Kritik Paul Wellers neues Album ist sein bestes seit 20 Jahren

Eine Reise durch die Karriere des 62-jährigen Paul Weller bedeutet eine Reise durch die britische Popmusik der letzten 45 Jahre, denn Weller war 15, als er die heute legendäre Band The Jam gründete. Später hatte er mit The Style Council große Hits wie "Shout to the Top". Sein neues Album "On Sunset" erinnert stellenweise an Bruce Springsteen – und ist sein bestes seit langem, findet unser Musikkritiker.

Paul Weller
Paul Weller Bildrechte: Universal Music/dpa

Das neue Paul-Weller-Album, so viel wird schon in den ersten Sekunden klar, ist großes Kino. Breitwand, Cinemascope, so als hätte Weller den Tod von Ennio Morricone vorausgesehen und sich beeilt, um sich schnell nochmal zu verneigen. Mit großem Orchester, Engels-Chor und Piano meint man, das britische Gegenstück zu Bruce Springsteens "Western Stars" zu hören.

Sogar in Intonation und Dramaturgie sind sich Weller und Springsteen hier absolut nah – aber nur für knapp zwei Minuten – dann nämlich fällt Weller in eine Art Disco-Groove, bis jemand scheinbar am Radio dreht, ein bisschen Kraftwerk-Elektro-Beat, Applaus und zurück auf Anfang.

Was ist das für ein eigenartiges und zugleich magisches Stück namens "Mirror Ball", bei dem sich einer dafür entscheidet, sich nicht entscheiden zu können? "Der Song hat beim Aufnehmen ein komplettes Eigenleben entwickelt", erzählt Weller, "mit diesem besonderen Mittelteil und so weiter – eigentlich sollte das Stück ein Bonustrack für mein akustisches Album 'True Meanings' werden , aber dann habe ich gedacht, der ist viel zu gut für einen Bonustrack, den hebe ich mir auf."

Sound, der an The Style Council erinnert

Paul Weller: "On Sunset"
Paul Weller hat auf "On Sunset" unzählige musikalische Ideen verarbeitet. Bildrechte: Polydor/Universal

Klar, so ein Stück verschwendet man nicht als Bonus-Song. Der zweite Song, "Baptiste", eine Art Gospel-Rock, schließt musikalisch direkt an "Mirror Ball" an, mit nervöser, flächiger Orgel von Mick Talbot – kein Wunder, dass das Stück stark an Wellers Northern-Soul-Phase mit The Style Council erinnert. "Ich wollte eine Art Baptisten-Beat", erklärt Weller. Der Song gehe zurück auf die Musik aus der Kirche der Schwarzen. Es sei faszinierend, wie stark beeinflusst man von dieser Musik sein könne, ohne Teil der Kultur zu sein.

Und so geht es weiter – "On Sunset" ist wohl das souligste Weller-Album seit langem, es kocht quasi über vor Zitaten und musikalischen Ideen. Man hört, was Weller gerne hört und wo er steht mit 62 Jahren – mitten in der Paul-Weller-Kirche, und dann sind die Staves auch noch bei einigen Stücken im Background dabei.

Mit Song Nummer vier wird es dann zum ersten Mal quasi balladesk: Weller verlässt – um im Bild zu bleiben – die Kirche und geht runter ins Dorf respektive in seine Nachbarschaft. "More", Song Nummer fünf, ist die Zäsur des Albums, gespickt mit Flöten und Bläsern – ein Stück, bei dem Weller Gil-Scott Heron und Curtis Mayfield trifft, um mit ihnen am Strand direkt in den Sonnenuntergang zu reiten, mit Meeresrauschen und ein wenig "My Sweet Lord".

Ich mag diese Art West-Coast-Soft-Flow-Music, so wie Lalo Schiffrin sie macht – diese cinematische und dramatische Orchestrierung.

Paul Weller

"On Sunset" ist bereits sein 15. Soloalbum

Spätestens jetzt weiß man schon, dass "On Sunset" das beste Paul-Weller-Album der letzten 20 Jahre ist. Und das ist nicht einfach – er hat ein paar verdammt gute gemacht.

Paul Weller, geboren 1958 in Woking, Surrey (England), ist eine lebende Legende. Zunächst hatte er mit seiner Band The Jam eine Art Mod-Punk gespielt und von 1972–1982 große Erfolge mit einem rauen, wilden Musikstil gefeiert, der im weitesten Sinne das Erbe von The Who angetreten hatte. 1982 wollte Weller, der immer schon vom klassischen Northern Soul fasziniert war, plötzlich Soul spielen, und er gründete mit Mick Talbot The Style Council, eine Vorreiterband für die neue Welle des sogenannten Northern oder Blue Eyed Soul.

Die Band hatte Riesenhits in England. Bis heute hat Weller Material von The Jam und The Style Council im Liveprogramm. 1992 kam dann sein erstes Soloalbum heraus, "On Sunset" ist sein inzwischen 15. Weller ist zurück auf seinem alten Label Polydor und endlich auch zurück beim Soul.

Sonnenuntergang als Sozialkritik

Besser als mit dem Titelsong wird es nicht mehr auf "On Sunset" – aber auch nicht schlechter. Es folgen noch vier weitere Songs, die alle spannend, überraschend und organisch sind. Weller bleibt im Neo-Gospel-Groove, um am Ende dann ein paar Raketen, Rockets, abzuschießen.

Im ältesten Song des Albums, den er fast vergessen hatte, zeigt Weller nochmal, wie großartig seine leicht kratzige Stimme immer noch ist, schwingt sich in Höhen, die man lange nicht von ihm gehört hat und landet, wen überrascht es, stimmungsvoll wieder bei Bruce Springsteens Western Stars mit ein bisschen David Bowie. Der Himmel voller Geigen und Raketen.

Sonnenuntergang als Sozialkritik – das kann sonst nur Billy Bragg, der einst in einem Lied darum bat, nicht den "Union Jack" zu hissen, weil der ihm den Sonnenuntergang versperrt. In Zeiten von Corona und Brexit ist Paul Weller nichts weniger als "last man standing".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juli 2020 | 07:40 Uhr