Album-Empfehlung Sofia Portanet – zwischen Pop-Vergangenheit und Retro-Moderne

Sie wird in diversen Medien gerade als "Next International German Popstar" gehypt: die in Berlin lebende Sängerin Sofia Portanet, die mit ihrer Band den New-Wave-Sound der Achtziger für die Generation Z quasi neu erfindet. Gerade ist ihr Debütalbum "Freier Geist" erschienen. Unser Musikkritiker über die weibliche Stimme der Stunde, eine Künstlerin zwischen Pop-Vergangenheit und Retro-Moderne.

Sofia Portanet
Hat das Zeug zu Deutschlands neuem Indie-Superstar: Sofia Portanet Bildrechte: Lucio Aru und Franco Erre

Herzförmiges Gesicht, blutrot geschminkte Lippen, die großen, mit rotem Lidschatten bewölbten Augen direkt auf den Betrachter gerichtet, mit einem halb fragenden, halb bohrenden Blick. So präsentiert sich Sofia Portanet, 30, auf dem Cover ihres Debütalbums, und natürlich ist jedes Foto auch ein Narrativ. Dieses Narrativ könnte heißen: forschend, offensiv, herausfordernd. Oder auch so wie der Albumtitel: "Freier Geist".

Das Zeug zum Indie-Superstar

Portanet, als Tochter einer Deutschen und eines Spaniers in Paris aufgewachsen und stimmlich an der dortigen Oper geschult, ist gerade selbst Hauptattraktion eines Narrativs, das sich in etwa so umschreiben ließe: Deutschland sucht den Indie-Superstar. Und fraglos hat Portanet, die den Markt gleich international dreisprachig – auf Deutsch, Englisch und Französisch – anvisiert, das Zeug dazu.

Sofia Portanet 4 min
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Sie wird in diversen Medien gerade als "Next International German Popstar" gehypt: die in Berlin lebende Sängerin Sofia Portanet. Sky Nonhoff stellt das beeindruckende Debut bei MDR KULTUR vor.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 10.07.2020 06:00Uhr 04:03 min

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Songs wie "Wanderratte", "Planet Mars" oder "Free Spirit" haben Drive, Melodiewillen, Energie, Tanzbarkeit – mit dem kleinen Unterschied, dass man all das schon in den längst verdämmerten Achtzigern gehört zu haben meint. Was Sofia Portanet komplett anders sieht: "Ich finde nicht, dass meine Musik retro ist, und meine Herangehensweise an die Musik ist auch definitiv keine Hommage an die New Wave- oder die NDW-Zeit. Dass da das eine oder andere daran erinnern mag, das mag sein, aber diese Musik dockt definitiv an die heutige Zeit an. Sie ist neu, modern und wurde von dem, was ich kenne, auf diese Art und Weise noch nicht gemacht, und da ist es auch normal, dass Menschen sich erst mal an Älterem orientieren, damit sie es überhaupt einordnen können."

New-Wave- und Neue-Deutsche-Welle-Einflüsse

Auch das ein Narrativ und ein schwer cooler Stunt zugleich: sich die Deutungshoheit über die eigene Musik zu sichern, einen Sound kurzerhand als neu zu definieren für sich selbst und eine Generation, die zum wahren Entstehungszeitpunkt dieser Musik noch gar nicht geboren war. Tatsächlich verquickt Sofia Portanet unverkennbar und sofort identifizierbar New-Wave- und Neue-Deutsche-Welle-Einflüsse von Nina Hagen über Ideal und Talking Heads bis hin zu Nico und Lene Lovich. Portanets Song "Art Deco" klingt original wie Siouxsie & The Banshees anno 1981.

Sofia Portanet 27 min
Bildrechte: dpa

Sehnsüchtig wurde das Debütalbum der Berliner Künstlerin Sofia Portanet erwartet, lange wurde sie als Geheimtipp gehandelt. Was dran ist, können Sie in unserer Studiosession und im Gespräch mit ihr herausfinden.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 11.07.2020 16:00Uhr 26:41 min

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Und da steht er, im Kleingedruckten wie auf der Bühne mit Gitarre neben Sofia Portanet: ein gewisser Steffen Kahles, für Eingeweihte alles andere als ein Unbekannter – Multiinstrumentalist und Filmkomponist, schon ein wenig grauer geworden und deutlich erkennbar Ohrenzeuge jener historischen Eighties, deren Sound er jetzt mit seiner musikalischen Partnerin gekonnt retrofuturistisch nachbaut.

Nur argwöhnische Zungen würden vielleicht nachhaken, ob das Narrativ ihres Albums sich womöglich aus dem Geist der postmodernen Selbstbedienung speist. "Freier Geist" hat Chuzpe, Charisma und Klasse, aber eine kleine identitäre Frage muss sich Sofia Portanet schlussendlich vielleicht doch gefallen lassen: Wer sie ist – und wenn ja, wie viele?

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juli 2020 | 16:05 Uhr