Neues Sachbuch Konsequent denken und lieben: Kate Kirkpatricks brillante Biografie über Simone de Beauvoir

"Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht", diesen Satz prägte Simone de Beauvoir. Sie gilt als Wegbereiterin des Feminismus. Böse Zungen ätzten, ihr Liebesleben sei das Interessanteste an ihr. Kate Kirkpatrick untersucht nun das Denken der französischen Intellektuellen, die offensichtlich mehr war als das Megafon der Ideen von
Jean-Paul Sartre. Für ihre Biografie mit dem Titel "Simone de Beauvoir – Ein modernes Leben" nutzte sie unveröffentlichte Tagebücher und Briefe und gelangte in ihrer gut lesbaren, brillanten Studie zu überraschenden Einsichten.

Bis heute reduzieren Sympathisantinnen und Sympathisanten Simone de Beauvoir gern auf ihr spektakuläres Buch "Das andere Geschlecht". Obwohl das Opus vor mehr als 70 Jahren erschien, gilt es nach wie vor als Bibel und Sternstunde der Feminismusbewegung. Genau mit dieser eindimensionalen Interpretation hat die Beauvoir-Expertin Kate Kirkpatrick ein ernstes Problem:

"Beauvoirs Autorität wurde von vielen Feministinnen ins Feld geführt, um ihre Forderungen zu rechtfertigen – ob sie nun damit einverstanden gewesen wäre oder nicht. Simone de Beauvoir wurde zu einer ikonischen Feministin und zu einem postfeministischen Konsumartikel: ein Markenzeichen ihrer selbst, eine in eine Marke verwandelte Person. Doch die Wahrnehmung von Marken ist bekanntermaßen wankelmütig. Während manche Feministinnen ihre scharfsinnige Analyse der Unterdrückung der Frauen zelebrierten, löste insbesondere Beauvoirs Kritik am Liebesideal Wut bei ihren Zeitgenossinnen aus, die sich rächten, indem sie sie herabsetzten und beschimpften."

Simone de Beauvoir wurde zu einem postfeministischen Konsumartikel, (...) eine in eine Marke verwandelte Person.

Kate Kirkpatrick

Brillante Analyse

Kate Kirkpatrick vermeidet es, im unvermindert um Beauvoir tobenden Streit Partei zu ergreifen. Sie bezieht eine neutrale Position und analysiert mit logischer Brillanz die abweichenden Urteile über die Intellektuelle. Das heißt keineswegs, dass sie ohne Engagement schreibt. Ihre Leidenschaft zielt allerdings nicht auf die Schlachten, die sich Beauvoir-Befürworter und deren Gegner liefern, sondern auf das Schaffen einer widersprüchlichen Frau, die den Diktator Mao Zedong verehrte und zugleich für Pazifismus plädierte. Von den Skandalen, die über Beauvoir aufgedeckt wurden, ließ sie sich dabei nicht beeinflussen:

"In den letzten Jahrzehnten ist eine Vielzahl von Enthüllungen über Beauvoir an die Öffentlichkeit gedrungen, zur Überraschung ihrer Leser, die sie zu kennen meinten. Ironischerweise haben aber auch sie Beauvoir als Denkerin in den Hintergrund gerückt, indem sie die Illusion aufrechterhielten, ihr Liebesleben sei das Interessanteste an ihr gewesen. Dabei war es letztendlich ihre Philosophie, die sie dazu brachte, ihr Leben, so, wie sie es führte, zu leben und immer wieder zu überdenken und neu zu bewerten. In ihren Worten:

Es gibt keine Trennung zwischen Philosophie und Leben. Jeder lebendige Schritt ist eine philosophische Entscheidung.

Simone de Beauvoir

Nur das Megafon Sartres? Von wegen

Böse Zungen behaupten, Beauvoir sei bloß das Megafon Sartres gewesen. Sie habe seine Ideen stets gebetsmühlenartig nachgeplappert und keine eigene geistige Leistung erbracht. Dass es sich in Wirklichkeit anders verhielt, untermauert Kate Kirkpatrick anhand von Dokumenten, zu denen frühere Beauvoir-Biografinnen wie Deirdre Baier, Christiane Zehl-Romero und Alice Schwarzer lediglich beschränkten Zugang hatten. Die Publikation solcher Quellen führte aber nicht nur zu positiven Konsequenzen, wie Kate Kirkpatrick unterstreicht:    

"Nachdem Beauvoir Sartres an sie gerichtete Briefe 1983 veröffentlichte, verlor sie einige Freundinnen, als Details der Beziehungen an die Öffentlichkeit drangen. Und als ihr Kriegstagebuch und ihre Briefe an Sartre nach ihrem Tod 1990 publiziert wurden, waren viele schockiert, dass sie nicht nur lesbische Beziehungen hatte, sondern dass die Frauen, mit denen sie sie hatte, ehemalige Studentinnen waren. Ihre Briefe an Sartre legten auch den philosophischen Charakter ihrer Freundschaft und ihren Einfluss auf sein Werk offen – aber darauf wurde selten eingegangen."

Zu den interessantesten Aspekten von Kate Kirkpatricks Porträt der französischen Philosophin gehört, dass eine Art geheime Beauvoir existierte, die sich geschickt vor ihren Anhängern tarnte. Ihren privaten Papieren vertraute sie Dinge an, die sich von den Äußerungen unterschieden, die sie offiziell tätigte.      

Gut lesbare Studie legt Unbekanntes offen

Beauvoirs Tagebücher aus ihrer Studienzeit – die die Entwicklung ihrer Philosophie vor ihrer Begegnung mit Sartre und ihre ersten Eindrücke von dieser Beziehung aufzeigen – legen offen, dass sich das Leben, das sie führte, stark von dem unterschied, worüber sie der Öffentlichkeit berichtete. Obwohl ihre Tagebücher 2008 auf Französisch erschienen, sind sie weder auf Deutsch noch auf Englisch zur Gänze erhältlich, weshalb diese Phase ihres Lebens außerhalb wissenschaftlicher Zirkel wenig bekannt ist.

Eines Tages im Jahr 1927 hatte Simone de Beauvoir eine Auseinandersetzung mit ihrem Vater über die Bedeutung der Liebe. In einer Zeit, in der Frauen in erster Linie Ehe und Mutterschaft anstreben sollten, las die neunzehnjährige Simone philosophische Werke und träumte davon, eine Philosophie zu entdecken, nach der sie leben konnte. Für ihren Vater bedeutete 'lieben' 'Dienstleistungen erbringen, Zuneigung, Dankbarkeit'. Sie war anderer Ansicht ...

Kate Kirkpatrick

Wer Beauvoir zu kennen glaubte, den belehrt Kate Kirkpatricks außerordentlich gut lesbare Studie eines Besseren. Die Forscherin vermochte zwar nicht alle Geheimnisse im Dasein der Denkerin zu lüften, aber genau darin steckt der Reiz ihrer Arbeit, denn die verbleibenden weißen Flecken sorgen für Denkanstöße.         

Kate Kirkpatrick: „Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben“ - Buchcover
Bildrechte: Piper Verlag

Angaben zum Buch Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir - Ein modernes Leben
Übersetzt von Erica Fischer, Christine Richter-Nilsson
Piper
528 Seiten
EAN 978-3-492-07033-1
25,00 €

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. August 2020 | 08:40 Uhr