Stephen Fry
Stephen Fry Bildrechte: imago/PA Images

Britischer Humor Stephen Fry erzählt griechische Göttersagen neu

Mythen kommen nicht aus der Mode: Ob Gustav Schwab, Franz Fühmann oder Michael Köhlmeier – immer wieder werden diese uralten Geschichten nacherzählt. Jetzt gibt es eine neue Stimme: Der britische Schauspieler und Autor Stephen Fry hat sich des Themas angenommen, natürlich auf seine eigene Art. Sein Buch "Mythos: Was uns die Götter heute sagen" besticht vor allem durch Komik und saloppe Sprache.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
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von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stephen Fry
Stephen Fry Bildrechte: imago/PA Images

Immer wieder lesen wir davon, dass HBO oder Netflix nach großen Stoffen suchen für Serien, die sich in aller Welt vermarkten lassen. Dabei ist besonders HBO schon Großartiges gelungen. Aber mal ganz ehrlich – die großen Stoffe sind doch längst schon da. Die Bibel etwa oder eben die Mythen der alten Griechen. "Mythos. Was uns die Götter heute sagen", ist das nicht die Mutter aller Serien? Davon ließen sich prima Spin-Offs und Sequels machen, egal ob man sich dafür bei Shakespeare, James Joyce, Goethe oder Walt Disney bedient. Die griechischen Mythen haben die Weltliteratur inspiriert.

Der britische Schauspieler und Autor Stephen Fry hat selbst schon große Erzähler gespielt wie Oscar Wilde oder Geschichte selbst neu erzählt wie in seinem wunderbaren Roman "Geschichte machen". Nun hat Stephen Fry, den man sich selbst als griechischen Gott Dionysos vorstellen kann, die griechischen Göttersagen neu erzählt.

Aus: Stephen Fry – "Mythos. Was uns die Götter heute sagen", S. 11 Als ich noch ein kleiner Junge war, hatte ich das Glück, dass mir das Buch "Tales from Ancient Greece" in die Hände fiel. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sosehr ich von da ab auch die Mythen und Legenden anderer Kulturen und Völker schätzte, waren es doch diese Geschichten aus Griechenland, die mich elektrisierten.

Ihr Humor, ihre Energie, ganz besonders ihre Leidenschaft und die glaubhaften Elemente ihrer Welt, haben mich von Anfang an gefesselt. Ich hoffe, Ihnen wird es auch so gehen.

Vielleicht kennen Sie schon einige der hier erzählten Mythen, aber ich heiße besonders diejenigen willkommen, denen das Personal und die Geschichten der griechischen Mythologie fremd sind. Um dieses Buch zu lesen, benötigen Sie kein Vorwissen, es beginnt mit einem leeren Universum.

Und ganz gewiss brauchen Sie keine "klassische Bildung", kein Wissen über den Unterschied zwischen Nektar und Nymphen, Satyrn und Zentauren oder die Parzen und die Furien. Es gibt absolut nichts Akademisches oder Intellektuelles in der griechischen Mythologie; sie macht süchtig, ist unterhaltsam, zugänglich und erstaunlich menschlich.

Mythologie für alle als bildende Unterhaltung und als höchster Genuss

Dabei ist sich Fry natürlich bewusst, dass er auf der Schulter von Giganten steht, und er hat diese Giganten durchaus gelesen. Worum es ihm vordergründig und zentral geht, ist, zu illustrieren, dass alles Erzählen, wie wir es heute kennen, ja alle Literatur immer direkt oder indirekt mit Mythologie zu tun hat.

Aus: Stephen Fry – "Mythos. Was uns die Götter heute sagen", S. 12 Doch wann immer wir eine Geschichte erzählen, müssen wir den weltumspannenden Erzählfaden an irgendeiner Stelle kappen, um einen Ausgangspunkt festzusetzen. Die griechische Mythologie eignet sich gut dafür, denn sie hat mit einer Vielfalt und Reichhaltigkeit, einer Lebendigkeit und Farbe überlebt, die sie von anderen Mythologien unterscheidet.

Sie wurde von den allerersten Dichtern festgehalten und bewahrt und ist fast seit den Anfängen der Schrift in einer ununterbrochenen Linie bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Obwohl die griechischen Mythen mit den Mythen der Chinesen, Iraner, Inder, Maya, Afrikaner, Russen, mit den Ureinwohnern Amerikas, den Hebräern und den Nordvölkern viel gemeinsam haben, sind sie ausnahmslos – wie die Schriftstellerin und Mythologin Edith Hamilton schrieb – 'die Schöpfung großer Dichter'. Die Griechen waren das erste Volk, das aus seinen Göttern, Monstern und Helden stimmige Erzählungen gemacht hat, Literatur sogar.

Buchcover - Stephen Fry: Mythos
Buchcover Bildrechte: Aufbau Verlag

Was ist nun so neu, was erzählt uns Stephen Fry, was uns Gustav Schwab, Franz Fühmann oder Michael Köhlmeier noch nicht erzählt haben? Nichts. Fry hält sich an die Mythen, beginnt mit dem Chaos, beschreibt die erste und zweite Generation mit ihren Schaumgeburten und der Wiedergeburt des Feuers, widmet sich dem Kampf der Titanen, um schließlich zur dritten Generation zu kommen. Zu der gehört bekannterweise Athene, die aus dem Kopf von Zeus entsprang, dieser wurde gespalten, nachdem Zeus unter nicht aushaltbaren Kopfschmerzen gelitten hatte. Und hier kommt ein typischer Stephen Fry - das Kapitel heißt: "Die Mutter aller Migränen".

Aus: Stephen Fry – "Mythos. Was uns die Götter heute sagen", S. 101 Mit einem etwas unangenehmen Schmatzen schloss sich die Wunde in Zeus' Schädel und verheilte. Es war allen Anwesenden sofort bewusst, dass diese neue Göttin mit einer Machtfülle und Persönlichkeit ausgestattet war, die sie über alle Unsterblichen erhob. Sogar Hera, der klar wurde, dass der Neuankömmling nur das Ergebnis einer außerehelichen Affäre sein konnte, die sich dieser Tage abgespielt hatte, war kurz versucht, einen Knicks zu machen.

Zeus nahm die Tochter, die ihm so viel Schmerzen bereitet hatte, in Augenschein und lächelte sie warmherzig an. Ein Name kam ihm in den Sinn, und er sprach ihn aus. "Athene!" "Vater!", sagte sie und lächelte ebenfalls.

Oder wenn es um die Schöpfung der Menschheit geht, da sind wir dann schon im Kapitel "Die Spielzeuge des Zeus, Teil 1" bei einem der bekanntesten Protagonisten:

Aus: Stephen Fry – "Mythos. Was uns die Götter heute sagen", S. 135 "Oh, Prometheus, du hast keine Ahnung, wie schrecklich langweilig es ist, ein Gott in einer komplett fertiggestellten Welt zu sein."
...
"Angenommen", sagte Zeus, "nur mal angenommen, ich würde eine neue Rasse erschaffen, eine neue Gattung von Lebewesen, so wie wir, aufrecht, auf zwei Beinen"
...
"Genau darum geht es, eine intelligente Spezies zu haben, nun ja, halbintelligent, die uns anbetet und lobpreist, die uns amüsiert und mit der wir spielen können. Eine unterwürfige Gattung von Miniaturen."

Also: Stephen Fry hat den Olymp nicht neu erfunden, aber modern erzählt, so dass es Spaß macht in der Übersetzung von Matthias Frings entweder erstmals oder nochmal die ganze Reise durch die griechische Mythologie zu unternehmen oder eben die persönlichen Lieblingssagen in neuer Handschrift wiederzuentdecken. Vorausgesetzt man mag es, dass "Zeus durch die Gegend tigert", sprich: einen die mitunter sehr saloppe Sprache nicht stört.

Informationen zum Buch Stephen Fry: "Mythos: Was uns die Götter heute sagen"

aus dem Englischen von Matthias Frings
Erschienen im Aufbau Verlag
450 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-351-03731-4

Das Hörbuch dazu ist bei Aufbau Audio erschienen. Es wird von Hans Jürgen Stockerl gesprochen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. November 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 04:00 Uhr