"Gerd Richter 1961/62" Ausstellung "Gerd Richter 1961/62" zeigt Frühwerk des Dresdner Künstlers

Bisher war nicht viel über das Dresdner Frühwerk Gerhard Richters bekannt. Der berühmte Künstler selbst sprach nicht über die Zeit vor seiner Flucht aus der DDR. Heute sagt er, dass ihn die Anfänge wohl mehr prägten, als ihm lange bewusst war. Eine neue Kabinettausstellung unter dem Titel "Gerd Richter 1961/62" – so nannte sich der junge Künstler damals – im Dresdner Albertinum erlaubt nun Einblicke. Zu sehen sind Gemälde, Fotos, Skizzen und Briefe an DDR-Künstlerfreunde wie Wieland Förster.

Gerhard Richter, Atelierwand mit Werken von Gerhard Richter während des Semesterrundgangs, Februar 1962, rechts sitzend: Manfred Kuttner
Gerhard Richter während eines Semesterrundgangs im Februar 1962 Bildrechte: Gerhard Richter 2020 (10042020), Foto: Gerhard Richter

Bis etwa 1965 ließ er sich Gerd nennen, danach war ihm der seriöser klingende Name Gerhard offenbar genehmer. Die Ausstellung "Gerd Richter 1961/62" führt in eine Art Zwischenreich in Richters Leben und seiner Kunst: Kurz vor dem Mauerbau und nach einer Reise in die Sowjetunion verließ er mit seiner damaligen Frau Marianne, genannt Emma, die DDR.

Bei der Ausreise zurückgelassen

Der in Dresden bei Heinz Lohmar ausgebildete, diplomierte Wandmaler mit guten Karrierechancen, mit Aufträgen, einer Aspirantur, Reisemöglichkeiten (unter anderem zur documenta 1959) sah im Osten mit seiner auf den sozialistischen Realismus verengten Kunstdoktrin für sich keine Möglichkeiten mehr. Er floh mit nur einem Koffer. Das Auto hatte er schon vorher verkauft. Ein amtliches Inventarverzeichnis hält fest, was der "Republikflüchtling" in der Wohnung zurückgelassen hatte, darunter 38 Gemälde, die für 117 Mark verwertet wurden.

Das Dresdner Richter-Archiv konnte nun einige Objekte erwerben, darunter auch zahlreiche Briefe, die laut Dietmar Elger, Leiter des Richter-Archivs an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), viel verraten: "Er hat hier etwas aufgegeben. Er hat gesagt, dass die Entscheidung richtig war. Er weiß, dass er hier hätte Karriere machen können, aber er wäre damit wohl nicht glücklich geworden."

Gerhard Richter, Sitzende, Oktober 1961, Öl auf Hartfaserplatte, 70×50 cm, Privatsammlung, Norddeutschland
"Sitzende" von Gerhard Richter, Oktober 1961 Bildrechte: Gerhard Richter 2020 (10042020), Foto: Estel/Klut SKD

Die Briefe gingen an Freunde, zumeist an Erika und Helmut Heinze, an den Künstler Wieland Förster, den Lehrer Heinz Lohmar, dem er seine Flucht erklärt und bei dem er sich für die Ausbildung bedankt. Zu den Briefen kommen selten gezeigte Dokumente und fünf Werke aus Privatbesitz, darunter eines aus London. Über dessen Ausreise in Corona-Zeiten ist Dietmar Elger besonders froh, zumal das Objektbild heute eine Seltenheit darstellt. Es ist ein ganz ungewöhnliches Kunstwerk, meint Elger: "Es ist eine Bluse seiner Frau Emma, die er in Gips eingefärbt und mit schwarzer Lackfarbe übermalt hat oder den Gips schon eingefärbt hatte. Da hat er eine ganze Reihe von Werken gemacht: Wir haben noch eine Fotodokumentation von einem zweiten Werk. Er hat auch eine kleine Zeichnung gemacht, auf der man sieht, wie diese Werke bei seiner ersten Ausstellung in Fulda an der Wand hängen."

Ziel: Zwei Jahre bis zum Erfolg

Nach Flüchtlingsheim, Abwicklung der Formalitäten, Arbeits- und Wohnungssuche im Westen, ging Richter an die Düsseldorfer Akademie, wo man sicher nicht auf den klassisch ausgebildeten Maler aus dem Osten – den Ostzonenflüchtling, wie das damals wirklich hieß – gewartet hatte. Seine Stimmung in dieser Zeit schwankt, so verraten es die Briefe, zwischen Euphorie, totaler Niedergeschlagenheit und der fatalistischen Beteuerung: "Es ist wie es ist!"

Sogar eine Skizze seiner endlich gefundenen Wohnung schickt er den Freunden, eine Verortung im Privaten wie in der Kunst. "Es war eine schwierige Zeit, und er hatte sich zu Anfang eine Frist von zwei Jahren gesetzt, nach der er von seiner Malerei leben wollte. Das hat nicht ganz geklappt. Aber kurz danach hat er es geschafft, seinen Stil und seine künstlerische Persönlichkeit zu finden und hatte dann auch erste Ausstellungen", erklärt Elger.

Gerhard Richter, Wunde 16 (Nr. II/16/62), Februar 1962, Öl auf Hartfaserplatte, 70×100 cm, Sammlung Susanne Walther
"Wunde" von Gerhard Richter, Februar 1962 Bildrechte: Gerhard Richter 2020

Andeutung des späteren Werkes

In den fünf in Dresden gezeigten Bildern – es sind wohl die einzigen, die aus dieser Zeit erhalten sind – deutet sich vieles an, was er auch später formulieren wird. Er interpretiert das in Dresden etablierte Motiv der "Lesenden" neu, löst Konturen auf, wird viel malerischer. Schon damals deutet sich an, dass Richter souverän zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei wechseln kann.

Ausstellungsansicht "Gerd Richter 1961/62"
Blick in die Ausstellung "Gerd Richter 1961/62" im Albertinum Dresden Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: David Pinzer

Richter propagierte später den absoluten Neuanfang seines Werkes, ließ nichts gelten, was vorher entstanden war. Sein Werkverzeichnis beginnt mit dem Gemälde "Tisch" als Nr. 1 im Dezember 1962. Erst nach seiner Hinwendung zu seiner Heimatstadt gestand er, dass auch die Dresdner Zeit ihn sehr grundsätzlich geprägt habe, mehr als ihm lange Zeit bewusst war.

Die Ausstellung ist zu weiten Teilen eine Leseausstellung. Wer die nicht im Stehen absolvieren möchte, dem sei die zur Ausstellung erschienene Publikation empfohlen – eine fesselnde Lektüre!   

Angaben zur Ausstellung "Gerd Richter 1961/62"
Kabinettausstellung im Albertinum
Georg-Treu-Platz 2
01067 Dresden

Bis 29. November 2020

Öffnungszeiten:
Täglich 11 - 17 Uhr, Montag geschlossen
Freitag 17 - 20 Uhr

Katalog: Erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
125 Seiten
Preis: 29,80 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. August 2020 | 08:10 Uhr