Portrait Harald Welzer
Der Soziologe Harald Welzer Bildrechte: dpa

Sachbuch-Kritik Harald Welzer fordert eine Revolution der kleinen Schritte

Harald Welzer macht sich Gedanken über unsere Zukunft. Als Sozialpsychologe, Hochschullehrer, Autor und Direktor der Stiftung "Futurzwei" ist das sein Job. Aber sein jüngstes Projekt hat auch ihn an seine Grenzen gebracht: Welzer wollte eine durchgängig positive Gebrauchsanweisung für unsere Zukunft schreiben, keine Dystopie. Herausgekommen ist ein Manifest – "Alles könnte anders sein" ist eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Überzeugend, unterhaltsam und mit überraschenden Perspektiven.

von Ina Namislo, MDR KULTUR

Portrait Harald Welzer
Der Soziologe Harald Welzer Bildrechte: dpa

Mit Lego die Welt retten. Auf diese Idee kommen in der Regel 5-jährige Jungs in ihren Kinderzimmern – aber auch der Sozialpsychologe und Zukunftsforscher Harald Welzer. Für Kinder reichen ein paar einfache Kunststoffsteine mit Noppen, und fertig ist die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Vorausgesetzt, die Kinder haben Phantasie.

Welzers Lego besteht aus zivilisatorischen Grundbegriffen wie Autonomie, Arbeit, Nachhaltigkeit, Solidarität, Zeit, Freundlichkeit und so weiter. Insgesamt 17 Begriffe, die wir alle kennen und teilweise leben. Aber erst richtig kombiniert bilden sie das Fundament einer "modernen Gesellschaft", schreibt Welzer in seinem neuen Buch "Alles könnte anders sein":

Aus "Alles könnte anders sein" von Harald Welzer "Wir brauchen Bausteine für das Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt, die unendliche Kombinationen auszuprobieren gestatten. Und einfach auseinandergenommen werden und neu kombiniert werden können, wenn das Ergebnis nicht gut war. Und mit denen man weiterbauen kann, wenn es ganz gut geworden ist. Ach so: Daher stammt übrigens das Wort: Es ist zusammengesetzt aus dänisch leg godt: Spiel gut."

Harald Welzers Utopie basiert darauf, dass relativ wenig Neues dazukommt. "Aber in dem Moment, wo man es versucht, anders anzuordnen", erklärt der Zukunftsforscher, "entsteht plötzlich ein anderer Bau, eine andere Konstruktion der modernen Gesellschaft." Diese Methode habe den Vorteil, nicht so gigantisch zu sein. Man müsse nicht den Kapitalismus abschaffen oder die Dritte Welt befreien, um die Zukunft zu verbessern.

Eine Revolution in Modulen

Welzer entwirft eine Art Modul-Revolution, eine Revolution der kleinen Schritte, die aber erst im Ganzen betrachtet volle Wirkung entfaltet. So träumt er von einer Zukunft, in der die Erkenntnis gereift ist, dass es kein grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten geben kann.

Eine Zukunft, in der es Städte ohne Autos gibt, in der Menschen ein Grundeinkommen haben, Grenzen verschwinden, Schulen statt formaler Bildung soziale Intelligenz vermitteln. Eine Zukunft, in der Hyperkonsum Geschichte ist und Nachhaltigkeit der neue Realismus.

Darüber hinaus will Welzer die digitale Technik künftig sinnvoll einsetzen und den Wert von Arbeit neu definieren. Es müsse Schluss sein mit der Fetischisierung von Arbeit, nur weil sie Lohnarbeit ist: "Das ist Blödsinn. Das macht die Leute unglücklich." Und hier bringt der Zukunftsforscher die digitale Technik, die Roboterisierung und Automatisierung ins Spiel. Sie könnte helfen, uns von schlechter Arbeit zu befreien:

Wenn niemand mehr schlechte Arbeit machen muss, dann ist das doch ein zivilisatorischer Gewinn und übrigens eine Freisetzung von viel sinnvolleren Sachen.

Harald Welzer

Diese "sinnvolleren Sachen" könnten zum Beispiel der Gesellschaft und dem Gemeinwohl zugutekommen. Harald Welzer holt uns mit seinem zugegeben manchmal etwas polemischen Manifest aus der Komfortzone. Er kritisiert unsere Gesellschaft als ideenlos, hinterfragt Gewohnheiten und macht so unsere schön arrangierte Lebenswirklichkeit porös. Er gibt Anreize im Kleinen und Empfehlungen im Großen.

So wirft er der kraftlosen Ökologiebewegung eine mangelnde Ästhetik vor. Mehr Mut zur Radikalität, neuen Symboliken und Bilderwelten. Als Positivbeispiel zitiert der Zukunftsforscher die Hippie-Bewegung, die bis heute stilprägend ist. "Revolution muss einfach Spaß machen", bilanziert Welzer. Das sei ein zentraler Punkt.

Angaben zum Buch Harald Welzer: "Alles könnte anders sein"
S. Fischer
294 Seiten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2019, 11:42 Uhr

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