Buchkritik "Chelsea Girls": Sex & Drugs & Poetry

"Rockstar der Gegenwartslyrik" – so wird die 1949 geborene, queere Schriftstellerin Eileen Myles in den USA genannt. Ihre Karriere beginnt im New York der 70er-Jahre. Im 1994 veröffentlichten Prosaband "Chelsea Girls", an dem Myles insgesamt 13 Jahre lang schrieb, dokumentiert sie ihren künstlerischen Selbstfindungsprozess als lesbische Dichterin. Doch erst 2015 gelingt ihr damit der Durchbruch. Nun liegt "Chelsea Girls" erstmals auf Deutsch vor.

New York City in den 70er-Jahren. Es ist das wohl ambivalenteste Jahrzehnt in der Geschichte der Metropole: Wirtschaftlich ist die Stadt dem Untergang geweiht. Künstlerisch aber ist sie so lebendig wie nie zuvor. Es ist der Beginn einer neuen kulturellen Ära, nicht nur künstlerischer, sondern auch sexueller Freiheit. Und Eileen Myles ist hautnah dabei.

Mitte der 70er-Jahre zieht die damals 23-Jährige aus dem katholischen Boston ins New Yorker Szeneviertel East Village. Tür an Tür mit Andy Warhol, Patti Smith und Allen Ginsberg lebt sie beseelt vom Wunsch, eine dichtende Legende zu werden:

Aus "Chelsea Girls" von Eileen Myles

"Dichter war für mich immer gleichbedeutend mit Heiliger oder Held, die tanzende Figur auf dem Buntglasfenster meiner Seele, die Hand, die sich langsam durch die Zeit erhebt, das Gesurre, das mein Material durch das blendende Licht empfängt, oh Mann, der Grund dafür, dass ich lebe."

Die Grenzen zwischen Autobiographie und Fiktion verschwimmen

Eileen Myles
Eileen Myles im Jahr 2015 Bildrechte: imago/Independent Photo Agency

Die Höhen und Tiefen des Dichterlebens dokumentiert die heute 70-jährige Eileen Myles in ihrem bereits 1994 in den USA veröffentlichten Prosaband "Chelsea Girls". Sie selbst ist die Protagonistin und Antiheldin der darin gesammelten 28 Kurzgeschichten. Keiner bestimmten Chronologie folgend, springt sie in den tagebuchartigen Einträgen von Kindheitserinnerungen zu Drogeneskapaden, vom Tod des alkoholkranken Vaters zur schillernden Buchparty.

Die Grenzen zwischen Autobiographie und Fiktion verschwimmen. Genre wie auch Gender – Myles benutzt im richtigen Leben das genderlose Pronomen "they" – sind für die queere Schriftstellerin sowieso längst hinfällige Kategorien. Die einzig wahre Konstante ist und bleibt die Poesie:

Aus "Chelsea Girls" von Eileen Myles

"Ich hatte wahrscheinlich nie gewusst, was ich empfand. Ich war nur gern betrunken und verliebt. Wenn ich keins von beidem war, brauchte ich nur meine Miete, Zigaretten und Kaffee, ganz einfach. Ich mochte es sehr, das Dichterleben."

Der Hunger als ständiger Begleiter

In den 70er-Jahren verdient die bettelarme Nachwuchsdichterin ihren Lebensunterhalt zunächst im legendären Chelsea Hotel, wo sie French Toast für den Pulitzer-Preisträger James Schuyler zubereitet. Die ersten Gedichte kritzelt sie auf Servietten.

Über Jahrzehnte bleibt der Hunger ihr ständiger Begleiter. Auch davon erzählt Eileen Myles in "Chelsea Girls" – ohne den absurden Alltag ihres prekären Künstlerdaseins zu romantisieren:

Aus "Chelsea Girls" von Eileen Myles

"Die Leute boten mir Drinks an, Drogen, kauften mir sogar Zigaretten, aber niemand gab mir etwas zu essen. Ich wollte nicht fragen. Ich war 31 Jahre alt und es war zu beschämend zuzugeben, dass ich Essen wollte."

Inspiriert von den Dichtern und Denkern der New York School und den Autoren der beat generation, feiert Eileen Myles im Jahr 1982 ihre eigene Buchpremieren-Party. Veranstaltungsort ist der CBGB Club, die Wiege des amerikanischen Punks. Zu Gast? Niemand geringeres als der legendäre Allen Ginsberg. Die Erinnerungen an diesen Abend schreibt sie in der Kurzgeschichte mit dem Titel "13. Februar 1982" – dem Datum der Party – nieder:

Aus "Chelsea Girls" von Eileen Myles

"Allen Ginsberg bat mich, sein Exemplar zu signieren. Ich muss fünf Minuten dagestanden und mir das Hirn zermartert haben. Hi Allen, vom einen Howl zum anderen. Lieber Allen, es freut mich, dass Du denkst ich bin eine Dichterin. In Liebe, Eileen. Ich bin die einzige Frau, die du magst, stimmt's Allen? Nur die verrücktesten Gedanken jagten durch meinen Kopf. Schließlich riss ihm der Geduldsfaden. Signier's einfach. Komm vorbei und schreib etwas Besseres, wenn Dir was eingefallen ist. Ich kritzelte etwas hinein. Keine Ahnung, was das war."

Der Slang des amerikanischen Originals ist schwer zu übersetzen

Eileen Myles bedient sich im amerikanischen Original von "Chelsea Girls" einer lässig wirkenden, aber dennoch durchdachten Poetik. Ihr Wortschatz speist sich zu großen Teilen aus der amerikanischen Umgangssprache, dem Slang. Ebendies stellt die erste große Herausforderung in der Übersetzung ihrer Prosa dar.

Hinzu kommt, dass Myles beständig versucht ihre queere Identität zu versprachlichen – auch das nur schwer umsetzbar für Dieter Fuchs, der "Chelsea Girls" im Verlag Matthes&Seitz nun erstmals ins Deutsche übertragen hat. Dabei wurde Eileen Myles selbst in ihrer eigenen Sprache oft missverstanden. Auch deshalb blieb ihr der Durchbruch in den USA lange verwehrt:

Aus "Chelsea Girls" von Eileen Myles

"Ich kam mir vor, als sei ich faul. Das stimmte nicht. Ich arbeitete schwer. Ihr wisst gar nicht, wie schwer es ist, eine Lesbe zu sein."

Endlich im Mainstream angekommen

Im Jahr 2015 geht dann plötzlich alles doch ganz schnell: Das renommierte New Yorker Verlagshaus Harpers&Collins entscheidet sich dazu, "Chelsea Girls", 21 Jahre nach Erstveröffentlichung, neu zu verlegen. Übrigens mit einem Vorwort von Eileen Myles, das es leider nicht in die deutsche Fassung geschafft hat.

Die New York Times erhebt sie zur "Kultfigur einer ganzen Generation weiblicher Post-Punks". Amazon Prime modelliert sogar eine Figur in der Serie "Transparent" nach ihrem Vorbild. Man könnte sagen, der Mainstream hat sie eingeholt. Schöner klingt aber: Eileen Myles ist endlich eine Legende.

Angaben zum Buch Eileen Myles: "Chelsea Girls"

aus dem amerikanischen Englisch von Dieter Fuchs
erschienen bei Matthes & Seitz
252 Seiten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. August 2020 | 07:10 Uhr