Sachbuch-Kritik Regiert das Geld wirklich unsere Welt?

Wir tragen es immer bei uns, brauchen und benutzen es fast jeden Tag: das Geld. Wie hat es diese Macht erlangt, wie konnte es sich historisch durchsetzen, und werden wir Geld zukünftig überhaupt noch brauchen? Der Philologe Eske Bockelmann geht diesen Fragen in seinem neuen Sachbuch "Das Geld" nach. Damit gelingt ihm eine kluge Studie, meint unser Kritiker.

 Buchcover "Das Geld" von Eske Bockelman
Neues Sachbuch von Eske Bockelmann: "Das Geld" Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz Berlin

Dass Geld die Welt regiert – das ist die Prämisse unserer heutigen Existenz. Dass Geld in unterschiedlicher Ausprägung immer schon existiert habe, sogar in archaischen Gesellschaften, gilt als Allgemeinwissen. Mit diesem wird auch gerechtfertigt, dass wir ohne Geld nicht sein können. Weil eben zu allen Zeiten immer schon alles geregelt wurde über Kauf und Verkauf. Geld und das damit verbundene Wirtschaften sind aber keine Naturgegebenheit.

Geld als reines Tauschmittel

Geld hat überhaupt erst nach dem Mittelalter in Europa in der Form Einzug gehalten, wie wir es heute kennen. Das jedenfalls behauptet Eske Bockelmann in seinem neuen Buch "Das Geld". Es ist ein wagemutiges, sich gegen alle gängigen Wirtschaftstheorien und bekannten Historiker stemmendes Werk, so voller interessanter Herleitungen und Einsichten, dass man auf jeder Seite mit erfrischenden Gedanken vertraut gemacht wird. Grundimpuls des Buches ist die Frage, was Geld denn eigentlich sei.

Das europäische Mittelalter hat nicht nur kein Wort für Geld, es hat keinen Begriff, es hat keine Vorstellung davon.

Eske Bockelmann, Buchautor

Bis ins Mittelalter lief nämlich alles oder vornehmlich alles über Tausch, auch wenn Kauf und Verkauf schon bekannt waren, auch wenn es Münzen gab, so waren diese Münzen noch kein Geld im heutigen Sinne. Erst im 16. Jahrhundert löste sich das feudalistische System in Europa und im Mittelmeerraum ganz langsam auf, es entstehen freie Städte und Märkte, spezialisierte Handwerke und Arbeitsteilung.

Aus "Das Geld" von Eske Bockelmann

"An die Stelle persönlicher Abhängigkeiten und Verpflichtungen tritt die unpersönliche Verbindung über Kauf und Verkauf. Stadt und Land und Höfe treten einander nun gegenüber als getrennte und in diesem Sinn freie, nämlich nicht einander verpflichtete Welten."

Und es entsteht, jetzt wo Kauf und Verkauf allgemeinbestimmend wird, das, was wir heute unter Geld verstehen: Geld als reines Tauschmittel. Es ist nichts anderes als Tauschmittel. Was vorher als Höker verschrien war, dass man etwas kauft und zu einem höheren Preis verkauft, wird zum Prinzip und damit verliert der Höker seine negative Konnotation. Es wird zur Normalität, dass mit Geld Geldgewinne zu erzielen sind. Geld kommt historisch nach der Ware, aber es wird zur Hauptsache.

Wie sich das Geld etablierte

Grafik Geldscheinbündel liegen auf Haufen
Das Grundgesetz des Geldes: Es beeinflusst unser aller Denken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geld wurde nicht eingeführt. Es habe sich blindlings ergeben, schreibt Bockelmann. Er leitet nachvollziehbar her, welche Schritte dazu nötig waren, welche Rolle die Nationalstaaten spielten, wie sich nach dem Dreißigjährigen Krieg endgültig ein neues System – unser Finanzsystem – etabliert. Und wie dieses gewaltsam in alle Welt exportiert wird. Es entsteht eine absolute Abhängigkeit der Gemeinwesen, die vom Geld nämlich. Immer näher rückt Bockelmann in seiner faszinierenden Studie an die Gegenwart, räumt mit dem Glauben auf, es gebe einen Unterschied zwischen Bargeld und jenen fiktiven Summen an der Börse, die keinen realen Gegenwert mehr zu haben scheinen.

Als reines Tauschmittel ist das Geld aber virtuell von Anfang an. Geld selbst hat keine Substanz. Muss aber immerzu wachsen. Das ist das Grundgesetz des Geldes. Es beeinflusst unser aller Denken. Solange wir in der Logik des Geldes leben, wird es nichts mit Gerechtigkeit, nichts mit Umweltschutz, nichts mit schonendem Umgang mit unseren Ressourcen, so Bockelmann. Geld will immer nur eines: mehr Geld. "Eine Katastrophe", nennt er das. Es müsse aber nicht katastrophisch weitergehen. Die Voraussetzung: Sich klar zu machen, was Geld ist und bedeutet. Bockelmanns kluge Studie öffnet uns die Augen dafür, die Absurdität einer von Geld beherrschten Welt zu erkennen.

Über Eske Bockelmann Eske Bockelmann wurde 1957 in Friedrichshafen geboren. Er studierte klassische Philologie und Germanistik, promovierte an der Universität München und habilitierte an der TU Chemnitz. In Chemnitz arbeitet er seit 1994 sowohl an der TU als auch an einem Gymnasium als Altgriechisch- und Lateinlehrer. Das Thema "Geld" begleitet ihn seit vielen Jahren. 2004 erschien sein Buch "Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens", in dem er zu erklären versuchte, wie das Geld um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das Denken und sogar die Rhythmuswahrnehmung der Menschen verändert habe.

Angaben zum Buch Eske Bockelmann: Das Geld. Was es ist, das uns beherrscht.
368 Seiten
erschienen bei Matthes & Seitz Berlin
28,00 Euro (Hardcover)
ISBN: 3957578469

Mehr Sachbücher

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. April 2020 | 11:15 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren