Blick in die Ausstellungsräume der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg.
Blick aufs Feininger-"Familienalbum" Bildrechte: dpa

Jahresausstellung der Feininger-Galerie in Quedlinburg Die Feiningers – Eine schrecklich begabte Familie

Die große Jahresausstellung der Feininger-Galerie in Quedlinburg nimmt diesmal die ganze musisch-künstlerisch hoch begabte Familie in den Blick. So wird beispielsweise gezeigt, welchen Anteil Gattin Julia am Erfolg des späteren Bauhaus-Meisters hatte. Galerie-Direktor Michael Freitag recherchierte, bei eBay ersteigerte er Fotos von Feiningers Tochter Lore aus erster Ehe. Arbeiten von ihr sind erstmals zu sehen, im großen "Familienbild", die Schau wird Freitagabend eröffnet.

von Ulrich Wittstock, MDR KULTUR

Blick in die Ausstellungsräume der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg.
Blick aufs Feininger-"Familienalbum" Bildrechte: dpa

Die Familie Feininger hat bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erregt. Dabei gibt es genügend Erzählstoff: Lyonel Feininger ist in seinem ersten Berufsleben Karikaturist und mitten in einer Schaffenskrise, als er auf die zehn Jahre jüngere Kunststudentin Julia Berg trifft. Damit beginnt Feiningers zweite Karriere sowohl als Ehemann wie als freischaffender Künstler. Dass seine Ehefrau Julia an seinen späteren Erfolgen großen Anteil hatte, das wollte Galeriedirektor Michael Freitag in der Ausstellung, die am Freitagabend eröffnet wird, nicht übergehen:

Die Gattin: Erst Künstlerin, dann Managerin seines Erfolges

"Mir kam es vor allem darauf an zu zeigen, dass da eine Künstlerin auf dem Weg war – im Sinne einer Verheißung – und dass sie im Laufe des Zusammenlebens mit ihrem Mann ihre Rolle wechselte, wie das oft in dieser Zeit der Fall war. Sie wurde die Managerin seines Erfolges und zog die drei Kinder groß. Diese ganze, sich über zwei Generationen ausbreitende Energie, zwischen Anziehung und Widerspruch, das ist das, was wir in der Ausstellung hier zeigen wollen."

Zwei Jahre nachdem er Julia Berg kennengelernt hat, beginnt Feininger mit der Ölmalerei. Aus dieser Frühzeit sind zwei Arbeiten zu sehen; Ölbilder von Julia und Lyonel Feininger, die sich überraschend ähneln. Doch als Feininger malerisch eigene Wege einschlägt, wird die Ehefrau zur Managerin von Familie und Karriere, was wichtig ist, denn Feininger macht wenig Aufhebens um sich. Das ist wohl sogar der Grund, warum er ans Bauhaus berufen wird:

Nobler Mensch und Vater, ernsthafter Künstler und Mentor-Meister am Bauhaus

"Der Punkt, weshalb Walter Gropius ausgerechnet ihn als ersten Meister auserwählt und berufen hat, dürfte genau in dieser Zurückhaltung liegen. Er war niemand, den man in eine bestimmte Ecke stellen konnte. Er war weder Expressionist, noch Abstraktionist, sondern er war Feininger, ein nobler Mensch und ernsthafter Künstler im fortgeschrittenen Alter, der versprach, auf eine ganz unverdorbene Art und Weise imstande zu sein, Schüler zu erwecken.

Das zeigt sich auch in der eigenen Familie: Der älteste Sohn Andreas wird ein berühmter Fotograf beim "Life"-Magazine, Laurence Feininger arbeitet als Musikwissenschaftler am Vatikan, der dritte Sohn Lux wird wie der Vater Maler. Erstmals überhaupt sind in der Ausstellung Fotos von Eleonore Feininger, seiner Tochter aus erster Ehe, zu sehen.

Dass diese ganze geballte Begabung und Kreativität nicht unbedingt immer dem Familienfrieden zuträglich ist, auch darauf weist Galeriedirektor Michael Freitag hin: "So ein Erbe ist zwar brillant, aber auch eine Last, weil man auch an was gemessen wird, was man vielleicht nicht ganz selber ist. Natürlich gab es Konflikte in dieser Familie. Jeder, der seinen Weg sucht, wird irgendwo anstoßen. Aber Feininger war nicht der Tyrann und Dominator oder der glänzende Überflieger, sondern in all seinen Lebensbeziehungen auch ein sehr inniger Mensch."

Blick in die Ausstellungsräume der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg.
Lyonels Selbstporträt mit Tonpfeife neben dem Selbstbildnis seiner Maler-Sohns Lux Bildrechte: dpa

Umfangreiche Recherchen: Lore-Fotos bei eBay entdeckt

Blick auf die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg.
Blick auf die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg Bildrechte: dpa

Die Ausstellung zeigt, wie sich bestimmte Sujets in der Familie Feininger "vererben", etwa die Vorliebe für Eisenbahnen oder Segelschiffe. Aber auch biografisch ist die Familie Feininger durchaus interessant. Lyonel, der Deutsch-Amerikaner heiratet in zweiter Ehe eine deutsche Jüdin und der Sohn Laurence wird später katholischer Priester in Italien. Ein Romanstoff eigentlich, der nun als Bilderzählung in Quedlinburg präsentiert wird.

Manches Exponat wird erstmalig gezeigt, betont Galeriedirektor Michael Freitag: "Wie immer bei so einem komplexen Projekt, wo viel Neuland zu betreten ist, waren das auch sehr umfangreiche Recherchen, etwa in den Nachlässen in den USA oder Italien. Ich habe sogar drei Kabinett-Fotografien von Lore bei eBay ersteigert für die Ausstellung."

Die Feiningers – das ist kein Familienidyll sondern ein bewegtes Leben in unruhigen Zeiten – alles andere als geradlinig, denn das wahre Leben ist eben keine Bauhaus-Designstudie.

Über die Ausstellung DIE FEININGERS. Ein Familienbild am Bauhaus
Bis 2. September

Mit Werken von:
Lyonel Feininger (1871–1956), Zeichner, Maler, Komponist
Julia Feininger (1880–1970), Malerin, Familienmanagerin
Eleonore (Lore) Feininger (1901–1991), Fotografin
Andreas Feininger (1906–1999), Fotograf
Laurence Feininger (1909–1976), Musikhistoriker
Theodore Lux Feininger (1910–2011), Fotograf, Maler
Gertrud Wysse Hägg-Feininger (1912–2006), Designerin

"rot, gelb, blau. Das Bauhaus für Kinder"
Bis 13. Oktober

Zeitgleich präsentiert die Galerie ein Angebot für Kinder, das in Kooperation mit der
Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle entstand. Die Kinder können Bilder gestalten wie Lyonel Feininger oder das Zusammenspiel von Licht, Farbe und Schatten wie bei László Moholy-Nagy erleben. Sie können sich an Zeichnungen probieren, sich verkleiden und tanzen, weben oder im imaginären Büro von Bauhaus-Direktor Walter Gropius selbst zu Architekten werden.


Kulturstiftung Sachsen-Anhalt | Lyonel-Feininger-Galerie. Museum für grafische Künste
Schlossberg 11
06484 Quedlinburg

Öffnungszeiten:
Mi–Mo, feiertags 10–18 Uhr

Wie Feininger nach Quedlinburg kommt Lyonel Feininger hat Quedlinburg nie besucht. Dass die Stadt dennoch rund 1.000 Werke des Künstlers besitzt, ist dem Quedlinburger Hermann Klumpp (1902-1987) zu verdanken. Der promovierte Jurist studierte von 1929 bis 1932 am Bauhaus Dessau Architektur. In dieser Zeit entstand eine enge Freundschaft mit Lyonel Feininger. Als der mit seiner Familie Deutschland 1937 verlassen musste, übergab er große Teile seines Schaffens dem Freund, um es vor den Nationalsozialisten zu retten. Nach Klärung der Eigentumsverhältnisse mit den Erben des Künstlers wurde die Sammlung 1986 Anlass für die Gründung der Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg. Seither betreut sie als Dauerleihgabe den weltweit größten Einzelbestand an Feiningers Druckgrafik.

Feininger, 1871 in New York geboren, wurde 1919 von Walter Gropius ans Bauhaus in Weimar berufen, wo er Meister der Formlehre wurde und 1920 auch die Druckwerkstatt übernahm. 1926 folgte er dem Bauhaus nach Dessau und war dort bis 1932 tätig. Nach Auflösung des Bauhauses und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die seine Kunst als "entartet" einstuften, kehrte mit seiner Familie nach New York zurück. Dort starb er am 13. Januar 1956.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Mai 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 14:24 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren