Der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu lehnt sich aus einem Fenster und hält ein Buch in der Hand.
Der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu bekam 2018 den Prix Goncourt. Bildrechte: dpa

Rezension Spannend und voll politischer Wucht: "Wie später ihre Kinder"

Der Prix Goncourt ist der wichtigste Literaturpreis Frankreichs. Das Preisgeld – lediglich 10 Euro – ist nicht der Rede wert. Doch die ausgezeichneten Romane werden meistens Bestseller. So "Wie später ihre Kinder" von Nicolas Mathieu, der in die Neunziger Jahre zurückblickt und von Teenagern erzählt, die der trostlosen französischen Provinz entkommen wollen. Ein großer Gesellschaftsroman spannend wie ein Thriller und mit Blick auf die Gelbwesten-Proteste hoch politisch, findet unser Kritiker.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu lehnt sich aus einem Fenster und hält ein Buch in der Hand.
Der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu bekam 2018 den Prix Goncourt. Bildrechte: dpa

Die Hitze hängt im Tal von Heillange, einer Kleinstadt in Lothringen. Früher herrschte hier die Stahlindustrie, jetzt – in den Neunzigern – die Arbeitslosigkeit und mit ihr die Trostlosigkeit. Mittendrin wächst Anthony auf. Zu Beginn des Romans ist er 14, voll in der Pubertät. Die meiste Zeit verbringt er mit seinem Cousin. Als die beiden eines Abends auf eine Party gehen, nimmt er kurzerhand das Motorrad seines Vaters. Eine folgenschwere Aktion. Der Kleindealer Hacine klaut das Gefährt und so setzt sich eine Spirale der Gewalt in Gang, die sich durch fast das ganze Jahrzehnt zieht. Anthonys Mutter steht ratlos daneben:

Sie konnte sich noch daran erinnern, wie sein Kopf gerochen hatte, wenn er auf ihren Knien einschlief, samstagabends, vor dem Fernseher. Wie warmes Brot. Und eines schönen Tages hatte er ihr gesagt, sie solle anklopfen, bevor sie sein Zimmer betrat, alles war so unerwartet schnell gegangen. Jetzt hatte sie diesen halben Schlägertyp vor sich, der ein Tattoo wollte, nach Schweißfüßen stank und schlurfte wie ein Asi. Ihr kleiner Junge. Sie wurde wütend.

Aus: Wie später ihre Kinder Nicolas Mathieu
Der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu lehnt sich aus einem Fenster und hält ein Buch in der Hand. 5 min
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MDR KULTUR - Das Radio Di 05.11.2019 08:40Uhr 05:23 min

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Die feinen Unterschiede

 Wie später ihre Kinder von Nicolas Mathieu
Bildrechte: Hanser Literaturverlage

Das Milieu, in dem Nicolas Mathieus "Wie später ihre Kinder" spielt ist eines, an dem sich die französischen Intellektuellen gerne abarbeiten. Mathieu setzt die Szenarien solcher Autoren wie Didier Eribon in ein Epos um, das fast ein ganzes Jahrzehnt umfasst. Wo bei Eribon – und auch bei dessen Kollegen Edouard Louis – immer die linke politische Agenda durchscheint, hält sich Mathieu zurück. Seine Figuren sind komplex, haben Hoffnungen und Träume, die manchmal schmerzhaft unterschiedlich sein können. Für Anthonys große Liebe Steph steht fest, dass sie nach dem Abi nach Paris abhauen will. Für ihn ist die Stadt "eine Art Vergnügungspark, nur schicker." Er versteht nicht, was Steph da will. Für sie ist die Stadt schwarz-weiß wie die Fotografien von Robert Doisneau. "Sie fuhr an Weihnachten mit ihren Eltern hin. Sie erinnerte sich an die Schaufenster und das Opernhaus."

Sie würde eines Tages eine Pariserin sein.

Aus: Wie später ihre Kinder Nicolas Mathieu

Was Steph von Anthony trennt, ist ein unüberbrückbarer Graben der Klassenunterschiede. Mathieu beschreibt sie präzise und das trotz der ruppigen Sprache seines Erzählers. Bourdieu trifft Büchsenbier sozusagen. Am Ende mischt aber eine ganz andere Autorin mit: Annie Ernaux. Wie in Ernauxs "Die Jahre" rauschen auch in "Wie später ihre Kinder" die Ereignisse der Weltgeschichte durch und vorbei, bilden die Kulisse und die Bühne für die kleinen Dramen von Anthony, Steph und Hacine. Nur, dass es hier eben nicht der Tod von de Gaulle ist, sondern die Fußball-WM 1998:

Beim Essen herrschte ein unglaublicher Lärm. Es wurde gelacht, geredet, wild gestikuliert. Sonntag würde ein großer Tag werden. Alle überboten sich mit Voraussagen. Niemand zog eine Niederlage in Betracht. Das war unvorstellbar. Die Zeit der Wunder war angebrochen. Wie zum Beweis stieg Karim auf seinen Stuhl und stimmte die Marseillaise an. Die Arbeiter sangen alle mit, eher zum Spaß, das Lied machte einen riesigen, fast schon revolutionären Radau. Unter dem Deckmantel des Patriotismus konnte man auf den Putz hauen und die Manager nerven, die ein wenig abseits saßen. Anthony sang nicht mit.

Aus: Wie später ihre Kinder Nicolas Mathieu

Spannend und voll politischer Wucht

Zusammengehalten wird Mathieus Roman von einer Thriller-Handlung, die bis zur letzten Seite spannend bleibt. Drumherum erzählt er von den sozialen Demütigungen, vom Abgehängtsein, vom Traum, es endlich aus dem Kaff raus zu schaffen und davon, wie dieser Traum langsam verblasst. Dabei hat "Wie später ihre Kinder" auch eine ungeheure politische Wucht. Denn schon nach den ersten Seiten wird klar, dass es Leute wie die Protagonisten dieses Romans sind, die sich im Jahr 2018 Warnwesten anlegen und gewalttätig gegen die Regierung protestieren werden. Und der Titel und der letzte Teil lassen befürchten, dass sich diese Spirale auch in der nächsten Generation weiterdrehen wird.

Angaben zum Buch Nicolas Mathieu
Wie später ihre Kinder
Üersetzt aus dem Französischen von Lena Müller, André Hansen
Hanser Literaturverlage
448 Seiten
ISBN : 978-3-446-26412-0
24,00 Euro

Stichwort: Prix Goncourt Der französische Literaturpreis Prix Goncourt geht 2019 an Jean-Paul Dubois. Der 69-Jährige erhält Frankreichs begehrte Literaturauszeichnung für "Tous les hommes
n'habitent pas le monde de la même façon". Das Buch handelt von einem Mann, der in Kanada in einem Gefängnis sitzt. In seiner Zelle lässt er sein Leben Revue passieren bis zu jenen Ereignissen, die zu seiner Verurteilung führten.

Von Dubois sind mehr als 20 Romane erschienen, darunter auf Deutsch "Ein französisches Leben" und "Der Fall Sneijder".

Der Prix Goncourt wird seit 1903 vergeben. 2018 bekam ihn Nicolas Mathieu.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2019, 04:00 Uhr

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