Jan Konst
Jan Konst ist Professor für Niederländische Philologie an der Freien Universität Berlin. Bildrechte: Ekko von Schwichow

Sachbuchrezension "Der Wintergarten" Ein persönlicher Blick auf hundert Jahre sächsische Geschichte

Als der Niederländer Jan Konst in eine sächsische Familie einheiratet, wird sein Interesse für die jüngere deutsche Geschichte geweckt. Aus seinen Beobachtungen und Recherchen entsteht in seiner Heimat ein echter Bestseller, und das obwohl oder gerade weil das Buch von einer auf den ersten Blick ganz normalen Familie handelt: von Lehrern oder Handwerkern etwa. Nun liegt das Buch über vier Generationen einer Familie aus Seifhennersdorf und Meißen auch auf Deutsch vor.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Sachbuchredakteurin

Jan Konst
Jan Konst ist Professor für Niederländische Philologie an der Freien Universität Berlin. Bildrechte: Ekko von Schwichow

Es ist ein großer schwerer Schreibtisch aus dunklem Holz, an dem der Literaturwissenschaftler Jan Konst Klausuren von Studenten korrigiert, Aufsätze über deutsche und niederländische Literatur verfasst und an dem er ein Buch über die Familie seiner Frau geschrieben hat: "Der Wintergarten. Eine deutsche Familie im langen 20. Jahrhundert". Dieses beginnt mit dem einstigen Besitzer dieses Schreibtisches: Emil Grunewald, ein Bauernsohn aus Seifhennersdorf. Der weiß die Chancen seiner Zeit zu nutzen, wird Lehrer am Gymnasium in Meißen und gründet mit Hedwig eine gutbürgerliche Familie.

Emil wurde 1871 geboren, also im Jahr der Reichsgründung. Es war eine Zeit, als die Wirtschaft florierte, es gab richtige Aufstiegsmöglichkeiten. Ich glaube, dass diese Entwicklung von Emil typisch war für seine Generation.

Jan Konst

Der Krieg bringt alles durcheinander

Für die nächste Generation, Emils Töchter Hanna und Hilde, hängt das Schicksal zunächst von den richtigen Heiratskandidaten ab, die um 1930 auch in ihr Leben treten. Ein Meißner Fabrikant für Hilde, der Sohn des Schlossverwalters von Wesenstein für Hanna, was soll da noch schief gehen. Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, in den auch ihre Männer eingezogen werden, müssen Hanna und Hilde sich und ihre Kinder allein durchbringen.

Eines davon ist Brigitte. Sie ist es, die Jahrzehnte später ihrem holländischen Schwiegersohn das umfangreiche Familienarchiv überlässt und mit ihm auch die Deutungshoheit der Familiengeschichte. Denn auf Befindlichkeiten, Scham oder Schuld konnte und soll der Chronist keine Rücksicht nehmen. Jan Konst ist heute erleichtert darüber, nicht auf allzu tiefe Abgründe gestoßen zu sein.

Ich bin eigentlich davon überzeugt, dass wir in der Familie keine Täter haben. Sie merken, dass ich das vorsichtig formuliere, da auch mir bewusst ist, dass ein Familienarchiv selten komplett ist. Aber das, was ich gesehen habe, hat mir keine Hinweise gegeben, dass wir es mit einer Täterfamilie zu tun haben. Es war eine Familie, die sich in den Dreißigern, aber auch später in DDR-Zeiten, auf Distanz gehalten hat.

Jan Konst

Neue Welten tun sich auf

Jan Konst’ Schwiegereltern werden wie einst Emil auch Lehrer. In der DDR schaffen sie sich ein kleines privates Refugium in Weinböhla, wo der selbstgezimmerte Wintergarten steht, der für den Titel des Buches Pate steht und wo die Familie alle wichtigen Jahrestage begeht. Als Jan Konst sich in den 90er-Jahren in die Tochter des Hauses verliebt, öffnet sich ihm eine unbekannte Welt, die ihn fasziniert.

Ich weiß noch, wie ich in den Neunzigern das erste Mal zu Hilde kam, die 1902 geboren und 2001 verstorben ist, also das ganze 20. Jahrhundert erlebt hat. Sie wohnte noch immer in der Wohnung von Emil Grunewald, die er als Gymnasialprofessor bekommen hatte - und ich musste feststellen, dass im Laufe eines Jahrhunderts in dieser Wohnung nichts passiert war. Es gab noch immer ein Plumpsklo, es gab in allen Zimmern nur eine Steckdose.

Jan Konst

Der Blick von außen

Jan Konst schreibt mit viel Wärme und Empathie über seine Schwiegerfamilie. Der biografische Abstand, den er durch seine Herkunft von den Ereignissen hierzulande hat, sorgt zwar dafür, dass er hin und wieder uns Deutschen längst Bekanntes berichtet. Aber Jan Konst wünscht sich für sein Buch auch und gerade junge Leser, denen möglicherweise die großen historischen Zusammenhänge weniger geläufig sind, vor allem wenn es um ostdeutsche Geschichte geht.

Natürlich ist auch bei uns Niederländern viel vorgefallen, aber diese Vielfalt an Regimewecheln, an Brüchen, dass von einem auf den anderen Tag auf einmal alles wieder anders war, das kennen wir nicht und ich wollte wissen, wie man unter diesen Umständen lebt und auch überlebt.

Jan Konst

Und so ist "Der Wintergarten" von Jan Konst eine gut erzählte, anschaulich geschriebene Geschichte aus Sachsen, die einmal mehr daran erinnert, dass das große Rad der Geschichte kein Leben unberührt lässt. Nicht mal das weit ab von den Zentren der Macht, nicht mal das in Seiffhennersdorf, Meißen und Weinböhla.

Informationen zum Buch Jan Konst: "Der Wintergarten. Eine deutsche Familie im langen 20. Jahrhundert"
Aus dem Niederländischen
von Marlene Müller-Haas
Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-258-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 17. April 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 09:40 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR