Frauen in der Obdachlosigkeit Keine Wohnung: Ute hofft auf ein Zuhause

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Frauen machen nur etwa ein Viertel der Wohnungslosen in Deutschland aus. Unter anderem deswegen gibt es in Sachsen-Anhalt keine speziellen Anlaufstellen für sie. Doch wohnungslose Frauen haben andere Bedürfnisse als wohnungslose Männer. MDR SACHSEN-ANHALT hat eine dieser Frauen getroffen.

In der täglichen Andacht in der Wärmestube der Diakonie in Halle kann Ute das Vaterunser aus dem Kopf aufsagen. Sie singt "Macht hoch die Tür, die Tore weit" mit, ohne ein einziges Mal zu stocken. Aber eigentlich wäre Ute jetzt lieber woanders. In Leipzig, in einer eigenen Wohnung. Doch Ute wohnt im Haus der Wohnhilfe in Halle, gemeinsam mit vielen anderen Frauen und Männern. Ute ist wohnungslos.

Die 57-Jährige heißt im realen Leben anders. Ihren echten Namen und ihr Bild will sie hier aber nicht veröffentlicht sehen. Sie ist gelernte Krankenschwester und hat seit mehr als sechs Monaten keine eigene Wohnung mehr. Ursprünglich aus Sachsen-Anhalt, zog die Frau 2016 nach Berlin, zu ihrem damaligen Freund. "Eigentlich", sagt sie, "mochte ich Berlin noch nie. Aber wenn man die rosarote Brille aufhat, sieht eben alles besser aus."

Straßenumfrage Wie Menschen in Halle mit Obdachlosen umgehen

Frau mit Kinderwagen
"Wenn ich Obdachlosen etwas gebe, Geld, oder vielleicht eine Pfandflasche, die ich gerade dabei habe, dann achte ich schon darauf, wie die sich geben. Ich entscheide dann situationsbedingt. Manche schreiben ja so lustige Sachen auf Zettel wie beispielsweise "Für Bier". Ich habe eine Freundin, die Obdachlosen manchmal ein Brötchen vorbeibringt, das aber dann nett verpackt, so ‚Gerade ein Brötchen zu viel gekauft.‘ In die Situation bin ich aber noch nicht gekommen.
Ich glaube nicht, dass ich zu Weihnachten Obdachlosen mehr gebe. Ich habe sogar das Gefühl, dass momentan weniger Obdachlose in der Innenstadt unterwegs sind. Vielleicht wegen des Weihnachtsmarktes. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ordnungsamt da mehr hinterher ist."

Vanessa Weise
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
Frau mit Kinderwagen
"Wenn ich Obdachlosen etwas gebe, Geld, oder vielleicht eine Pfandflasche, die ich gerade dabei habe, dann achte ich schon darauf, wie die sich geben. Ich entscheide dann situationsbedingt. Manche schreiben ja so lustige Sachen auf Zettel wie beispielsweise "Für Bier". Ich habe eine Freundin, die Obdachlosen manchmal ein Brötchen vorbeibringt, das aber dann nett verpackt, so ‚Gerade ein Brötchen zu viel gekauft.‘ In die Situation bin ich aber noch nicht gekommen.
Ich glaube nicht, dass ich zu Weihnachten Obdachlosen mehr gebe. Ich habe sogar das Gefühl, dass momentan weniger Obdachlose in der Innenstadt unterwegs sind. Vielleicht wegen des Weihnachtsmarktes. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ordnungsamt da mehr hinterher ist."

Vanessa Weise
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ältere Frau vor Straßenbahn
"Ich habe nicht so oft Kontakt mit Obdachlosen. Wir haben so viele Bettler in der Innenstadt, aber man muss da erst einmal unterscheiden lernen, welche in Truppen abgesetzt werden und welche wirklich auf der Straße leben. Die Obdachlosen tun mir sehr leid. Ich spende generell auch manchmal etwas, zum Beispiel in die Spendendosen, die in der Apotheke manchmal stehen. Wenn ich Obdachlosen etwas gebe, dann meist Geld. Ich denke, das wollen die mehr als Brötchen oder so.
Und dass das Geld für Drogen ausgegeben wird, kann man ja doch nicht verhindern. Die besorgen sich ja trotzdem irgendwo ihren Alkohol. Die Leute tun mir auch wirklich leid."

Ute Dietrich
Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag
Mann von hinten
"Das sind ja Menschen genauso wie ich, warum sollte ich die alle über einen Kamm scheren. Es kann ja jeder in so eine Situation kommen. Manchmal gebe ich denen Geld.
Solange die Obdachlosen das für Lebensmittel ausgeben und nicht für Genussmittel, würde ich das jederzeit wieder machen. Mit der Zeit kennt man die ja schon und weiß, wem man was gibt und wem nicht."

Gerd, möchte seinen vollen Namen nicht nennen und nicht von vorn fotografiert werden
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
junger Mann
"Ich denke schon, dass ich das manchmal ein bisschen ausblende oder ignoriere. Aber ich hole auch gern etwas für einen Obdachlosen oder schmeiße ein bisschen Geld rein. Es ist jetzt nicht so, dass ich das täglich mache, aber manchmal gebe ich denen schon etwas. Vielleicht zu Weihnachten auch öfter.
Das letzte Mal war vergangene Woche. Da bin ich einfach zum Bäcker und habe dem ein Käsebrötchen geholt. Er war sehr dankbar, das hat sich schon gut angefühlt. Aber ich guck natürlich auch, wenn es ein Junkie ist, dann gebe ich dem nicht gern Geld."

Salim Runge
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Bork Schaetz
"Ich begegne selten Obdachlosen, in der Regel gehe ich an ihnen vorbei, ignoriere sie eher. Wenn ich Ihnen etwas gebe, dann meistens Geld, das hat man schnell zur Hand.
Wofür sie das ausgeben, ist mir nicht wichtig. Ich habe dann zwar das Gefühl, dass ich ihnen damit helfe, aber sicher bin ich nicht – vielleicht stecken ja auch professionelle Menschen dahinter, die jemanden vorschicken, um Geld einzusammeln."

Bork Schaetz
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag
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Einfach ersetzt

Drei Jahre später ist die rosarote Brille schon lange nicht mehr da. 2019, erzählt Ute, wollte ihr Freund sie nach einem Streit aus der Wohnung haben: "Direkt ersetzt hat er mich." Sie habe sich gewehrt, sich an eine kostenlose Rechtsauskunft gewandt und erfahren, dass sie als eingetragene Untermieterin durchaus Rechte habe. Letztendlich verlässt Ute die Wohnung dann trotzdem. Sie habe es psychisch nicht mehr ausgehalten, in einer Wohnung mit dem ehemaligen Partner zu leben.

Stattdessen schläft Ute in Unterkünften für wohnungslose Frauen in Berlin. Es geht ihr nicht gut. Sie holt sich einen Termin bei ihrem Arbeitgeber, einem Personaldienstleister, für den sie je nach Bedarf in verschiedenen Kliniken arbeitet. Sie entscheidet, dass sie in dieser persönlichen Krise nicht weiter arbeiten kann: "Das geht in dem Job nicht. Wenn ich mit dem Kopf nur bei mir bin, kann ich mich nicht um Patienten kümmern."

Nur weg aus Berlin

Jetzt hat Ute also nicht nur keine Wohnung, sondern auch keinen Job mehr. Sie will nur noch weg aus Berlin. Am besten in Richtung Leipzig. Dort fand sie es schon immer schön. Die Sozialarbeiter, die ihr in Berlin helfen, wieder auf die Beine zu kommen, hätten sie bei diesem Plan unterstützt. Beim Sozialamt in Leipzig habe man ihr aber nicht helfen können: "Der Sachbearbeiter hat das nicht hinbekommen. Der hat mir sogar ins Gesicht gesagt, dass er von Computern keine Kenntnis hat."

Statistiken zu Wohnungslosen

Eine offizielle Statistik zu Wohnungslosen wird in Deutschland nicht geführt. Entsprechend können auch die Städte Halle und Magdeburg nichts darüber sagen, wie viele Obdachlose in den Städten leben. Allerdings gibt es schon einen Regierungsentwurf für ein sogenanntes Wohnungslosenberichterstattungsgesetz, mit dem eine bundesweite Wohnungslosenstatistik entstehen soll.

Aktuell schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. jährlich die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland. Nach der Einschätzung des Vereins waren 2018 circa 678.000 Menschen ohne Wohnung. Etwa 41.000 davon lebten auf der Straße.

Also geht Ute in die Leipziger Notunterkunft für Frauen – kommt aber nicht hinein: "Die haben mich gleich über die Sprechanlage abgefertigt." "Haben Sie mal auf die Uhr geschaut", habe die Frau gesagt, "Sie können bequem wieder nach Berlin zurück fahren." 18 Uhr sei es gewesen. Also geht es für Ute zurück nach Berlin.

Halle als Plan B

Später, in der Hauptstadt, erzählt sie, seien ihre Sozialarbeiter entsetzt gewesen von dem, was ihr in Leipzig passiert sei. Sie hätten sogar darüber nachgedacht, einen Anwalt einzuschalten. Ob sie das letztendlich getan haben, weiß Ute nicht. Aber sie hätten ihr geholfen, ihren Plan B umzusetzen: Halle. Dort ist Ute seit Juni im "Böllberger Weg" untergekommen. Seit Anfang Dezember arbeitet sie in der Wärmestube der Diakonie mit. Die Arbeit macht Spaß, sagt sie. Langfristig will sie trotzdem in ihren alten Job, die Krankenpflege, zurück.

Und sie will eine eigene Wohnung. Vor allem, damit ihr 18-jähriger Sohn mal wieder bei ihr schlafen kann. In den letzten Jahren hat er bei dem Vater gelebt, jetzt macht er ein Freiwilliges Jahr bei der Bundeswehr. Nach Halle kommen, um sie zu sehen, kann er deswegen nur am Wochenende.

Er weiß, wo sie gerade lebt. Die Unterkunft auch zu sehen, will sie ihm aber nicht zumuten. "Ich will nicht, dass er sich Gedanken darüber macht, wie ich hier lebe", sagt sie. Manchmal lägen Männer betrunken herum und schliefen draußen anstatt in ihren Betten. "Da sind viele, die keine Kraft haben, ihr Leben anzupacken", erzählt Ute. Einige Frauen leben schon mehrere Jahre im Haus der Wohnhilfe. Das, sagt Ute, würde sie nicht aushalten.

Der Traum vom Zuhause

Sie will endlich auch den Rest der Familie einladen können, ihre Mutter, ihre Schwester. Und ihr "eigenes Reich" haben, in dem sie sich wohlfühlt, erzählt sie. Mal eine Kerze anzünden. Das ist aus Brandschutzgründen im Haus der Wohnhilfe verboten. Und sie will in Ruhe kochen. Prinzipiell kann sie das in ihrer Unterkunft zwar auch, sagt sie. Aber dort sei es wie in einer WG-Küche, jeder könne kommen und gehen, wie er wolle. "Zu Hause ist das einfach nochmal etwas anderes."

Einmal habe sie von ihrem Sozialarbeiter in Halle schon ein mögliches neues Zuhause vorgeschlagen bekommen. Doch die Wohnung, sagt Ute, sei in einem unschönen Umfeld gewesen. Polizei und Sanitäter würden sich dort die Klinke in die Hand gegeben. Sie habe dort Angst gehabt, meint sie. Deswegen habe sie abgelehnt und warte jetzt auf den nächsten Vorschlag. Ute ist eine vorsichtige Frau.

Geschlechtertrennung

Ein Mann vor einem Diakonie-Standort
Heiko Wünsch von der Wärmestube Halle unterstützt Ute. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Heiko Wünsch ist Leiter der Wärmestube in Halle und damit Utes Vorgesetzter. An leerstehenden Wohnungen, sagt er, scheitert es in Halle nicht. Das Problem sei viel mehr, dass die Vermieter Probleme fürchteten, wenn sie einen Menschen aus dem "Böllberger Weg" bei sich wohnen ließen. Oft genug gebe es schließlich gute Gründe, wenn ein Mieter eine Wohnung verliere. Fehlende Mietzahlungen etwa oder mietwidriges Verhalten wie laute Partys. Die Vermieter seien dann meist diejenigen, die die Räumung der Wohnung zahlen müssten.

Ute sagt, sie fühle sich im Haus der Wohnhilfe in Halle grundsätzlich wohl. Auch, wenn es manchmal lautstarke Auseinandersetzungen zwischen den anderen Bewohnern gebe. Denn obwohl es in Halle keine getrennten Einrichtungen für Männer und Frauen gibt, habe im Haus der Wohnhilfe in Halle doch jedes Geschlecht seine Etage für sich. Schlaf- und Sanitärräume seien getrennt. Nur in den gemischten Aufenthaltsräumen kämen Männer und Frauen zusammen. 

Es fehlt an Angeboten

Ute teilt ihr Zimmer in Halle mit nur einer Frau. Früher, in Berlin, hat sie manchmal in größeren Schlafsälen übernachtet. Zweimal sei ihr dort das Handy geklaut worden, einmal auch das Portemonnaie, das sie gemeinsam mit anderen Dokumenten aufbewahrte. Geburtsurkunde, Führerschein – alles habe sie neu beantragen müssen.

In Halle gibt es keine einzelnen Unterkünfte oder speziellen Angebote für wohnungslose Frauen. In ganz Sachsen-Anhalt sind solche Angebote Mangelware. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es hier weniger wohnungslose Frauen gibt als in großen Städten wie Leipzig oder Berlin. Und damit, dass insgesamt weniger Frauen obdachlos sind als Männer. Nur 26 Prozent aller Wohnungslosen, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe, sind Frauen. Trotzdem, sagt Heiko Wünsch – wenigstens eine Stelle speziell für wohnungslose Frauen sollte es auch in Sachsen-Anhalt geben.

Die Wirkung ist alles

Heiko Wünsch
Wünsch will mehr Unterstützung für wohnungslose Frauen. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Wohnungslose Frauen, sagt er, haben andere Bedürfnisse als Männer. Das schreibt auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Frauen unternehmen demnach viele Anstrengungen, um nicht als wohnungslos wahrgenommen zu werden. Sie würden meist nicht öffentlich sichtbar auf der Straße leben, sondern fänden andere Lösungen. Teilweise würden sie dafür sogar mehrmals in gewaltvolle Beziehungen oder Familien zurückkehren. Oder zwangsweise Gemeinschaften mit Menschen eingehen, die ihnen ein Dach über dem Kopf bieten können – sie dafür aber ausnutzten, sexuell oder in anderer Hinsicht.

Wohnungslose Frauen unternehmen Wünsch zufolge außerdem häufig große Anstrengungen, um ihr gepflegtes Erscheinungsbild zu erhalten. Auch Ute sieht man nicht an, dass sie in den letzten Monaten keine eigene Wohnung hatte. Zerbrechlich sieht sie aus, vorsichtig, unauffällig. Sorgenvoll, aber gepflegt. Anders als viele Männer im Haus der Wohnhilfe, wenn man Utes Erzählungen folgt. "Häufig riecht es schlecht, weil viele Männer sich nicht um ihre Körperhygiene kümmern. Das ist dann für alle unangenehm", erzählt sie.

Utes Fall sei besonders, sagt Heiko Wünsch von der Wärmestube in Halle. Nicht nur, weil sie eine Frau ist. Auch nicht, weil sie in einer Wohnungslosenunterkunft lebt, die viele obdachlose Menschen ablehnen, weil sie sich in ihnen unsicher oder eingesperrt fühlen. Sondern vor allem, weil sie trotz ihrer Krisensituation die Kraft aufbringt, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Obwohl es ihr nicht gerade leicht gemacht wird. Vielen Wohnungslosen falle das schwer.

Aber Ute hofft weiter. Auf eine eigene Wohnung, auf einen Job als Krankenschwester. Und dass bessere Zeiten kommen.

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – mit Leidenschaft auch beruflich. Aktuell beendet sie ihre Master in Multimedia und Autorschaft und International Area Studies in Halle. Dabei schreibt sie außer für den MDR SACHSEN-ANHALT unter anderem auch für Veto-Mag.

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Ein Mann durchsucht einen Mülleimer nach Pfandflaschen
Auch in Halle leben Menschen auf der Straße. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

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älterer Mann sitzt in Büro
Joachim Weimann ist Experte für Wirtschaftspolitik. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag

Quelle: MDR/aso

1 Kommentar

Atheist vor 48 Wochen

So wie unsere Gesellschaft hintriebest hat Ute keine Chamce mehr.
Frauen und Frauenrechte werden der Toleranz geopfert.

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