Rezension Biografie: Wie Asta Nielsen Film und Frauenbild revolutionierte

Asta Nielsen war der erste Star der Filmgeschichte. Ihr ausdrucksvolles Gesicht, ihr gefühlstiefes Spiel machten sie zur "Duse des Films", der durch sie "vom Kirmesvergnügen zur Kunstform" wurde. Ihre größten Erfolge feierte die Dänin in Deutschland, das sie schweren Herzens verließ. So entkam sie den Avancen von Hitler und Goebbels. Wie sie Film und Frauenbild revolutionierte, zeigt Barbara Beuys in einer Biografie: "Asta Nielsen: Filmgenie und Neue Frau".

Barbara Beuys: Asta Nielsen. Filmgenie und Neue Frau
Eine umfassende Asta Nielsen-Biografie Bildrechte: Suhrkamp

Nein, von Liebe auf den ersten Blick kann man nicht sprechen. Die angehende Theaterschauspielerin Asta Nielsen blickt eher skeptisch auf das gerade erfundene Medium Film: "... die neue 'Kunst' bestand doch hauptsächlich aus Cowboyszenen im Wilden Westen oder komischen Situationen, wo Bäckerjungen mit Schornsteinfegern aneinander gerieten oder feingekleidete Herren und Damen sich damit vergnügten, sich gegenseitig Schlagsahne ins Gesicht zu werfen."

Keine Liebe auf den ersten Blick

Die Historikerin Barbara Beuys zitiert das Bonmot, kurz bevor sie die Geburtsstunde einer Leinwandlegende beschreibt. Die Skepsis, so ist zu lesen, hält Asta Nielsen letztlich doch nicht davon ab, mit diesem neuen Genre sprichwörtlich Ernst zu machen. 1910 dreht Asta Nielsen ihren ersten Stummfilm, das Drama "Abgründe". Eine Zäsur für das Genre, wie Beuys erklärt: "Das war der erste Spielfilm, der eine Länge von 45 Minuten hatte und eine richtige Geschichte erzählte. Asta Nielsen stand darin zum ersten Mal vor einer Kamera, trotzdem gelang es ihr, ein solches künstlerisches Niveau zu erreichen, dass der Film von da ab als Sparte der Kunst gilt, neben der Malerei und der Literatur. Die 30 Filme, die sie dann noch bis 1914 gedreht hat, sind alle auf dem gleichen hohen Niveau."

Vom Kirmesvergnügen zur Kunstform: Neue Rollenbilder

Asta Nielsen in dem Stummfilm "Haus am Meer".
Asta Nielsen in dem Stummfilm "Haus am Meer": In der Mutter-Rolle. Bildrechte: dpa

Doch Asta Nielsen hat nach Ansicht der Biografin nicht nur den Film "vom Kirmesvergnügen zur Kunstform" erhoben, sondern sie tritt darin auch als Typus einer neuen Frau in Erscheinung. Diese neue Frau behauptet sich selbstbestimmt und durchaus mit Furor in der Welt. Die Kompromisslosigkeit spielt sie nicht nur in den von ihr verkörperten Rollen, sondern lebt sie auch, wie Barbara Beuys im Rückblick auf die Zeit erläutert: "Sie wurde geboren zur Zeit des deutschen Kaiserreichs und damit in eine Welt, in der die Frau in Küche, Wohn- und Kinderzimmer agierte, der öffentliche Raum gehörte ausschließlich dem Mann. Frauen durften nicht berufstätig sein, sie mussten sich um die Kinder kümmern und dem Mann ein schönes Heim herrichten." Asta Nielsen hielt sich nicht daran, wie Beuys erzählt: "Sie wollte Schauspielerin werden und das hat sie auch geschafft." 

Asta Nielsen als Hamlet
Asta Nielsen in "Hamlet": Als Prinz von Dänemark. Bildrechte: imago/Cinema Publishers Collection

Trotz der Geburt eines unehelichen Kindes lässt sie sich nicht beirren, ihre Schauspielkarriere voranzutreiben. Sie sucht sich ihre Männer selbst aus und lässt einmal verlauten, eine Ehe sollte nicht länger als sieben Jahre dauern. Dass sie knallhart Prioritäten setzt, zeigen ihre 1945/46 in Kopenhagen erschienenen Memoiren: "Man stelle sich vor: In dieser Autobiografie kommen ihre Tochter Jesta und ihre Ehemänner nicht vor. Das heißt, alles was sie schreibt, ihr ganzes Leben, macht den Eindruck, sie ist allein als starke, selbstbewusste Frau durchs Leben gegangen", erzählt die Biografin.

Nach akribischer Recherche, "mit kritischer Sympathie"

In "Asta Nielsen. Filmgenie und neue Frau" fügt Barbara Beuys diesem Bild einige Schattierungen hinzu. Sie begutachtet dafür den Mythos, den sich Asta Nielsen selbst schuf, mit "kritischer Sympathie". Für das Buch heißt das: ein Blick hinter die Kulissen ohne hämischen Unterton. Vielmehr ist Beuys, wenn sie versucht, aus den teils konträren Darstellungen der Wahrheit näher zu kommen, um Einfühlung in die Umstände bemüht.

Wohnhaus von Asta Nielsen
Das nunmehr sanierte Sommerhaus der Schauspielerin auf Hiddensee, das auch Museum ist. Bildrechte: imago images/imagebroker

Das gilt auch für den ambivalenten Umgang der Diva mit den neuen Machthabern in Deutschland. 1933 bekommt Asta Nielsen von Goebbels eine eigene Filmgesellschaft angeboten. "In ihren späteren Erinnerungen folgt auf dieses Angebot eine sofortige und klare Absage, sie drehe keine Filme mehr." Doch die Biografin hat noch einen weiteren Bericht ausfindig gemacht, den des Freundes Hans Siemsen, dem Nielsen hinter verschlossenen Türen ihre Unsicherheit gesteht: "Vielleicht sollte man diesen Nazis doch ein wenig Zeit lassen, damit sie beweisen können, ob sie anständig sind?" So ehrlich, wie Asta Nielsen Einblick in ihre widersprüchliche Gemütslage gibt, ist die Reaktion der Angesprochenen: Betretenes Schweigen.

Barbara Beuys
Biografin Barbara Beuys Bildrechte: imago/Thilo Schmülgen

Barbara Beuys erzählt das Leben von Asta Nielsen sorgfältig chronologisch. Dank ihrer akribischen Recherchearbeit gelingt es ihr, auch einige Lücken im Lebenslauf zu schließen. Sie hat für die Arbeit am Buch extra Dänisch gelernt und sich in Archiven in Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Asta Nielsen, ihren Freunden und Familienangehörigen vertieft. Auf diese Weise rekonstruiert Beuys auch Nielsens Leben nach der Filmkarriere. Das sind immerhin 45 Jahre. So lernen wir Asta Nielsen als eine auch im fortgeschrittenen Alter tatkräftige Frau kennen. Zwar leidet sie unter Einsamkeit und Krankheiten in der verhassten Provinz. Ihren Mut zu neuen Unternehmungen aber verliert sie nie. Mit 88 Jahren heiratet Asta Nielsen einen 18 Jahre jüngeren Kunsthändler. Die Briefe, die Beuys zitiert, zeugen von einer großen Zärtlichkeit auf beiden Seiten. Zwei Jahre bleiben ihr für dieses private Glück.

Angaben zum Buch Barbara Beuys
Asta Nielsen - Filmgenie und Neue Frau
Insel Verlag
Gebunden, 447 Seiten
ISBN: 978-3-458-17841-5
25,00 Euro

1977 erschienen ihre Memoiren, in einer Übersetzung aus dem Dänischen, unter dem Titel "Die schlafende Muse" in der DDR und der BRD. Auch einige kleinere Abhandlungen wurden publiziert, zum Beispiel über ihr Leben im Sommerhaus auf der Insel Hiddensee. Doch eine umfassende Biografie dieser großen Schauspielerin gab es bislang nicht. Die Historikerin Barbara Beuys, die schon mit Arbeiten über Hildegard von Bingen, Maria Sibylla Merian  oder Sophie Scholl in Erscheinung trat, hat sich dieser Aufgabe nun angenommen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Mai 2020 | 08:40 Uhr