Paläontologie Neandertaler jagten riesige Elefanten im heutigen Sachsen-Anhalt

Westlich von Merseburg am heutigen Geiseltalsee haben Menschen vor 125.000 Jahren zehn Tonnen schwere Europäische Waldelefanten erlegt. Diese ausgestorbene Art war größer als heutige Elefanten.

Ein lebensecht rekonstruierter Wald-Elefant
So groß wie dieses lebensecht rekonstruierte Tier und größer als heutige Elefantenarten waren die mittlerweile ausgestorbenen Europäischen Waldelefanten. Die Neandertaler hielt das trotzdem nicht ab, auf die größten Landsäugetiere der damaligen Zeit Jagd zu machen. Bildrechte: Zentralwerkstatt Pfännerhall e.V.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Neandertaler, leben in einer größeren Gruppe und alle in der Gruppe haben Hunger. Sie kennen diese großen, wirklich extrem großen Tiere mit den geraden Stoßzähnen, die im Wald leben. Sie haben beobachtet, dass es kleinere Exemplare gibt (Weibchen und Jungtiere), die sich gegenseitig in Herden Schutz geben. Und dann gibt es die besonders riesigen Exemplare (Männchen), die oft als Einzeltier unterwegs sind. Wen würden Sie eher jagen? Doch vermutlich die großen Einzeltiere. Mit denen kommt man im Kampf leichter zurecht als mit einer ganzen Herde. Und mehr Fleisch und Fett sind zur Belohnung auch noch dran. Weniger Risiko, mehr Ertrag, Win-win.

Der Geiseltalsee westlich von Merseburg und Leuna. An seinem Nordufer wurden viele Überreste von den ausgestorbenen Europäischen Waldelefanten gefunden.
Der Geiseltalsee westlich von Merseburg und Leuna. An seinem Nordufer wurden viele Überreste der ausgestorbenen Europäischen Waldelefanten gefunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ziemlich genau so muss es dann auch oft vonstattengegangen sein vor etwa 125.000 Jahren - dort, wo heute das Nordostufer des Geiseltalsees ist. An der Fundstelle Neumark-Nord wurden, ursprünglich ausgelöst durch Braunkohle-Baggerarbeiten, seit 1985 mehr als 1.350 Knochenfunde gemacht. Sie gehörten zu mindestens 70 Europäischen Waldelefanten, darunter waren auch vollständige Skelette. Dadurch war auch die lebensechte Rekonstruktion des Körpers so eines Riesen möglich.

Die Erstautorin der Forschungsarbeit Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser neben der lebensgroßen Rekonstruktion eines erwachsenen männlichen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle
Die Erstautorin der Forschungsarbeit Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser neben der lebensgroßen Rekonstruktion eines erwachsenen männlichen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle Bildrechte: Lutz Kindler, LEIZA

Die Knochen von Neumark-Nord wurden schon oft untersucht, aber noch nie im Zusammenhang mit eventuellen Speise-Vorlieben der damals dort lebenden Neandertaler. Das hat eine Forschungsgruppe um Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser nun nachgeholt. Das Team von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dem Leibniz-Zentrum für Archäologie in Mainz und der Universität Leiden in den Niederlanden stellte seine Ergebnisse nun im Fachjournal "Science Advances" vor.

Wichtigste Ergebnisse dabei: Neandertaler machten damals gezielt Jagd auf Europäische Waldelefanten, um sich von ihrem Fleisch und Fettpolstern zu ernähren. Und das über etwa 2.000 Jahre, also viele Generationen hinweg. Die riesige Menge Fleisch und Fett, die sie so immer wieder zur Verfügung hatten, legt außerdem den Verdacht nahe, dass Neandertaler in größeren Gruppen zusammenlebten als bislang angenommen.

Größtes Landsäugetier

Der Europäische Waldelefant besiedelte im Zeitraum von vor 800.000 bis vor 100.000 Jahren die Landschaften Europas und Westasiens. Er war das größte Landsäugetier des Pleistozäns, also der letzten drei Millionen Jahre, nicht nur deutlich größer als der heutige Afrikanische Elefant und der Asiatische Elefant, sondern auch größer als das ebenfalls ausgestorbene Wollhaarmammut. Schulterhöhe bis zu vier Meter, Masse bis zu 13 Tonnen, ein echter Gigant.

Karte des ungefähren Ausbreitungsgebietes des heute ausgestorbenen Europäischen Waldelefanten im Pleistozän. Rot markierte Punkte stehen für Fundorte von Überresten der Tierart.
Karte des ungefähren Ausbreitungsgebietes des heute ausgestorbenen Europäischen Waldelefanten. Rot markierte Punkte stehen für Fundorte von Überresten der Tierart. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon vor etwa 15 Jahren hatte ein Team italienischer Paläontologen das reichhaltige Elefantenmaterial vom Fundort Neumark-Nord untersucht. Es kam zu dem Schluss, dass es sich um eine merkwürdige Ansammlung handelt mit einem unausgewogenen Sterblichkeitsprofil, nämlich fast nur erwachsenen und vor allem männlichen Tieren. Dieses Muster wurde bisher weder bei fossilen noch bei heutigen Elefantenpopulationen beobachtet und war schwer zu erklären.

Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser untersucht den Oberschenkelknochen eines großen erwachsenen männlichen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle.
Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser untersucht den Oberschenkelknochen eines großen erwachsenen männlichen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle. Bildrechte: Lutz Kindler, LEIZA

Als Sabine Gaudzinski-Windheuser Anfang 2021 einige Elefantenknochen erstmals untersuchte, fand sie Hinweise auf die Ursache der Besonderheiten: menschliche Aktivität. "Die Entdeckung von eindeutigen Schnittspuren gab den Anstoß zu einer intensiven Untersuchung der Elefantenüberreste", so Sabine Gaudzinski-Windheuser, Professorin für Pleistozäne Archäologie in Mainz.

Die Analyse des einzigartigen Materials aus Tausenden von Knochen und Knochenfragmenten stellte sich als sehr zeitaufwändiges Unterfangen heraus: Monatelang wurden große Kisten geöffnet, in denen das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle die einzelnen Elefanten lagert, die großen und schweren Knochen mussten angehoben und gedreht werden, um ihre Oberfläche zu untersuchen, jedes einzelne Knochenstück wurde identifiziert und etwaige Veränderungen dokumentiert.

"Insgesamt haben wir auf diese Weise 3.122 Überreste von den Europäischen Waldelefanten in Neumark-Nord analysiert", beschreibt Dr. Lutz Kindler vom Leibniz-Zentrum für Archäologie das Vorgehen.

Dies ist der erste eindeutige Beweis...

Prof. Dr. Wil Roebroeks, Universität Leiden

Die detaillierte archäologische Analyse der Schnittspuren an den Skelettresten ergab, dass die Jagd auf die eiszeitlichen Riesen dazu beitrug, die Existenz der Neandertaler zu sichern, und zwar mindestens 2.000 Jahre lang. "Dies ist der erste eindeutige Beweis für die Elefantenjagd in der menschlichen Evolution", sagt Prof. Dr. Wil Roebroeks von der Universität Leiden zu den Ergebnissen.

Kooperation unter Neandertalern

Die Jagd auf die großen Tiere erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Gruppenmitgliedern, ebenso wie die Verarbeitung der Beute. Die Tiere mussten geschlachtet werden, Fleischreste waren von den langen Knochen abzulösen und die fettreichen Fußpolster zu entfernen. Zur Verarbeitung gehörte möglicherweise auch das Trocknen der Produkte für die Langzeitlagerung.

Die Autorinnen und Autoren der Forschungsarbeit berechneten, dass ein zehn Tonnen schwerer Elefant – das wäre nicht einmal der größte in Neumark-Nord – mindestens 2.500 Portionen für erwachsene Neandertaler zu jeweils 4.000 Kilokalorien geliefert haben dürfte, bestehend aus einer nahrhaften Mischung aus Eiweiß und Fett.

Darstellung - Neandertaler jagen Mammut
So wie die Mammut-Jagd in dieser nachgestellten Szene in einem französischen Themenpark könnte auch die Waldelefanten-Jagd durch Neandertaler vonstattengegangen sein: Einen einzelnen Bullen in eine Falle locken - und dann auf ihn mit Gebrüll... Bildrechte: IMAGO / alimdi

Diese Zahlen sind insofern wichtig, als bislang angenommen wurde, dass sich Neandertaler in Gruppen von höchstens 25 Individuen zusammengefunden haben. Nach Einschätzung des Forschungsteams zeigt die neue Studie, dass die Neandertaler zumindest zeitweise in viel größeren Gemeinschaften zusammengekommen sein dürften oder dass sie über Mittel zur Konservierung und Lagerung von Nahrungsmitteln in großem Maßstab verfügten – oder sogar beides. In jedem Fall handelt es sich der Forschungsgruppe zufolge um wichtige Erkenntnisse, die wesentlich zum Verständnis der Variationsbreite des Neandertalerverhaltens beitragen.

(rr / idw)

Ein Neadndertaler mit Fellbekleidung. In der einen Hand trägt er einen Speer, mit der anderen Hand hält er die Hand seiner Tochter, die auf seinen Schultern sitzt und sich an seinem Hals festhält. Das Kind blickt nach hinten in die Ferne, der Blick des Vaters ist auf den Boden gerichtet. mit Audio
Die Überreste von 13 Neandertalern wurden in Sibirien in den Höhlen von Chagyrskaya und Okladnikov gefunden. Die Genomsequenzierung offenbarte das Verwandtschaftsverhältnis der Individuen. Unter ihne waren auch ein Vater und seine Tochter. Bildrechte: © Tom Bjorklund

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