Kunstsammlungen Zwickau Wie das Bauhaus nach Zwickau kam: Neue Schau vereint Gurlitt und Hennig

2019 ist das Bauhaus überall, sogar in Zwickau. Das Max Pechstein-Museum knüpft mit einer Doppelschau an das 100-jährige Jubiläum an: Zum einen wird an Hildebrand Gurlitt erinnert, der als Direktor in Zwickau die Moderne förderte, ehe er für Hitlers "Führermuseum" tätig wurde. Zum anderen werden Werke von Albert Hennig gezeigt, der 1932/1933 Fotografie am Bauhaus studierte. Nach dem Krieg kam er nach Zwickau. Albert Hennig bekommt die rechte Seite im Ausstellungssaal, der einstige Direktor des Museums die linke.

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Hildebrand Gurlitt ist 30 Jahre alt, als er das König-Albert-Museum in Zwickau 1925 übernimmt, voller Energie und in der jüngeren Kunst exzellent vernetzt. Petra Lewey, heute Direktorin des Hauses, das nun unter dem Namen Pechstein-Museum firmiert, erklärt dazu, Gurlitt "wollte die Moderne in die westsächsische Industriestadt holen und das Museum als modernes Haus etablieren."

Wie Gurlitt die Moderne nach Zwickau holt

Zu der Grunderneuerung, die Gurlitt diesem Haus verpasst, gehört gleich zu Beginn ein zeitgemäßes Ausstellungsdesign – etwa eine Farbgestaltung nach funktionaler Ordnung fast wie am Bauhaus, von wo er auch die Möbel bezieht. Am Ende ist er zu modern für Zwickau, als Chef des Museums wird er rausgeworfen.

Lewey verweist auf die beachtliche Bilanz der fünf Jahre, in denen Gurlitt in Zwickau wirkte. Über 50 Ausstellungen organisierte er, darunter "alte Kunst, aber auch viel Moderne": "Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein, Käthe Kollwitz oder diese Reklame-Ausstellung 1927, wo er Gestalter, die sich der konstruktivistischen Richtung verpflichtet fühlen, eingeladen hat, nach Zwickau, die Produkte, Plakate, Buchgestaltungen hier vorzustellen."

Derselbe Gurlitt, der bis 1930 in Zwickau, danach als Kunsthändler in Hamburg diese Moderne fördert, wird sie nach der Aktion "Entartete Kunst" im Auftrag der Nazis verkaufen und dann sogar fürs sogenannte "Führermuseum" tätig werden – ein Teil seines Lebens und Wirkens, der in der aktuellen Ausstellung nicht weiter verfolgt wird. Denn darin geht es vor allem um den Künstler Albert Hennig, den das Bauhaus nachhaltig prägt. Eine Parallele gibt es zwischen den beiden: Zufälligerweise sollte der spätere Wahl-Zwickauer Hennig in der Reklameklasse studieren, deren Arbeiten Gurlitt 1927 gezeigt hat.

Wie der Betonbauer und Arbeiterfotograf Hennig nach Zwickau kam

Hennig, 1907 in einer armen Leipziger Arbeiterfamilie geboren, lernt Betonbauer und wird in der Zeit der Wirtschaftskrise arbeitslos. Mit einer geliehenen Plattenkamera und einem vom Ersparten gekauften modernen Apparat fotografiert er das Leben in den Armenvierteln. Er ist Teil einer breiten Bewegung der Arbeiter-Amateur-Fotografie, politisch und aufklärerisch. "Kinder der Straße" heißt eine seiner Serien, seine Frau reicht sie als Bewerbung am Bauhaus Dessau ein. 1932 wird er in die Fotoklasse aufgenommen.

Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus - Ausstellung im Pechstein-Museum Zwickau
Blick in die Ausstellung: Zitrone vor Bauhaus-Stoff Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Petra Lewey zufolge lernte Hennig dort "ganz andere Materialexperimente" kennen, das zeigten die "ungewöhnlichen Arrangements seiner Stillleben, wo Alltagsgegenstände zusammengebracht werden, die eigentlich nicht zusammengehören – schöner Bauhaus-Stoff mit einer Zitrone – dort hat er auch so einen Blick für Hell, Dunkel, einen künstlerischen Blick bekommen."

Drei Semester Zeit hat er nur. Der Ausbildung am Bauhaus entsprechend lernt er zuerst die Grundlagen, Sehen und Zeichnen. Seine soziale Fotografie lebt davon, was sie zeigt, jetzt trainiert er dazu das Wie, die Form. Die Lehre der Kunst bei Josef Albers, bei Klee und Kandinsky macht ihn zum Künstler.

Doch dann wird das Bauhaus aus Dessau nach Berlin vertrieben, 1933 ganz geschlossen. Ein Leben als Bauhaus-Künstler? Unmöglich. Im Krieg wird Hennig als Betonbauer dienstverpflichtet, er zeichnet, wo er kann. Der Bombenangriff auf Leipzig 1943 vernichtet viele seiner Werke.

Neuanfang in der DDR auf dem Bau

Petra Lewey, Direktorin vom Pechstein-Museum in Zwickau
Petra Lewey, Direktorin vom Pechstein-Museum in Zwickau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus familiären Gründen verschlägt es ihn 1945 nach Zwickau, wo er in die Partei eintritt, sich im Künstler- und Kulturbund engagiert. Sein künstlerischer Neuanfang ist ein expressiver Realismus, farbstark und formbewusst. Damit gerät er spätestens ab 1950 in Widerspruch zur offiziellen Kunstdoktrin, die den sogenannten Formalismus als bürgerliche Dekadenz brandmarkt und einen einfachen Naturalismus propagiert.

Hennig ist 46, als er wieder auf den Bau geht, noch 20 Jahre lang: "Er malte oder er arbeitete dann auch wirklich nur im Privateren für einen Kreis von Kennern und Freunden, es gab einige Galeristen, die ihn gefördert haben, aber die Karriere als freier Künstler begann eigentlich erst mit seinem Eintritt ins Rentenalter und in einer Zeit, in der man sich in der DDR wieder der Moderne erinnerte", beschreibt Lewey seinen Werdegang.

Tatsächlich kommt Albert Hennig in seinen späteren – nicht ausgestellten – Zeichnungen wiederum aufs Bauhaus zurück, nun mit Anklängen an Klee und Kandinsky. Wohin die Wege so führen – den Arbeiterfotografen und Künstler und den Museumsmann und Kunsthändler – am Bauhaus kamen sie nicht vorbei.

Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus - Ausstellung im Pechstein-Museum Zwickau
Eine Wand für Albert Hennig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über die Ausstellung Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus
26.01.-10.03.2019

Kunstsammlungen Zwickau – Max-Pechstein-Museum
Lessingstraße 1
08058 Zwickau

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, Feiertage: 13 bis 18 Uhr

Neben Aquarellen, Fotografien und Zeichnungen sind auch zahlreiche Dokumente aus der kurzen Bauhaus-Zeit durch die Erbengemeinschaft Albert und Edit Hennig im Jahr 2008 an die Kunstsammlungen gegeben worden. Im Kabinett werden erstmals Archivalien und Briefe vorgestellt, die aus Hildebrand Gurlitts Zeit als Museumsdirektor in Zwickau (1925-30) stammen und seine Beziehungen zum Bauhaus dokumentieren.

Mehr zum Bauhaus-Jubiläum

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 24. Januar 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2019, 04:00 Uhr

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