Neuer Roman in der Reihe "Ortsumgehung" Andreas Maiers Heimat-Saga: "Die Familie" lüftet das Schweigen

Der Schriftsteller Andreas Maier arbeitet sich immer wieder an seiner hessischen Heimat ab. Seine schöne Wetterau könne nicht mehr nur Literatur sein, lässt er jedoch den Ich-Erzähler im jüngsten Band der auf elf Teile angelegten Reihe unter dem Titel "Ortsumgehung" sagen. Einst tranken die Vorfahren gemütlich Apfelwein miteinander, nun scheint alles von einem "Vernichtungsvirus" befallen. Mit Blick auf die Familiengeschichte erkennt sein Alter ego: "Wir sind die Kinder der Schweigekinder".

Andreas Maier
Furore machte der Schriftsteller Andreas Maier 2000 mit seinem Roman "Wäldchestag", der ebenfalls in der Wetterau spielt. Bildrechte: dpa

Wenn sich Andreas Maier in der Vergangenheit ein Etikett aufkleben lassen musste, dann das des Heimatschriftstellers. Seit Jahren schreibt er an seiner "Ortsumgehung" – einer auf elf Bände angelegten Romanreihe, die sein Aufwachsen in der Wetterau beschreibt, einer Region in Hessen nördlich von Frankfurt am Main.

In seinen Romanen mischen sich Biografie und Zeitgeschichte. Die ersten Kindheitserinnerungen gewinnen ebenso an literarischer Größe wie das politische Geschehen jener Zeit. So auch im jüngsten Band, der sich ganz um "Die Familie" dreht:

Aus: "Die Familie" "Die Familie besaß das mit Abstand größte Grundstück am Usa-Ufer. Es war so riesig, daß auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Mühlweg mindestens zehn Häuser Platz hatten. Das Gelände maß über zweihundert Meter in der Länge und nahm fast die ganze Strecke von den Vierundzwanzig Hallen, unserem Eisenbahnviadukt, bis hin zur Barbarastraße ein."
Zitat, Seite 17

Andreas Maier: Die Familie
Über Herkunft und Heimat Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Das aufsehenerregendste Kapitel der Familiengeschichte ist der Abriss einer alten Mühle, die von einem Bagger zum Einsturz gebracht wird, um so drohenden Denkmalschutzauflagen zu entgehen. Ansonsten beschreibt Maier die alte Bundesrepublik als Biedermeierwelt.

Die Eltern sind erfolgreiche Unternehmer, gewählt wird traditionell CDU. Die Familie ist für die Mutter ein Rückzugsort, ein Bollwerk gegen alle Einflüsse von außen.

Als der Bruder rebelliert und sich traut, andere politische Meinungen zu vertreten, kennt die Empörung der Eltern kaum Grenzen. Geschimpft wird dann vor allem auf die Lehrer:

Aus: "Die Familie" "Er hat ihm damals diese ganzen linken Ideen eingegeben mit Sozialismus und Eigentum, und er war gegen alles, was mit Familie und Tradition zu tun hat. Es waren überall (jetzt fiel das Wort) diese funktionalen Miterzieher. Dagegen kannst du als Eltern gar nicht ankommen, die nehmen dir die Erziehung komplett aus der Hand."
Zitat, Seite 59

"Wir sind die Kinder der Schweigekinder"

Dass Maier ein herausragender Schriftsteller ist, ist spätestens seit den ersten Bänden seiner "Ortsumgehung" bekannt. Sein Talent zur Komik findet dagegen noch wenig Aufmerksamkeit. Sein neuer Roman ist voll von entlarvendem Humor, wenn die Eltern sich davor drücken, ihren Kindern zu sagen, ob es Nazis in der Familie gegeben hat. Gebetsmühlenartig heißt es dann immer: Wie kommst du denn darauf? Wir haben den Juden doch Brand, also Brennholz, gegeben.

Aus: "Die Familie" "Kein Ja, kein Nein, keine Information, keine Erzählung, nichts. Das einzige, was ich wußte: 'Wir' hatten den Juden sogar Brand gegeben! Die Frage nach Parteimitgliedschaft mußte aus irgendwelchen Gründen bei meiner Mutter einen solchen Adrenalinstoß verursachen, daß sich eine alles vernebelnde Wolke in ihrem Gehirn ausbreitete und sie nicht einmal merkte, daß sie mir das schon zehnmal erzählt hatte und ihr Wortlaut dabei immer exakt ein und derselbe war."
Zitat, Seite 142

Es ist nicht ohne Ironie, dass gerade dem genauen Beobachter das Naheliegende lange nicht auffällt. Denn die Familie war tiefer in den Nationalsozialismus verstrickt als er glauben wollte. Diese Erkenntnis steht am Ende von Andreas Maiers jüngstem Band und stellt seine bisherige Herkunftsgeschichte in Frage:

Aus: "Die Familie" "Meine schöne Wetterau! Die ganze Zeit konnte sie Literatur sein. Sie konnte blühen, duften, schweben, fliegen, ich konnte sie wie einen Ballon in den Händen halten, sie in der Luft tanzen lassen. Wie Chaplin in dem Film. Sie konnte alles sein, universal! Sogar Nazis konnten darin vorkommen. Der nazibraune Variant meines Onkels! Das war ein großes Spiel. Daß das alles eine Form des Schweigens war, kam nicht vor. Mein Gott."
Zitat, Seite 151

In "Die Familie" ist Andreas Maier das Kunststück gelungen, seine Herkunft neu zu denken und dem Stil seiner bisherigen Romane treu zu bleiben. Sein Roman ist ein bemerkenswert aktuelles Buch, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass es eine unbelastete Heimat nicht gibt. Allenfalls als Erfindung.


Angaben zum Buch
Andreas Maier: Die Familie
Suhrkamp, Gebunden, 166 Seiten
ISBN: 978-3-518-42862-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juli 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2019, 04:00 Uhr

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