Stephen Greenblatt
Stephen Greenblatt ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur an der Harvard Universität. Sein Fokus liegt auf dem Werk von Shakespeare. Bildrechte: Rose Lincoln

Sachbuch "Der Tyrann" von Stephen Greenblatt Populismus und Fake News sind keine modernen Strategien

Nach seinem Buch über "Die Geschichte von Adam und Eva" zeigt der Harvard-Professor und Shakespeare-Experte Stephen Greenblatt in seinem neuen Buch "Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert", was wir heute aus Shakespeares Werken über Tyrannen lernen können. Das Buch enthält jedoch weniger Gegenwartskunde als der Titel verspricht.

von Marie-Kristin Landes

Stephen Greenblatt
Stephen Greenblatt ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur an der Harvard Universität. Sein Fokus liegt auf dem Werk von Shakespeare. Bildrechte: Rose Lincoln

Aus drohendem Unheil einen positiven Nutzen ziehen – Stephen Greenblatt hat das mit seinem jüngsten Buch "Der Tyrann – Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert" getan. Der Havard-Professor und renommierte Shakespeare Experte ließ sich, wie er in der Danksagung schreibt, durch seine "wachsende Sorge über den Ausgang einer bevorstehenden Wahl“ - der von Donald Trump zum US-Präsidenten – inspirieren.

Skrupellose Machtmenschen, Diktatoren, Tyrannen – abstoßend, angsteinflößend und faszinierend zugleich. William Shakespeare, Englands größter Dramatiker, haben sie sogar immer wieder inspiriert. Egal ob in Heinrich VI., Macbeth, Richard III. oder König Lear: Tyrannen lassen sich in jedem dieser Werke finden.

Greenblatt in "Der Tyrann"

Nach Greenblatt erkunden Shakespeares Dramen die psychischen Mechanismen, die eine ganze Nation dazu bewegen, ihre Ideale und sogar ihr Eigeninteresse aufzugeben. Wie kann es sein, so fragte er, dass jemand sich von einem Führer angezogen fühlt, der zum Regieren offensichtlich ungeeignet ist, der keine Selbstbeherrschung kennt, durch Hinterhältigkeit und Niedertracht brilliert oder sich nicht um die Wahrheit schert? Diese Fragen sucht der Autor durch akribische Analyse von Shakespeares Texten zu beantworten. Dabei macht Greenblatt im ersten Kapitel "Verborgene Perspektiven" deutlich, dass der Leser, um Shakespeares Tyrannenfiguren zu verstehen, nicht die gesellschaftlichen Umstände vergessen dürfe, in denen der Dramatiker gelebt habe. Meinungsfreiheit sei auch im eher gemäßigten elisabethanischen Zeitalter nicht möglich gewesen.

Keine offene Kritik an Trump, Putin oder Kim Jong-un

Wie in modernen totalitären Regimen entwickelten die Menschen Techniken der verschlüsselten Rede, mit denen sie mehr oder weniger indirekt über das sprechen konnten, was sie am meisten bewegte, so Greenblatt. Doch Shakespeares Vorliebe für die Verschiebung von Zeit und Ort sei nicht allein durch Vorsicht motiviert. Er scheine gespürt zu haben, dass er klarer über die Fragen nachdachte, die seine Welt bewegten, wenn er sie nicht direkt anginge, sondern eine verborgene Perspektive wählte.
Eine Technik, der sich Greenblatt bedient. Denn so viel vorweg: Offene Kritik an Egomanen und Machtmenschen unserer Zeit – wie Trump, Putin oder Kim Jong-un, ist in "Der Tyrann" nicht zu finden. Sie liest sich versteckt zwischen den Zeilen der insgesamt zehn Kapitel. In diesen beschreibt Greenblatt vor allem zwei Typen von Tyrannen: Rechtmäßige Herrscher, die Macht wahnsinnig werden lässt und Herrscher, die durch Intrigen, Lügen und Gewalt an Macht gekommen sind – wie in Richard III. Dabei arbeitet Greenblatt in einzelnen Kapiteln deutlich heraus: Kein Tyrann erlangt von allein Macht. Ermöglicher und Anstifter, wie Lady Macbeth - genauso wie kalkulierte Parteipolitik oder Populismus – wie in Heinrich VI. – ebnen ihnen den Weg.

Shakespeare kannte die Wirkung von Populismus

Populismus mag wie eine Annäherung an die Besitzlosen aussehen, ist aber in Wirklichkeit eine Form zynischer Ausbeutung, so Greenblatt. Der skrupellose Führer habe kein echtes Interesse daran, das Los der Armen zu verbessern. Von Geburt an von Reichtum umgeben, sei dieser an Luxus gewöhnt und finde am Leben der Unterschicht nichts Anziehendes. Aber er erkenne die Möglichkeit, sie für seine Ambitionen einzuspannen. Populismus – bereits Shakespeare kannte dessen Wirkung und baute ihn beispielsweise in Gestalt von Jack Cade in "Heinrich VI." ein: "Das ganze Reich soll Gemeingut werden … und Geld wird abgeschafft; alle solln fressen und saufen auf meine Kosten. -  Die Absurdität dieser Versprechen mindert nicht ihren Erfolg. Im Gegenteil: Cade verkündet offensichtliche Lügen über seine Herkunft, prahlt mit den großen Dingen, die er tun will, und die Menge nimmt alles begierig auf.“

Jack Cade sehnt sich zurück nach der Zeit, in der das englische Königreich groß war. Kommt uns das nicht bekannt vor? Parallelen, Seitenhiebe – insbesondere in Richtung Trump – lassen sich immer wieder in "Der Tyrann" finden. Doch was können wir daraus lernen?

Weniger Gegenwartskunde als versprochen

Greenblatt zeichnet zwar anhand von Shakespeares Werken das Wesen, den Aufstieg von Tyrannen deutlich nach. Doch liefert er selbst in seiner Coda, dem Schlusssatz, keine konkreten Antworten auf Tyrannei im 21. Jahrhundert, sondern nur einen Hinweis:

Stephen Greenblatt
Stephen Greenblatt Bildrechte: IMAGO

Er glaubte, die Lösung sei nicht das Attentat, ein verzweifelter Schritt, der in seinen Augen üblicherweise genau das heraufbeschwor, was er abwenden sollte. Zum Ende seiner Laufbahn war er vielmehr überzeugt, dass größere Hoffnung im schier unkalkulierbaren Verhalten der Menge lag, die sich weigerte, auf Befehl irgendeiner Person in Reih und Glied zu marschieren. Die unbegrenzte Zahl von Faktoren, die ständig im Spiel sind, macht es für einen Idealisten oder einen Tyrannen, einen Brutus oder einen Macbeth, unmöglich, den Gang der Ereignisse zu kontrollieren.

Stephen Greenblatt über Shakespeare

"Der Tyrann – Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert" ist ein Buch, dass weniger Gegenwartskunde enthält, als der Titel es verspricht. Dafür jedoch all zu deutlich zeigt, dass Intrigen, Populismus und Fake News keine modernen Strategien sind, sondern schon seit Jahrhunderten benutzt werden, um Macht zu erreichen.

Angaben zum Buch Stephen Greenblatt: "Der Tyrann. Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert"
Aus dem Englischen von Martin Richter
Siedler Verlag, München 2018
228 Seiten
ISBN: 978-3827501189

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2019, 13:05 Uhr

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