Bastian Muhrs Arbeiten für die Dorfkirche von Altjeßnitz
Bastian Muhrs Entwürfe für die Dorfkirche von Altjeßnitz in der Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie in Dessau. Bildrechte: Evangelische Landeskirche Anhalts / Anhaltischer Kunstverein Dessau

Ausstellung in der Orangerie "Lichtung Leipzig": Dessau zeigt Glasmalerei von heute

Die Zeiten, da Künstler vor allem für religiöse Auftraggeber arbeiteten, sind lange vorbei. Gleichwohl erlebt die Glasmalerei für Kirchenfenster eine Renaissance. Spannend zu sehen, wie zeitgenössische Künstler aus Leipzig so das Licht und den sakralen Raum verwandeln. Ihre Entwürfe und Probefenster für Kirchen in der Region zeigt die Schau "Lichtung Leipzig". Zu sehen sind die Arbeiten, u.a. von David Schnell oder Bastian Muhr, bis 21. April in der Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Bastian Muhrs Arbeiten für die Dorfkirche von Altjeßnitz
Bastian Muhrs Entwürfe für die Dorfkirche von Altjeßnitz in der Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie in Dessau. Bildrechte: Evangelische Landeskirche Anhalts / Anhaltischer Kunstverein Dessau

Zuletzt machte der Leipziger Künstler Bastian Muhr im Leipziger Bildermuseum von sich reden, als er rund 200 Quadratmeter Steinfußboden mit einer Art Gitternetz aus Zickzacklinien überzog, aufgezeichnet per Hand mit Kreide. Eine Sisyphusarbeit, die meditative Züge trug.

Nun hat der Künstler seine minimalistisch-monumentale Strichkunst zum ersten Mal auf Kirchenfenster übertragen. Für drei Rundbogenfenster der romanischen Kirche in Altjeßnitz entstand eine ebenfalls handgezeichnete Geometrie, die innere Wahrheiten zu verkünden hat. Weiß und grau gefärbtes Glas taucht sie in ein silbrig-schimmerndes Licht. Bastian Muhrs Ruf, mit kleinstmöglichen Zeichen große Flächen füllen zu können – und das mit philosophischer Dimension  – ist bis zu Denkmalpfleger Holger Brülls durchgedrungen, der dem Künstler die Gestaltung vorschlug. 

20 moderne Arbeiten für sakarale Räume

Zwei Okulusfenster für die Kirche St. Marien Schlaitz bei Bitterfeld
Robin Zöffzigs Arbeit für die Kirche St. Marien Schlaitz bei Bitterfeld Bildrechte: Robin Zöffzig

Brülls betreut die Dorfkirchen in Sachsen-Anhalt, die oft einer künstlerischen Aufwertung, gar baulichen Instandsetzung bedürfen. Brülls, seines Zeichens Gebietskonservator beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie: "Auch Künstler, die gar keine Verbindung zur Kirche haben, sind oft sehr interessiert daran, solche Kunstwerke zu schaffen, die dann in so einem sakralen Raum wirken. Denn es geht ja um Atmosphäre, um Gefühle und um ganz essentielle Dinge. Und das ist natürlich das Spielfeld für Kunst."

Mit Wohlwollen aufgenommen

Spitzbogenfenster in der Kirche in Mühro bei Zerbst
Sebastian Pless: Das Hohelied, Spitzbogenfenster für die Kirche in Mühro bei Zerbst Bildrechte: Sebastian Pless

Nun muss "nur" noch die Kirchgemeinde in Altjeßnitz zustimmen. Damit diese ihre künftigen Fenster schon mal ins Auge fassen kann, hat die Evangelische Landeskirche Anhalts gemeinsam mit dem Hersteller der Fenster, den Derix Glasstudios Taunusstein, eine Ausstellung in der Orangerie in Dessau ausgerichtet. 20 Fenster, gestaltet von Leipziger Künstlern wie Bastian Muhr und David Schnell, Sebastian Pless und Undine Bandelin, Robin Zöffzig oder Julian Plodek. Plodek, Absolvent der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein, schuf drei tiefblaue Chorfenster für die Kirche in Mühlbeck. Nachtstücke, die figürlich ausgeführt, die Landschaftsmalerei zurück in die Kirchen holen. Fast huldigen sie einer "schwarzen Romantik", in dem sie, dramatisch, gleich mehrere Motive der Evangelien-Erzählung aufnehmen.

Die meisten der in Dessau präsentierten, zeitgenössisch gestalteten Glas-Fenster werden von Kirchgemeinden bereits jetzt laut Brülls mit Wohlwollen betrachtet. Was nicht selbstverständlich ist. Brülls erklärt es mit der sorgfältigen Vorbereitung: "Wenn man etwas aufdrängen will, das bringt überhaupt nichts. Der Künstler bringt einen Entwurf mit oder mehrere Varianten und stellt die zur Debatte. So kommt man in ein Gespräch, das auch ganz kontrovers sein kann. Aber es ist eben kein Gezänk. Denn es geht um die Sache und das ist eine schöne Erfahrung."

Wo Farbe, Licht und Raum zusammenkommen

Chorfenster für die Kirche in Priorau bei Dessau
David Schnells Chorfenster für die Kirche in Priorau bei Dessau Bildrechte: Derix Glasstudios Taunusstein/David Schnell

David Schnell hat sich schon einen Ruf auf dem Gebiet der Glasfenster, u.a. für die Leipziger Thomaskirche und die Christuskirche am Stadtgarten in Köln, erarbeitet. Zu sehen ist in der Dessauer Orangerie auch seine Arbeit für die Dorfkirche in Priorau. Explosiv scheinen die Farben des Lichts in dem Kölner Fenster auf, unendliche Nuancen von Rot mischen sich darin mit Weiß. Auch in dem Entwurf für die Dorfkirche stürzen die Linien dramatisch in Zentralperspektive, erschaffen metaphysische Räume. Die Dimensionen des Lichts, die durchs Fenster dringen, erreichen auch nicht-christliche Seelen:

"Wo Farben und Licht und Raum zusammenkommen, da entsteht automatisch ästhetische Aufmerksamkeit."

Holger Brülls, Gebietskonservator beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

Die in Dessau präsentierten Künstlerfenster stellen eine Kunstschau der besonderen Art dar. Zeigt sich doch, wie das Genre der Malerei um die plastische Dimension von Glasfenstern geweitet wird, als auch, wie die Malerei in den letzten zehn Jahren die Gestaltung von Glasfenstern revolutioniert hat.

Angaben zur Ausstellung Lichtung - GLASMALEREI der Gegenwart von Leipziger Künstlern

Bis 21. April 2019

Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, Puschkinallee 100

Öffnungszeiten: Di-Do 11-17 Uhr
Eintritt frei

Die Präsentation ist ein Beitrag der Evangelischen Landeskirche Anhalts zum 100. Jubiläum der BAUHAUS-Gründung und Bestandteil des Projektes "LICHTUNGEN. Zeitgenössische Glasmalerei in anhaltischen Kirchen".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2019, 11:41 Uhr

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