angeklagten gefahren.

Auf der Autobahn habe er dann eine Polizeikontrolle gesehen. Daniel W. sagte, er habe angehalten und die Polizei informiert, dass der Angeklagte in seinem Taxi auf der Flucht sei. Das Funkgerät sei mittlerweile aus dem Auto geworfen worden, aber über den Autohersteller habe er das Taxi auf der A9 orten können. Darüber habe er den Polizisten informiert, der ihn zunächst angeschrien habe, woher er das wisse und dass das seine Aufgabe sei. Die Polizei habe den Flüchtigen schließlich um 13:40 Uhr stellen können. Sein Taxi habe er am 8. Dezember wiederbekommen. Bis dahin seien ihm Dienstausfälle entstanden, die bisher nicht entschädigt worden seien, so Daniel W.. Für seine Hilfe habe ihm die Polizei nicht gedankt.

Christian W.: Verletzung am Hals

Christian W., der Bruder von Daniel W., sagte aus, dass er dem Angeklagten vor der Werkstatt auf der Straße begegnet sei. Er habe das Taxi gefordert. Christian W. sagte, er habe ihn zunächst für einen Gast gehalten und angeboten, ein anderes Taxi zu rufen. Stephan B. habe ihn dann mit einer Waffe bedroht. Christian W. berichtete, dass er rückwärts zurück zur Werkstatt gerannt sei und Kai H. und seinen Bruder gerufen habe. Erst als ihn Kai H. fragte: "Du bist ja verletzt, brauchst du Hilfe?", habe er realisiert, dass er am Hals eine Wunde hatte. Am Abend, gegen 20:30 Uhr, habe er erfahren, dass es seinem Bruder gut gehe. Zuvor habe er ihn telefonisch nicht erreichen können. "Das war ein furchtbarer Nachmittag."

Der letzte Zeuge des Prozesstags ist ein Mitarbeiter des LKA Berlin, Marco N., der nach eigener Aussage bei der Spurensicherung in Halle unterstützen sollte, dann aber nach Wiedersdorf geschickt wurde. Er berichtete, welche Spuren der Tat er in Wiedersdorf gesichert hat. Es seien Blutspuren und Patronenhülsen gefunden worden.

Anschließend hat sich das Gericht Fotos angesehen, die vom Mietwagen und den Gegenständen darin gemacht wurden, den der Angeklagte in Wiedersdorf zurückgelassen hat. Im Fluchtfahrzeug lagen demnach mehrere Waffen und Munition.

Hintergrund des Gerichtsverfahrens

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess um den Anschlag auf die Synagoge von Halle. Aus Platzgründen wird der Prozess aber in den Räumen des Landgerichts in Magdeburg geführt. Dort steht der größte Gerichtssaal Sachsen-Anhalts zur Verfügung.

Der 28-jährige Stephan B. hatte gestanden, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Darin feierten gerade 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Der Attentäter scheiterte jedoch an der Tür, erschoss daraufhin eine Passantin, die zufällig an der Synagoge vorbei kam, und später einen jungen Mann in einem Döner-Imbiss.

Stephan B. ist wegen zweifachen Mordes, versuchten Mordes in 68 Fällen, versuchter räuberische Erpressung mit Todesfolge, gefährlicher Körperverletzung, fahrlässiger Körperverletzung und Volksverhetzung angeklagt.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. September 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Harka2 vor 4 Wochen

Sorry, aber einen Doppelmörder nicht zu verfolgen, weil man gerade mit Verkehrskontrollen beschäftigt ist, geht mal gar nicht. Am Notruf die angeschossenen Bürger abwimmeln ist schlicht unvorstellbar. Und wenn man eine Gedenkfeier veranstalten will, ist es wahrlich nicht zu viel verlangt, mal die Personen, für die sie gedacht ist, zu fragen, ob es zeitlich passt. Die angeschossenen Opfer gar nicht erst einzuladen spricht auch Bände über die Organisatoren der Veranstaltung und ihren "Elan" bei der Sache.

Magdeburg1963 vor 4 Wochen

Wird man etwas positives über die Polizei lesen? NEIN, negativ berichten ist einfacher, bequemer...ABER auch die Polizei befand sich in einer Ausnahmesituation, Situationen wie die in Halle können noch so geprobt werden, die Realität ist anders. Die Polizei hat unter Einsatz ihres Lebens Menschen gerettet! Die Polizisten müssen nicht jeden religiösen Feiertag kennen, das Reichen von Essen in der Synagoge war keine Provokation sondern guter Wille. Warum niemand Polizist werden möchte? Schaut euch das Image an, welches aufgebaut wird!

Mini Matz vor 4 Wochen

Ob ich noch mal erleben werde, etwas positives über die Polizei, auch die aus Sachsen-Anhalt zu lesen? Nach dem Artikel beschleichen mich Zweifel.

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