Dämmerung über Donau und ungarischem Parlament
Budapest ist für viele heute eine romantische Stadt. In Attila Bartis' Roman ist sie aber vor allem grau. Bildrechte: IMAGO

Buchempfehlung Attila Bartis: "Das Ende" "Gulaschkommunismus" in beklemmendem Grau

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Dämmerung über Donau und ungarischem Parlament
Budapest ist für viele heute eine romantische Stadt. In Attila Bartis' Roman ist sie aber vor allem grau. Bildrechte: IMAGO

Es gibt Romane, die einen weiten historischen Bogen spannen, die von privaten Katastrophen, politischen Verstrickungen und beglückenden Lieben erzählen und dennoch vor allem durch ihre Atmosphäre, ihren insistierenden Grundton in Erinnerung bleiben.

Attila Bartis hat mit seinem dritten Roman 'Das Ende' ein solch verstörend-beeindruckendes Buch geschrieben, das auf die lange Ära des ungarischen Ministerpräsidenten und Chefs der sozialistischen Partei János Kádár zurückblickt.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Damit blickt der 1968 in Siebenbürgen geborene Autor auf eine Zeit des Leidens an einem einschnürenden Regime, ungeachtet dessen, was es während des "Gulaschkommunismus" an kleinen Freiheiten einräumte.

Eine Familie geht am Volksaufstand zugrunde

Massenflucht aus Ungarn 1956 nach dem Aufstand
1956 in Ungarn - es ist ein Aufstand des ganzen Volkes. Die Familie des Protagonisten reißt er unglücksam auseinander. Bildrechte: IMAGO

Bartis' Protagonist, der 1943 geborene András Szabad, erlebt als Junge, wie seine Familie an den Folgen des zur "Konterrevolution" erklärten Ungarnaufstands von 1956 zugrunde geht. Sein Vater kommt durch eine unglückselige Verkettung von Ereignissen in Haft, aus der er im Frühjahr 1960 als gebrochener Mann zurückkehrt. András' Mutter stirbt, und so beziehen Vater und Sohn eine bescheidene Wohnung in Budapest. Der Vater, Fotograf von Haus aus, will nicht an die Vergangenheit erinnert werden, ist froh darüber, als Bibliothekar in einem entlegenen Stadtteil Unterschlupf zu finden, und erliegt wenig später einer Krebserkrankung.

Die Sprachlosigkeit der totalitären Herrschaft

Aufständische auf einem Panzer in Budapest
Im Herbst 1956 fordern die Ungarn die sowjetischen Besatzer auf, das Land zu verlassen. Doch die schicken noch mehr Truppen und schlagen die Revolte blutig nieder. Bildrechte: IMAGO

Vater und Sohn leben auf engstem Raum und bewahren zugleich große Distanz zueinander, unfähig, Worte zu finden für das, was sie umtreibt. Diese Sprachlosigkeit ist eines der quälenden Leitthemen des Romans, der auf wahrlich beklemmende Weise davon erzählt, wie totalitäre Herrschaft jede kleinste Gehirnwindung der Bürger infiziert. Was die Macht verlangt, braucht "nicht einmal in der Hinrichtungskammer" eingefordert zu werden; schleichend nisten sich ihre Ansprüche ein und legen sich wie Mehltau auf das Leben derjenigen, die den Herrschenden nicht blind akklamieren.

Eine Stadt in Grau

Obwohl "Das Ende" die Szabad'sche Familiengeschichte bis in den Ersten und Zweiten Weltkrieg zurückverfolgt, erzählt Bartis keinen klassischen Familienroman. Stattdessen geht es Ich-Erzähler András darum, eine "Inventur" seines Lebens vorzulegen – eines Lebens, dem es völlig an Leichtigkeit und Unbeschwertheit fehlt. Was immer András widerfährt, über allem hängt ein bleierner Dunst, regiert nur eine Farbe, deren Bedeutung der Ich-Erzähler begreift, als ihn die Neugier dazu treibt, das Haus von Parteichef Kádár in Augenschein zu nehmen:

János Kádárs Villa schmiegte sich genauso an die Hänge der Budaer Berge wie alle anderen. Im Grunde war das am schrecklichsten. Dass dort, in einer der Straßen, ein Mensch lebte, der dahintergekommen war, dass man die Welt nicht mit Angst durchtränken musste. Sondern mit Grauheit. Das ist viel sicherer.

Aus Attila Bartis: "Das Ende"
Juri Gagarin, 1961
Die Raumflüge des Kosmonauten Juri Gagarin dienen Protagonist András in seiner Verzweiflung als traumhafter Ausweg. Bildrechte: IMAGO

Alles in András' Leben ist von diesem Grau imprägniert, und selbst wenn er hofft, dem in drastischen sexuellen Begegnungen zu entkommen, bescheren die Liebesspiele ihm kein anhaltendes Glück. Keiner Freundschaft ist ganz zu trauen, und so muss András im Nachhinein erfahren, wie Weggefährten heimlich mit der Macht kollaborierten. In seiner Verzweiflung träumt er letztlich davon, allem zu entkommen, sich ganz weit weg zu entfernen – die Raumflüge Juri Gagarins und die amerikanische Mondlandung 1969 stehen dafür symbolisch.

Die Fotografie als permanente Gegenwart

So zieht sich András mehr und mehr auf seine Leidenschaft, das Fotografieren, zurück, arbeitet als Angestellter in einem kleinen Atelier und erkennt in einer der klugen, den Roman sparsam durchziehenden Reflexionen, was seine Kunst ausmacht:

Die Fotografie kann nicht in die Zukunft schauen. Und auch nicht in die Vergangenheit. Ein Bild ist nur der Punkt, an dem sich Zukunft und Vergangenheit berühren. Wenn man will: die permanente Gegenwart.

Aus Attila Bartis: "Das Ende"

Seine eigentliche Liebe, die Pianistin Éva, sorgt schließlich für András' künstlerischen Durchbruch. Als sie in den 1980er-Jahren kurzerhand nach New York aufbricht, hat sie András' Negative im Gepäck – und ermöglicht ihm eine aufsehenerregende Ausstellung. Doch selbst diese Anerkennung verändert sein Lebensgefühl nicht grundlegend.

Das Innenleben des ungarischen Regimes

Attila Bartis hat viele Jahre an diesem Roman gearbeitet (und Terézia Mora hat ihn wunderbar unangestrengt ins Deutsche übertragen). Das hat sich gelohnt.

Es gibt nicht viele Romane, die das Innenleben eines den Einzelnen geringschätzenden, ja verachtenden Regimes so intensiv, so beängstigend nachzeichnen.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker
Cover: Attila Bartis: Das Ende
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Informationen zum Buch Attila Bartis: "Das Ende"
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
ISBN 978-3-518-42763-7
752 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag
32,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2018, 00:00 Uhr

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