Ein Mann telefonierend im Sakko
Sind Manager die neuen Diktatoren? Bildrechte: Colourbox.de

Neues Sachbuch Manager als Diktatoren: Wie der freie Markt zur Ideologie verkam

Mitarbeiter, die am Arbeitsplatz nicht reden oder auf Toilette dürfen, die abends noch Anrufe vom Chef bekommen – all das sind Auswüchse des freien Marktes, auf dem sich mächtige ökonomische Akteure tummeln, die sich nicht mehr um Freiheit und Rechte von Arbeitnehmern scheren müssen. Elizabeth Anderson, Philosophie-Professorin in Princeton, zeigt, wie die Idee zum freien Markt progressiv startete, um zur Ideologie zu verkommen. Historisch und am Beispiel von Lohnarbeit in den USA.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR

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Glaubt man Elizabeth Anderson, dann ist es kein Spaß, in einer Firma zu arbeiten, zumal in den USA. Die zentrale These ihres Buches lautet, dass Arbeitgeber willkürlich und ohne Rechenschaft abzulegen über ihre Angestellten herrschen können. Bis in deren Privatsphäre reiche diese Macht. Eine "kommunistische Diktatur in unserer Mitte" – so bringt sie dieses Machtgefälle polemisch auf den Punkt. Die Worte sind drastisch, aber Andersons Argumentation ist messerscharf und ergibt durchaus Sinn.

Warum der freie Markt ursprünglich "links" war

Elizabeth Anderson: Private Regierung. Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen (und warum wir nicht darüber reden)
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Anderson rollt die Thematik historisch auf. Sie beschreibt, wie im England des 17. Jahrhunderts Levellers und Egalitaristen um eine demokratische Ordnung kämpften und versuchten, die Privilegien des Adels einzuschränken. Die Levellers standen für das Ideal einer "freien Gesellschaft von Gleichen", traten aber auch für Privateigentum und Freihandel ein. Das würde ihnen heute eine Zuordnung ins konservative Lager einbringen, damals aber – so argumentiert Anderson – sei der freie Markt sozusagen noch eine linke Idee gewesen. Auf Basis der ökonomischen Theorien von Adam Smith und anderer entwickelte sich eine Vorstellung vom freien Markt, nach der es Arbeitern möglich sein sollte, eine Tätigkeit zu den bestmöglichen Bedingungen anzunehmen. Sprich: Arbeitgeber sollten mit guten Angeboten um Arbeitskräfte buhlen müssen. Wenn sich ein Arbeitgeber als schlecht herausstellte, konnten sie einfach weiterziehen oder sich selbstständig machen. Demnach verschaffte ihnen der freie Markt die Macht, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden.

Doch mit der Industrielle Revolution sei die Selbstständigkeit als letzte Zufluchtsmöglichkeit verschwunden. Trotzdem hatte sich der freie Markt als Idee etabliert. Aus dieser Situation heraus entwickelte sich laut Anderson das Phänomen der "privaten Regierung", die Arbeitnehmern letztlich ihre Freiheit und Rechte nimmt. Anderson vollzieht diese Entwicklung in großem historischem Detailreichtum nach.

Für und Wider

Das Buch beruht auf zwei Vorlesungen, die die Philosophie-Professorin 2015 an der Princeton University gehalten hat. In der zweiten Hälfte ihres Buches stellt sie sich der Debatte um ihre Thesen. Vier Autorinnen und Autoren erwidern und kritisieren ihre Positionen. Zum Schluss reagiert die Autorin noch einmal auf die Einwürfe. Die Abbildung der Debatte, von Position und Gegenposition, ist einer der Gründe, warum dieses Buch unbedingt zu empfehlen ist.

Das große Manko allerdings ist, dass Andersons Thesen nur bedingt für Westeuropa gültig sind und auf Lohnarbeit in den USA gemünzt sind. Zwar gab es auch in Deutschland schon Fälle, in denen Arbeitgeber in unzulässiger Weise in das Leben ihrer Angestellten eingriffen, aber von der Drastik, wie Anderson sie für die USA beschreibt, sind wir hierzulande weit entfernt. Ein Kapitel, das sich damit beschäftigt, wäre sicher spannend gewesen, zumal Anderson für die Lösung des Problems ja ebenfalls nach Deutschland schaut. Sie schlägt innerbetriebliche Mitbestimmung nach hiesigem Modell vor, also zum Beispiel Arbeitnehmervertreter in den Vorständen. Manch einem mag Andersons Lösungsansatz zu zahm erscheinen, vor allem, weil sich der Arbeitsdiskurs auch schon mit wesentlich radikaleren Ideen beschäftigt.

Trotzdem ist "Private Regierung" von Elizabeth Anderson zu empfehlen. Denn es liefert viel argumentatives Futter für die nächste Diskussion mit Neoliberalen, eröffnet neue Perspektiven auf die Urväter des heutigen Wirtschaftssystems und zeigt nebenbei, wie wissenschaftlicher Diskurs funktionieren kann.

Angaben zum Buch Elizabeth Anderson
Private Regierungen
Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen
(und warum wir nicht darüber reden)
Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann
259 Seiten, Suhrkamp 
ISBN: 978-3-518-58727-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2019, 04:00 Uhr

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