Ausstellung Mark Lammert sieht "ROT, GELB, BLAU" im Leonhardi-Museum Dresden

Farbe ist ihm plastische Masse; ein Mittel, um die Grenzen der Malerei zu erforschen. Aus Menschen werden dabei Torsi. Figürlich oder abstrakt, das ist hier nicht seine Frage. Um Sein oder Nicht-Sein geht es Mark Lammert! Der Zeichner, Maler und Bühnenbildner wurde 1960 in Ostberlin geboren und gilt heute als einer der prägendsten Künstler seiner Generation. Wir haben ihn inmitten seiner Bilder in seiner neuen Ausstellung "ROT, GELB, BLAU" im Leonhardi-Museum Dresden getroffen.

Atelier Mark Lammert 5 min
Bildrechte: Mark Lammert /Repro: Roman März

Mark Lammert, Jahrgang 1960, gehört zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten seiner Generation. Ulrike Thielmann hat seine neue Ausstellung im Leonhardi-Museum Dresden mit dem Maler, Zeichner und Bühnenbilder besucht.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 10.10.2020 12:00Uhr 04:32 min

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Fast verschwinden die zarten Strich-Gebilde-Facetten eines menschlichen Gesichts, die das Leonhardi-Museum gleichsam als Introduktion in Mark Lammerts Werk zeigt. Um den Besucherinnen und Besuchern, die irgendwann den großen Oberlichtsaal des Hauses betreten werden, zu verdeutlichen: Dieser abstrakt agierende Maler kommt von der figürlichen Zeichnung: "Es gibt tatsächlich kein Bild, das nicht im Kern auf Zeichnungen zurückgeht. Am Anfang ist immer die Zeichnung", erklärt er selbst dazu. Was sich durchaus in Lammerts Großformaten ergründen lässt; für den eiligen Besucher im Leonhardi-Museum aber zunächst ganz direkt in seinen ausgestellten Zeichnungen.

Körper als Fragmente

Ein gelber Torso auf schwarzem Untergrund
Mark Lammert: Ohne Titel (Torso) Bildrechte: Mark Lammert /Repro: Roman März

In den 80er-Jahren, als der 1960 in Ost-Berlin Geborene noch an der Kunsthochschule in Weißensee studierte, sehen sie nach Käthe Kollwitz oder Lea Grundig aus; spätestens mit dem Verschwinden des sozialistischen Menschenbildes in der Kunst befragt Lammert seine Malerei, inwieweit überhaupt noch Menschen darstellbar sind.

Mit dem Ergebnis, dass der Künstler Fragmente malt, für ihn Elementares des menschlichen Körpers: Torsi und Rümpfe oder Teile des Gesichts. Auch die jeweils typischen Bewegungen eines menschlichen Körpers, seine Körpersprache, gar seine Leuchtkraft versucht Lammert mit unendlicher Geduld, in Einzelbildern, seinen mehrschichtigen Ölbildern, einzufangen. Gemälde, die um die 20 Farbebenen umfassen können und die der Maler teils über Jahre hinweg immer wieder übermalt.

Farbe als plastische Masse, Malerei als dynamischer Prozess

Farbe ist für Lammert plastische Masse. Er tupft, quetscht und furcht sie, trägt fast schon trockene Farbebenen mit Spachtel und Messer wieder ab, was Darunterliegendes zum Vorschein bringt. Der Künstler übermalt es neu. Erdkrustenartige Gebilde entstehen, die auch an die vielen Schichten erinnern, die sich im Laufe eines menschlichen Lebens in der Seele ablagern:

Ob abstrakt oder nicht spielt eigentlich gar keine Rolle. Ich will es so dicht haben, dass ich als Maler 'glaube', wie es gemacht ist.

Mark Lammert, Maler
Atelier Mark Lammert
Atelier Mark Lammert im Leonhardi-Museum Bildrechte: Mark Lammert /Repro: Roman März

Mark Lammert sagt, er male fast ausschließlich Menschen. Mit seiner Frage nach dem Wesentlichen des Körpers, nach typischen Zügen, faszinieren ihn auch die Bewegungsstudien, die der französische Foto-Pionier Etienne-Jules Marey in der "Belle Epoque" anstellte. Gleich den vielen Einzelbildern einer Film-Kamera präsentiert ein Ausstellungsraum eine abstrahierte Körperbewegungs-Bildfolge in Öl, für die Lammert mehrere Jahre brauchte, gefasst in verschiedene Farben, die, im Ganzen wahrgenommen, Bewegung, das Flimmern des Films, der Bilder, herbeizaubern. Zu seinem Versuch, Fotografie in Malerei zurückzuübersetzen, stellt Lammert selbstbewusst fest:

Die Fotografie kann nichts, was die Malerei nicht auch kann.

Mark Lammert

Furioses Finale: Seestücke mit Wellen und Menschen

Schriftblatt aus der Serie dt./frz., Mischtechnik - Kugelschreiber, Ölfarbe, Kohle auf Bütten  45 x 32 cm, 2016-18
Schriftblatt aus der Serie dt./frz. Bildrechte: Mark Lammert /Repro: Herbert Boswank

Im Oberlichtsaal des Leonhardi-Museums hat die Schau ihr furioses Finale. Auf Ölgemälden mit schwarzen, orange-rostrot-braunen oder graublauen Hintergründen finden sich Fragmente nackter menschlicher Körper in Lammerts kunstvoll verwischter Dokumentation: Rücken-Ansichten oder gar wie Monde leuchtende Hinterteile, reduzierte Seestücke mit Wellen und Menschen in silbergraublau: "Das ist ein Graublau, das ich sehr liebe, eine wunderbare Farbe, die von den Durchsichtigkeiten wie von den pastosen Momenten her schwimmend und verdichtend changiert."

Eine Nähe zu berühmten figürlichen Bildern oder gar Fresken berührt die Betrachter sphärisch, die letztlich auf nacktes Fleisch schauen, durch Lammerts Sicht und seine kunstvollen Hintergründe sublimiert. Und wer Seestücke und die Farbe silbergraublau liebt, ist in dieser Ausstellung ohnehin richtig.

Angaben zur Ausstellung Mark Lammer: "Rot, Gelb, Blau"
Bis 3. Januar 2021

Leonhardi-Museum Dresden
Grundstraße 26
01326 Dresden

Öffnungszeiten
Di - Fr: 14-18 Uhr
Sa / So : 10-18 Uhr

Mark Lammert war von 1989 bis 1992 Meisterschüler von Werner Stötzer an der Berliner Akademie der Künste. Heute bildet er selbst Studenten und Studentinnen aus, als Professor an der Universität der Künste Berlin.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Oktober 2020 | 13:15 Uhr