Wählen unter Pandemie-Bedingungen Was man aus der Landratswahl im Salzlandkreis lernen kann

Die Landratswahl im Salzlandkreis ist die erste größere Wahl unter Pandemie-Bedingungen in Sachsen-Anhalt gewesen. Wahlhelfer sagten reihenweise ab, Schnelltests waren zu kompliziert und die Wahlbeteiligung gering. MDR-Reporter Tom Gräbe hat die Wahl beobachtet und erklärt, was gut und was schlecht lief. Außerdem sagt er, was daraus für die Landtagswahl abzuleiten ist.

Eine Person wirft einen Wahlzettel in eine Wahlurne.
Viele Wahlhelfer sagten aus Sorge vor dem Coronavirus in Aschersleben ihre Einsätze in Wahllokalen ab. Bildrechte: imago/epd

Wie lief die erste große Wahl in Sachsen-Anhalt unter Pandemie-Bedingungen?

Tom Gräbe: Die Wahl an sich, also die Organisation der Stimmabgabe, die hat aus meiner Sicht gut funktioniert. Als ich in den Wahllokalen in Aschersleben unterwegs war, habe ich routinierte und entspannte Wahlhelfer gesehen. Die Stimmenauszählung am Sonntagabend ging schnell. Das ganz normale Wahlprozedere abzuwickeln, das hat also prima geklappt.

Die Umstände waren aber ungewöhnlich. Wegen der Corona-Pandemie. Auf meiner Wahlbenachrichtigung stand sogar, ich möge bitte meinen eigenen Stift mitbringen. Die Abstimmung mit über 162.000 Wahlberechtigten haben sie durchgezogen. Mit Masken, Desinfektionsmittel und freiwilligen Corona-Schnelltests für die Wahlhelfer. Das war ein logistischer Kraftakt für die Organisatoren. Allerdings: Die Abstimmung lief schleppend. Gerade mal etwas über 22 Prozent der Wähler haben abgestimmt. Insgesamt. Um den Chefsessel im Landratsamt hatten sich zwei Kandidaten beworben. Der SPD-Amtsinhaber und ein Herausforderer von der CDU. Und Wahlkampf wie man ihn kennt –mit Sonnenschirm und Faltblättern in der Fußgängerzone – den gab es nicht. 

Wo hat es am meisten gehakt?

Tom Gräbe
Tom Gräbe hat die Wahl im Salzlandkreis beobachtet. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Wahlhelfer zu finden, das war ein Riesenthema. Davon brauchte es hunderte. Allein bei mir hier in Aschersleben waren 179 Wahlhelferinnen und -helfer im Einsatz. 65 Absagen hat die Wahlleitung vorher gezählt. Ersatz zu finden, war schwierig. Viele hätten Angst gehabt, in den Wahllokalen zu sitzen.

Und das ist aus meiner Sicht sehr nachvollziehbar. Trotz Abstand, Maske, Hygiene-Regeln, Lüften: So ein Einsatz als Wahlhelfer bedeutet trotzdem, mit Menschen stundenlang in einem Raum zu sitzen. Deshalb hat die Kreiswahlleitung den Wahlhelfern auch Corona-Schnelltests zur Verfügung gestellt. Das Problem war allerdings: Nicht alle Wahlhelfer sind damit richtig klargekommen. Sich ein Stäbchen tief in Rachen oder Nase zu schieben, den Test richtig anzuwenden – Das hat mal besser, mal schlechter geklappt. Aber: Die Tests haben auch geholfen. Die Kreiswahlleitung wusste von zwei Wahlhelfern, deren Schnelltests positiv waren. Die saßen dann nicht im Wahllokal.

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Wenn nächste Woche Landtagswahl wäre, was müsste dringend geklärt werden?

Ich denke, das Hygiene-Konzept für die Wahlhelfer müsste nochmal feiner abgestimmt werden. Abstände, Maske, Desinfektionsmittel, das klappt schon. Schnelltests sind sicherlich eine gute Idee. Aber es ist nicht damit getan, ein Testkit in jedes Wahllokal zu liefern und eine Anleitung dazu. Ich finde, es bräuchte auch Helfer, die in der Lage sind, solche Tests richtig und sicher durchzuführen. 

Für die Wähler hingegen – das war zumindest mein Eindruck – ist der Besuch im Wahllokal nicht komplizierter als ein Einkauf. Mit Maske rein, ankreuzen, Zettel in die Urne, raus. Das ist der praktische Teil.

Dazu kommt der demokratische, der politische. In der Pandemie ist Wahlkampf nur eingeschränkt möglich. Sich bekannt zu machen, für Ideen und Konzepte zu werben – das dürfte deutlich schwieriger sein. Dafür bleiben fast nur Plakate und das Internet. Dazu kommt: Wir diskutieren in der Pandemie über Home-Schooling, 15-Kilometer-Grenzen und wie wir unseren Alltag auf die Reihe kriegen. In dieser Situation zu einer Wahl gerufen zu werden, das ist hier bei mir im Salzlandkreis bei vielen auf Unverständnis gestoßen. Das hab ich immer wieder gehört. Die Wahlbeteiligung zeigt das auch deutlich. Wähler mobilisieren, das dürfte eine Riesen-Herausforderung werden.

Funktioniert Präsenz-Wahl unter Pandemie-Bedingungen wirklich?

Ja. Das geht schon. Das haben sie hier im Salzlandkreis gezeigt. Hut ab vor den Wahlhelfern, der Wahlleitung und ihrem Engagement. Aber, wie man das alles gestaltet, das dürfte in der Pandemie nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage sein. 

Über Tom Gräbe Tom Gräbe arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben, Staßfurt, Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs.
Aufgewachsen ist er in Aschersleben.

Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

Recherche & Redaktion: MDR, Tom Gräbe/Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. Januar 2021 | 07:30 Uhr

2 Kommentare

Daglinchen vor 4 Wochen

Sicher sind einige wegen der Wahl und des Wetters nicht zur Wahl gegangen. Der Hauptgrund lag m. E. aber in der Auswahl. CDU und SPD. Die Wahl zwischen Pest und Cholera. Der CDU Kandidat recht unbekannt und in der Region nicht verwurzelt. Herr Bauer mag sich jovial, kompetent, erfahren geben, ist er es? Er bedankt sich jetzt zu überschwänglich bei seinen Wählern. Ist eine Wahl mit etwas über 20 % eine Wahl? Sicher eine erneute Wahl würde daran wahrscheinlich wenig ändern. Man sollte darüber aber mal nachdenken. Und vor allem die etablierten Parteien der Region, ob es nicht doch besser gewesen wäre, einen Kandidaten zu benennen. So hat man die "Wahl" dem Amtsinhaber geschenkt. Hätte vllt. am Ergebnis nichts geändert. Aber die Illusion: Es wäre eine Wahl.

Realist62 vor 4 Wochen

Strassenwahlkampf. Diese Stände ignoriere ich seit 30 Jahren. Wahlkampf findet tagtäglich statt in den Medien.

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