Ausstellung im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar zeigt Kompositionen von Friedrich Nietzsche

Dass der Philosoph Friedrich Nietzsche auch komponiert hat, weiß kaum jemand. In der Ausstellung "Nietzsche komponiert. Notenmanuskripte aus dem Nachlass" zeigt das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv nun eine Auswahl seiner Kompositionen. Dabei wird deutlich, wie wichtig Nietzsches Musik für seine Philosphie war.

von Blanka Weber, MDR KULTUR

Bei den in der Vitrine gezeigten Exponaten handelt es sich um Nietzsches Liederheft „‚Acht Lieder als Weihnachtsgabe an Mutter und Schwester‘, für Singstimme und Klavier, Dezember 1864“ und eine Fotografie des 20jährigen Nietzsche für seinen Freund Carl von Gersdorff 4 min
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Dass der Philosoph Friedrich Nietzsche auch komponiert hat, weiß kaum jemand. Die Weimarer Ausstellung "Nietzsche komponiert" im Goethe- und Schiller-Archiv zeigt, wie wichtig Nietzsches Musik für seine Philosphie war.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 14.02.2020 06:15Uhr 03:39 min

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So viel gleich vorab: Es gibt nur wenige Einspielungen von Friedrich Nietzsches Musik. Einige davon sind an einer Hörstation in der Ausstellung "Nietzsche komponiert" im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv zu bewundern. Dem Komponisten Nietzsche lag das Klavier am Herzen, 2- und 4-händige Stücke hat er komponiert.

Nietzsches Kompositionen und sein schriftstellerisches Werk hängen miteinander zusammen, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Evelyn Liepsch. Die Musikwissenschaftlerin hat vier Vitrinen bestückt und damit den Schaffensprozess des Philosophen – in dem Fall als Komponist – zugänglich gemacht.

Bei den in der Vitrine gezeigten Exponaten handelt es sich um Nietzsches Liederheft „‚Acht Lieder als Weihnachtsgabe an Mutter und Schwester‘, für Singstimme und Klavier, Dezember 1864“ und eine Fotografie des 20jährigen Nietzsche für seinen Freund Carl von Gersdorff
Dass Nietzsche auch komponiert hat, ist bisher vielen unbekannt. Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrthum, eine Strapatze, ein Exil.

Friedrich Nietzsche am 15. Januar 1888 an Heinrich Köselitz alias Peter Gast

Nietzsche, der musikalische Autodidakt

Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche1869 Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Nietzsche ist in einem Pfarrershaushalt aufgewachsen, erzählt Kuratorin Liepsch: "Er hörte den Vater am Klavier improvisieren. Das muss ihn tief beeindruckt haben, die Gabe muss er von ihm geerbt haben. Er hat selber leidenschaftlich improvisiert, wie die Freunde berichten." Zuhause wurden Beethoven, Mozart und Bachwurden gespielt. Später verkehrte er in Kreisen, zu denen auch Mendelssohn-Bartholdy sowie Clara und Robert Schumann gehörten, er pflegte – wenn auch nur partiell – eine kurze Freundschaft zu Richard Wagner.

Ein Komponist hat es ihm besonders angetan: Nietzsche war bekennender Beethoven-Fan: "Wenn Sie die frühen Werke von Nietzsche hören, dann hören sie auch manchmal den Beethoven durch – ziemlich deutlich", erklärt Kuratorin Liepsch. Nietzsche habe vor allem in seiner Schul- und Studienzeit komponiert. Das musikalische Handwerk habe er sich autodidaktisch angeeignet.

Musikalisches Schaffen von philosophischen Werken überschattet

Vorsichtig zieht Evelyn Liepsch die Filzmatten von den Glasscheiben der Vitrine zurück. Möglichst nur wenig Licht darf auf das kostbare Papier fallen: Es sind Notenblätter zu sehen, handschriftliche und gedruckte. Seine Papiere hat er manchmal mit Signets und Zeichnungen versehen, Schriften mit Widmungen dekoriert. Insgesamt sind 70 Kompositionen überliefert – 50 davon werden im Goethe-Schiller-Archiv aufbewahrt.

Noten
Kompositione von Friedrich Nietzsche: "Hymnus auf die Freundschaft. Vorspiel (Festzug der Freunde zum Tempel der Freundschaft)" von 1874 Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Schon 1976 hat der Schweizer Musiker Kurt-Paul Jans Nietzsches musikalischen Nachlass herausgeben. "Aber im allgemeinen Bewusstsein war das kompositorische Schaffen vollkommen von den Schriften des Philosophen überschattet", sagt Kuratorin Liepsch. Dabei hat der Künstler nicht ohne Musik leben können, wie er selbst oft betonte: "Vielleicht hat es nie einen Philosophen gegeben, der in dem Grade am Grund so sehr Musiker war, wie ich es bin", schreibt er1887 und 1888: "Das Leben ohne Musik ist einfach ein Irrthum, eine Strapatze, ein Exil. Vielleicht hat Nietzsche in der Musik sogar seinen eigenen Kosmos gefunden, um Gefühle auszudrücken.

Vielleicht hat es nie einen Philosophen gegeben, der in dem Grade am Grund so sehr Musiker war, wie ich es bin.

Friedrich Nietzsche am 20. Oktober 1887 an den Dirigenten Hermann Levi

"Wie existentiell die Beschäftigung mit der Musik für Nietzsche war, wird meines Erachtens immer etwas unterbelichtet", bedauert die Evelyn Liepsch. Genau das soll die kleine, feine Ausstellung im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv ändern.

Informationen zur Ausstellung: "Nietzsche komponiert. Notenmanuskripte aus dem Nachlass" Von 14. Februar bis 14. Juni 2020

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 8.30 bis 18 Uhr
Samstag bis Sonntag sowie an Feiertagen 11 bis 16 Uhr

Adresse:
Goethe- und Schiller-Archiv
Mittelsaal
Jenaer Straße 1
99425 Weimar

Der Eintritt ist frei

Konzert mit Nietzsche-Kompositionen:
3. April 2020, 20 Uhr
"Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können."
Axel Thielmann (Sprecher), Christoph Ritter (Klavier), Muhammed Kaltuk (Tanz), Heinke Hennig (Regie/Choreographie)
Neues Museum Weimar
Jorge-Semprùn-Platz 5
99425 Weimar
Tickets erhalten Sie über den Online-Ticketshop der Klassik Stiftung unter tickets.klassik-stiftung.de.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2020 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2020, 04:00 Uhr

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