Keine Reisewarnung "Handbuch für Zeitreisende": Unterhaltsame Ausflüge in die Weltgeschichte

Jede Sekunde, die wir leben, reisen wir in die Zukunft. Zeitreisen in die Vergangenheit sind komplizierter, sagt der Physiker und Astronom Aleks Scholz. Gemeinsam mit Schriftstellerin Kathrin Passig hat er daher ein Handbuch erstellt, das Ausflüge in die Weltgeschichte erlaubt. Sehr unterhaltsam wird darin u.a. erzählt, wie man sich in einer Eiszeit kleidet. Zu erfahren ist, dass der Tyrannosaurus Rex nur 20 km/h schnell laufen konnte ... Kein Grund also für eine Reisewarnung!

Handbuch für Zeitreisende, Buch-Cover
Der ultimative Guide fürs Reisen in Zeiten von Corona Bildrechte: Rowohlt Verlag

"Die goldene Ära des Zeitreisens ist angebrochen." So verheißungsvoll beginnt das Buch. Doch findet sich darin kein Hinweis auf eine Zeitmaschine – nichts darüber, wie sie aussieht oder funktioniert. Mit-Autorin Kathrin Passig kontert: "Das ist nicht unser Job als Reiseführer-Autoren." Wer wissen wolle, wie ein Flugzeug funktioniere, kaufe sich keinen Guide. Soweit, so plausibel. Auch wenn das Beförderungsmittel nicht näher erläutert wird: Aleks Scholz, Physiker und Astronom, glaubt an die Option. Beinahe täglich reisten wir in die Zeit. Etwa beim Blick in den Spiegel. Da sähen wir uns sozusagen in der Vergangenheit, sagt Scholz und beginnt zu rechnen: "Also der Abstand zum Badezimmerspiegel ist ungefähr ein Meter, zwei Meter. Irgendwas in dieser Größenordnung. Dann muss man berücksichtigen, dass das Licht eine Geschwindigkeit hat von 300.000 Kilometern in der Sekunde. Auf dem kurzen Weg vom Badezimmerspiegel zu meinem Gesicht vergeht natürlich sehr, sehr wenig Zeit."

Reisen ins Pleistozän empfohlen, Stonehenge eher nicht

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Autorin Kathrin Passig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man sieht also nur wenig Vergangenheit. Mehr offenbart der Blick ins "Handbuch für Zeitreisende" über das Mittelalter. Allerdings gibt es dazu eine Reisewarnung. Zurückkehrende Touristen beschwerten sich regelmäßig über die ungenügenden hygienischen Bedingungen beim Reiseveranstalter. Reisen ins Pleistozän seien dagegen sehr beliebt. Es liegt sehr weit zurück, begann es doch vor 2,6 Millionen Jahren und endete vor 12.000 Jahren. So scheinen unberührte Landschaften garantiert. Der Titicacasee im heutigen Bolivien lag schon damals auf 3.800 Metern Höhe in dünner Luft. Beim Besuch des Machu Picchu auf nur 2.400 Metern könne man sich an die Höhenluft gewöhnen, empfehlen die Autoren.

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Schalten in Zukunft und Vergangenheit Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim Aufbau von Stonehenge zugegen zu sein, scheint ihnen eher langweilig und nicht jedem zu empfehlen. Auch wenn das Bau-Tempo in der Jungsteinzeit heutige Flughafen-Projekte toppe. Falls der mitgebrachte Proviant zu schnell verbraucht ist, geben Passig und Scholz einen naheliegenden Tipp: bis zum Ende des Urlaubs einfach fasten. Das Handbuch gleicht Kathrin Passig zufolge einem "Flickenteppich": "Es ist an manchen Stellen ganz ernst gemeint und an anderen überhaupt nicht." Und Aleks Scholz erklärt: "Es versucht, auf eine ungewöhnliche Art und Weise Themen anzugehen, ist aber durchaus ernst gemeint."

Schlaglöcher der Erinnerung

Touristen unternähmen ja die seltsamsten Dinge. So scheint die Reise zu einem Schlagloch nicht sehr abwegig. Bei Passig und Scholz führt sie in die untergegangene DDR, also nach Übergestern. Sehr liebevoll erinnert das Buch an Dinge, die man beinahe schon vergessen hatte oder nie wusste. Und dies entschädigt etwas dafür, dass das untergegangene Atlantis als Reiseziel schlichtweg fehlt. Schriftstellerin Kathrin Passig hat gute Gründe:

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Physiker und Astronom Aleks Scholz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Atlantis wäre schon allein deshalb schwierig, weil es da gar nicht so einfach ist, klare Angaben zu machen, wohin und wann man da genau hinreisen müsste." Die DDR sei ein interessantes Reiseziel, das nicht nur in der Vergangenheit, sondern in mancher Hinsicht auch in die Zukunft liege: "Sie hat ein ausgefeiltes Rohstoff-Recycling-System, das, glaube ich, so noch nicht wieder eingeholt ist, trotz aller Bestrebungen in Gesamtdeutschland." Das Zauberwort hieß SERO, übersetzt: Sekundär-Rohstofferfassung, und man konnte sich sein Taschengeld gut aufbessern. Womit wir bei den Zahlungsmitteln wären. Reisen kostet bekanntlich. Das Handbuch rät, reichlich Muscheln mitzunehmen, sogenanntes Primitiv - oder Primärgeld, wenn man mehr als 2.500 Jahre in die Vergangenheit reist. "Ich hatte das für eine schrullige kleine Spezialwährung in irgendeiner Ecke der Welt gehalten. Dass das tatsächlich über Jahrtausende hinweg und zum Teil bis sehr nah an die Gegenwart heran ein absolut übliches Zahlungsmittel war, das habe ich auch erst bei den Recherchen zum Buch gelernt."

Gibt's ja gar nicht

Orte, an denen der Zeitreisende ein – oder aussteigt, sind oft sehr gewöhnliche Orte. Nur in der Gegenwart gibt es Zeitreisebahnhöfe. Wie die aussehen, weiß man allerdings nicht. Es wird dringlich gewarnt, in der Vergangenheit etwas zu verändern. Nur das Stricken, seit 300 nach Christus bekannt, könnte man vorchristlichen Bürgern beibringen. Dann, wenn schon kurz davor ist, seine Koffer zu packen, stößt man im Nachwort auf die ernüchternde Informationen, dass es Zeitreisen gar nicht gibt. Schade. Da entschädigt nur, dass man mit dem geballten Wissen und den Hinweisen des Buches jedes Kreuzworträtsel löst. Vorchristliches Stricken hieße dann: "Nadelbinden". Na bitte.

Angaben zum Buch Aleks Scholz, Kathrin Passig
Handbuch für Zeitreisende
Rowohlt Berlin, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0085-4

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 04. Juni 2020 | 22:05 Uhr