Berliner Theatertreffen Rezension zu "Süßer Vogel Jugend": Zerplatzte Träume im Leipziger Schauspielhaus

Claudia Bauers Inszenierung "Süßer Vogel Jugend" wird im Mai beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein. Das Drama von Tennessee Williams, das von zerplatzten Träumen und daraus resultierenden Lebenslügen handelt, war am Freitag im Schauspiel Leipzig als Wiederaufnahme zu sehen. Eine Theaterkritik.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Schauspieler in einer Szene des Stückes Süßer Vogel Jugend auf der Bühne.
In "Süßer Vogel Jugend" sind die Träume groß, aber ebenso das Scheitern. Bildrechte: Rolf Arnold

Die 20er-Jahre des neuen Jahrtausends waren ein Erfolg. Mit drei eigenproduzierten Stücken war Leipzig zum Theatertreffen eingeladen. Den Auftakt machte Sebastian Hartmann ("Krieg und Frieden"); es folgte zweimal Claudia Bauer ("89/90" und "Süßer Vogel Jugend"). Da stimmt nicht nur die Frauenquote, sondern offenkundig auch das ganze Hinterland einer Theaterproduktion, wenn es gilt, Ideen der Regisseure, Kostüm- und Bühnenbildner umzusetzen.

Rassismus in der amerikanischen Provinz

Ideen hatte auch der junge Wayne; Vorname Chance. Und dann keine Chance. Wollte eigentlich Schauspieler werden, aber brachte es nur bis zum Gigolo eines abgehalfterten Filmstars, mit der er zurück in seine Heimat flieht. Es ist Ostersonntag. Zeit für die Auferstehung. Hier den Untergang. In St. Cloud, Mississippi. Kleinstadt in der Provinz. Sowas wie Freital, Bautzen oder Zwickau. Dieses Provinznest ist auch die Heimat von Boss Tom Finley. Typ Lokalpolitiker. Er sei mit 15, barfuß, von den roten Bergen hinabgestiegen, um eine heilige Mission zu erfüllen: Er will das Blut der weißen Rasse vor Verunreinigung schützen.

Dieser Satz ist für Claudia Bauer ein Leitmotiv. Michael Pempelforth spricht ihn mehrfach in eine Kamera, die ihr Bild auf eine weiße Stoffkugel projiziert, vielleicht zwei Meter im Durchmesser, die über der Bühne hängt. Pempelforths Gesicht kommt uns, dem Publikum, dabei unangenehm nah. Soll es wohl auch: Cowboyhut, Krawatte über Bierbauch, die Anzughose in Springerstiefeln. Ein Charakter, wie er in Charlottesville demonstriert haben könnte. Im August 2017, als ein 20-Jähriger, der zuvor in einer Neonazi-Gruppe marschiert war, mit seinem Dodge in eine Gegendemo fuhr. Es gab eine Tote und mehrere Verletzte. Der Fahrer sei in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, heißt es.

Filterblasen und Irrwege

Szene aus "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig
Andere sind hier nur Mittel zum Zweck. Bildrechte: Schauspiel Leipzig / Foto: Rolf Arnold

Die weiße Stoffkugel könnte übrigens auch eine Blase sein, in der sich Boss Tom Finley, der Lokalpolitiker, befindet. Am Anfang sehen wir fünf solcher Blasen über der Bühne schweben. In jeder ein anderer Kopf. Oder es sind fünf Planeten, die in einem Universum kreisen? – Unten dreht sich die Bühne. Kreist um sich selbst. Ohne schönes Bühnenbild, ohne Illusion. Nur ein paar Gartenstühle aus Plastik. Vor den Stühlen Kameras. Alle sitzen einsam herum. Sprechen in die Kamera. Bewegen sich oben in der eigenen Blase. Nur einer ist anders. Sitzt am Klavier mit einer Maske, wie sie Mexikaner zum Tag der Toten tragen. Er spielt "I want to be forever young". Was ziemlich falsch klingt. Ansonsten hört man immer wieder eisigen Wind, in diesem dunklen Raum, der sich dreht, und nichts an Orientierung bietet. Die Menschen treten hier auf und ab. Hinter der Drehbühne öffnet sich der Horizont – aber da sind nur zwei Schminktische zu sehen. Auch hinter den Kulissen also keine Neue Welt, sondern nur eine, die auf die hier vorne vorbereitet. Erst am Ende, als Arbeitslicht Bühne und Zuschauerraum aufhellt, erkennt man den wirklichen Raum. Das Universum ist nur ein riesiges Stück schwarze Misthaufenfolie. Also ziemlich genau das, was die Protagonisten vorher schon ansprechen, aber nicht wahrhaben wollen: ein "Irrgarten voller Kannibalen und Bestien".

Hoffnung auf eine bessere Welt

Es gibt aber auch die schönen Momente. Vor der Drehbühne. Vorne an der Rampe. Da steht die Welt für einen Moment still. Die abgehalfterte Schauspielerin, die Prinzessin Kosmonopolis genannt wird, erfährt dort, dass ihr letzter Film wider Erwarten doch ein Erfolg war. Ein Lichtblick für sie. Im wahrsten Wortsinn. Auch die Jugendliebe von Chance, Heavenly Finley, sonnt sich hier im Licht dieses einzelnen Scheinwerfers vorne rechts an der Rampe. Das berührt sehr. Anita Vulesica und Julia Preuß spielen beide grandios: diese Hoffnung auf eine bessere Welt. Wo "man sein Herz empfinden kann", das man vorher "abgestorben" glaubte.

Szene aus "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig
Miteinander, das gibt es in "Süßer Vogel Jugend" höchstens in der Erinnerung. Bildrechte: Schauspiel Leipzig / Foto: Rolf Arnold

Heavenly Finley, die Tochter von Boss Tom, war übrigens immer wieder mit Chance zusammen. Sein Fixstern im hässlichen Universum sozusagen. Einmal hat er sie angesteckt. Mit einer Krankheit, die er sich bei der Arbeit als Gigolo geholt hat. Der Versuch, in der Welt was zu werden, endet also damit, dass die Welt tragischerweise das Zuhause zerstört. Boss Tom Finley, der Vater, will sich an Chance rächen; will ihn kastrieren, wenn er nicht wieder aus St. Cloud verschwindet. Chance hat seine Chance auf Liebe und Glück, auf alles, was lebenswert ist, verspielt. Claudia Bauer zeigt diesen Schluss in geänderter Form. Chance betritt einen Saloon, der als große Fassade auf die Bühne geschoben wird. "Look at me" heißt der Saloon und wird ihn einschließen. Erkenne Dich also selbst. Black. Ende. Für immer?

Theaterarbeit mit großartigem Team

Claudia Bauer und Ausstatter Andreas Auerbach – manchmal, wie hier, auch Kostümbildnerin Vanessa Rust – sind ein großartiges Team. So sprechende, gut gebaute Bilder, die die heutige Zeit durchscheinen lassen, sind große Theaterkunst. Das war bei "89/90" auch schon so. Und bei "König Ubu/Ubus Prozess". In "Süßer Vogel Jugend" lässt Bauer dem Text von Tennessee Williams zudem viel Raum. Der ist ja auch klug und präzise. Und sie findet einen guten Rhythmus für die zweistündige Inszenierung. Die Schauspieler agieren konzentriert und sicher und zeigen, wie Michael Pempelforth und Roman Kanonik, neue Farben. Anita Vulesica, die zwei Jahre unter Intendant Hartmann im Ensemble war, ragt als Hauptrolle heraus. Als nächstes inszeniert Claudia Bauer "Meister und Margarita". Premiere am Schauspiel Leipzig ist am 7. März.

Informationen zur Inszenierung "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig von Tennessee Williams
Deutsch von Nina Adler

Aufführungen:
23. Februar 2020, 19:30 Uhr
14. März 2020, 19:30 Uhr

Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musik: Roman Kanonik
Video: Kai Schadeberg
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess

Besetzung:
Florian Steffens als Chance Wayne
Anita Vulesica als Prinzessin Kosmonopolis (Alexandra del Lago)
Michael Pempelforth als Boss Tom Finley
Roman Kanonik als Tom Junior
Julia Preuß als Heavenly Finley
Annett Sawallisch als Tante Nonnie
Christin Nichols als Miss Lucy
Andreas Dyszewski als Der Störer, Fly, Charles
Thomas Braungardt als George Scudder
Brian Völkner als Stuff

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Januar 2020 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2020, 13:41 Uhr

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