Aus Kohle wird Kunst In Leipzig geht das Kunstkraftwerk ans Netz (2016)

Fürs kulturelle Netz im Leipziger Westen mit Baumwollspinnerei, Tapeten- oder Westwerk gibt es einen neuen Energieschub. Am Sonnabend geht das Kunstkraftwerk in der Saalfelder Straße ans Netz. Private Enthusiasten kauften das Areal, um daraus einen interdisziplinären Erlebnisort zu machen. Passend testet die erste große Ausstellung die Grenzen unserer Wahrnehmung: "Illusion" heißt sie.

von Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

Markus Löffler (r), Besitzer des Kunstkraftwerkes und Ulrich Maldinger, Geschäftsführer der Kunstkraftwerk GmbH
Markus Löffler (r), Besitzer des Kunstkraftwerkes und Ulrich Maldinger, Geschäftsführer der Kunstkraftwerk GmbH Bildrechte: dpa

Diese Männer haben eine Vision und das Gute ist, sie können sich selber helfen, denn der eine ist Arzt und Physiker, genauer Professor für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Universität Leipzig, der andere Architekt und Designer.

Kunstkraftwerk Leipzig
Blick in den einstigen Kesselsaal Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt

Gemeinsam haben Markus Löffler und Ulrich Maldinger 2013 ein ehemaliges Heizkraftwerk im Leipziger Westen gekauft, um Leben in die erkalteten Hallen zu bringen und den Beweis anzutreten, dass Energie nicht verloren geht, sondern sich nur verwandelt. Nun geht ihr Kunstkraftwerk in der Saalfelder Straße tatsächlich ans Netz. Zur Eröffnung am Sonnabend feiert die Ausstellung "Illusion" der Science Gallery Dublin Deutschlandpremiere.

"Illusion" im KKW

Markus Löffler (r), Besitzer des Kunstkraftwerkes und Ulrich Maldinger, Geschäftsführer der Kunstkraftwerk GmbH
Vor vier Jahren "entdeckten" Markus Löffler und Ulrich Maldinger das über 150 Jahre alte Areal an der Saalfelder Straße. 1863 als Gaswerk errichtet, zeigt das Ensemble aus gelben Klinkern ein Stück Industriegeschichte des Leipziger Westens. Um 1900 wechselte die Anlage in den Bezitz einer Straßenbahngesellschaft und lieferte als Elektrizitätswerk Strom für die Strecken im Viertel. Von 1964 bis 1992 wurde das Areal zum Heizkraftwerk für die Betriebe und gehörte zum VEB Energiekombinat Leipzig. Bildrechte: dpa
Markus Löffler (r), Besitzer des Kunstkraftwerkes und Ulrich Maldinger, Geschäftsführer der Kunstkraftwerk GmbH
Vor vier Jahren "entdeckten" Markus Löffler und Ulrich Maldinger das über 150 Jahre alte Areal an der Saalfelder Straße. 1863 als Gaswerk errichtet, zeigt das Ensemble aus gelben Klinkern ein Stück Industriegeschichte des Leipziger Westens. Um 1900 wechselte die Anlage in den Bezitz einer Straßenbahngesellschaft und lieferte als Elektrizitätswerk Strom für die Strecken im Viertel. Von 1964 bis 1992 wurde das Areal zum Heizkraftwerk für die Betriebe und gehörte zum VEB Energiekombinat Leipzig. Bildrechte: dpa
Kunstkraftwerk Leipzig
Als Löffler und Maldinger das Kesselhaus betraten, war noch alles da: Drei bis zu sieben Meter hohe Brennöfen, gefüttert von Kohlebunkern, angefacht von Druckluft, überwacht von Kesselwärtertn, Schichtführern, Aschemännern. Anderthalb Jahre dauerte es, das Gebäude zu beräumen, seines industriellen Kerns beraubt wurde es dabei sichtlich nicht. Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt
Kunstkraftwerk Leipzig
Das Heizkraftwerk kaufen, um es in ein Kunstzentrum zu verwandeln? Maldinger, der Architekt und Designer, liebte solche Projekte und hat ein Faible für denkmalgeschützte Ensembles. Seit den 1990er Jahren hat er in Leipzig die Rekonstruktion von über 100 öffentlichen Gebäuden begleitet, darunter das kürzlich übergebene Capa-Haus. Seine Gedanken damals waren: "Der Bauch sagt Ja, der Kopf sagt Nein." Denn komplett aus privaten Mitteln sollte das Projekt angegangen werden. Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt
kkw
Der letzte Eintrag eines Schichtführers auf der Papierrolle einer Temperaturanzeige - Maldinger als Architekt versteht solche Hinterlassenschaften nicht als hübsches Relikt in einem Kunsttempel mit industriellem Charme. Wer das Gebäude durchwandert, kann überall noch die Geschichte des Gebäudes erkennen oder sogar mit den Händen greifen. Die Fundamente der Heizkessel sind erhalten, dazu ein Kohletrichter auch die Schaltzentrale. Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt
Kunstkraftwerk Leipzig
Lichtshow im Maschinensaal: Industriegeschichte trifft römische Antike. Bildrechte: MDR / Katrin Schlenstedt
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"Illusion" - Nichts ist, wie es scheint

Die von dem britischen Psychologen und Magier Richard Wiseman und dem irischen Illusionskünstler Paul Gleeson erdachte Schau spielt mit den Grenzen der Wahrnehmung. Auf 400 Quadratmetern und über drei Etagen werden mehr als 20 Exponate von Künstlern, Designern oder Ingenieuren aus sieben Ländern in abgedunkelten Räumen des rauen Industriedenkmals inszeniert. Leuchtkäfer krabbeln aus einem Bildschirm auf die Hand des Betrachters, Wassertropfen perlen von unten nach oben, aus leeren Käfigen zwitschern Vogelstimmen, die eigentlich menschlichen Ursprungs sind. Neu in der Leipziger Fassung der Schau sind die Arbeiten von Marcellina Wellmer aus Polen und von Moritz Wehrmann aus Deutschland. Während Wehrmanns Installation "Alter ego" die Konterfeis zweier Menschen, die sich in einer Kabine gegenüberstehen, rasend schnell ineinanderflimmern lässt, spielt Wellmer in "RGB 01" ganz anders und kontemplativ mit der Trägheit des Auges. Sie projiziert Farbstrahlen auf ein Schwarz-Weiß-Gemälde, das sich verfärbt, ohne dass es der "veränderungsblinde" Betrachter merkt.

An der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft

Dass all die Artefakte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft - etwa der Optik, Informatik oder auch der Psychologie - operieren, ist genau das, was Markus Löffler fasziniert. Als "Vollblutwissenschaftler" reizen ihn nach eigenem Bekunden die unerforschten Gebiete. Kunst helfe, sie zu entdecken, sagt er. Aber nicht, indem sie komplizierte Dinge auf einen einfachen Nenner bringt, sondern indem sie sie verwandelt.

"So bekommt Wissenschaft eine magische Dimension, die uns verblüfft und fragen lässt: Wie kann das sein?" So wird Neugier geweckt, hofft er, vielleicht sogar Forscherdrang. Genau aus diesem erlebnisorientierten Ansatz heraus entstand 2008 die Science Galley in Dublin, in der "Illusion" zuvor zu sehen war. Das Trinity College richtete die Galerie als Schaufenster für die Bevölkerung ein. Inzwischen kommen 400.000 Besucher im Jahr.

Lange spröde Erklärtexte wie in vielen deutschen Museen gibt es auch im Kunstkraftwerk nicht, stattdessen lädt die Schau die Besucher immer wieder zum Selbstversuch. Allein gelassen werden sie dabei nicht. 13 Kunstvermittler erzählen auf Wunsch beispielsweise gerne, wie holografische Wesen den Betrachter hinters Licht führen. Für die kommende Sommerferienzeit bieten die Ausstellungsmacher auch begleitete Rundgänge für Schulen und Schülerinnen an. Löffler definiert das KKW als Erlebnisraum für alle, für Kinder, Jugendliche und Familien ebenso wie für Kunst-Enthusiasten, und die erste große Ausstellung demonstriert aufs Schönste sein Anliegen, eine interdisziplinäre Stätte der Begegnung zu schaffen, die nicht elitär sein will.

Ein verlorener Ort als energetisches Zentrum

Gemeinsam mit Maldinger hat Löffler dafür große Summen, die er nicht beziffern will, in einen "verlorenen Ort" gesteckt. Er sieht in diesem Engagement "nicht nur ein Abenteuer ökonomischer, sondern auch intellektueller Art". Das unterscheidet den Mäzen wohl vom kühl rechnenden Investor. Geld einspielen soll das KKW trotzdem über Events wie Konzerte, Workshops oder Tagungen, die sich im ehemaligen Kessel - oder Maschinensaal ausrichten lassen. Nicht nur dort erinnern Relikte wie der letzte Eintrag des Schichtführers Wolfgang Knospe auf einer Temperaturanzeige an die Geschichte des gelben Klinkerbaus. Errichtet worden war der 1863 als Gaswerk. Die Zeiten änderten sich. Um 1900 wechselte die Anlage in den Besitz einer Straßenbahngesellschaft, aus dem Gas- wurde ein Elektrizitätswerk, das Strom für die Strecken im Leipziger Westen lieferte. Heiß und laut war es von 1964 bis 1992 in der Saalfelder Straße. Als Teil des VEB Energiekombinates versorgte das Heizkraftwerk zu DDR-Zeiten Betriebe im Leipziger Westen.

Als Löffler und Maldinger das Areal vor vier Jahren entdeckten, standen noch die riesigen sieben Meter hohen Kohleöfen im Kesselhaus und nicht nur die.

Anderthalb Jahre dauerte es, bis das Kraftwerk beräumt war. Komplett seiner Geschichte beraubt wurde es dabei nicht. Sogar die Fundamente der Heizkessel wurden bei der denkmalgerechten Rekonstruktion erhalten. Sie leuchten nun hinter Glas in magisch rotem Licht. Vielleicht versöhnt das Wolfgang Knospe, der zur Eröffnung am Wochenende eingeladen ist, Feuer machen, das war seine Welt. Jetzt machen andere aus Kohle Kunst.

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2019, 17:00 Uhr

Eröffnung | Ausstellung 18.06.-27.11.2016 Kunstkraftwerk Leipzig: Illusion - Nichts ist, wie es scheint

Kunstkraftwerk Leipzig: Illusion - Nichts ist, wie es scheint

Saalfelder Straße 8b
04179 Leipzig

Hinweis: Wer empfindlich auf Stroboskop-Licht reagiert, für den sind nicht alle Räume und Exponate geeignet.

Öffnungszeiten: Mi-So | 10:00-17:00 Uhr


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