Vor einem Orchester in Anzügen stehen mehrere Personen in blauen Kleidern und Anzügen auf einer Bühne
Mit dem Operetten-Workshop hat die Musikalische Komödie ihr Leipziger Publikum im neuen Jahr begrüßt. Bildrechte: Ida Zenna

Der Kopf hinter der Goldenen Operetten-Ära Operetten-Workshop in Leipzig: Lernen loszulassen

09. Januar 2024, 09:40 Uhr

Das neue Jahr beginnt an der Musikalischen Komödie bereits zum 20. Mal mit neuen Talenten: Drei Studierende im Fach Dirigat haben in wenigen Tagen unter professioneller Anleitung das Programm des Neujahrskonzert einstudiert. Aus Anlass des 150-jährigen Jubiläums von Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus" stand Richard Genée im Zentrum. Als Textdichter hat er einige der größten Erfolge der Wiener Operette mitgestaltet. Doch er hat auch selbst komponiert: Stücke, die die Liebe zur Musik feiern.

Auch eine Stunde vor Beginn des Abschlusskonzerts des Operettenworkshops 2024 wird an der Musikalischen Komödie in Leipzig noch geprobt. Eine Sängerin ist überraschend ausgefallen und die Ersatz-Sopranistin musste noch mit dem Programm vertraut gemacht werden. Von so etwas dürfe man sich aber nicht aus der Ruhe bringen lassen, meint der junge Dirigent Mauricio Sotelo-Romero: "Man könnte sich vorstellen, dass man zwei, drei Stunden vorher mit der Meditation beginnt, um wirklich in der Musik zu sein. In der Realität ist das leider selten so."

Operette im Moment spüren

"Das Wichtige bei dem Konzert ist, dass man das alles vergisst, außerhalb der Bühne lässt und auf der Bühne wirklich nur Musik macht." Man müsse in jeder Sekunde hochkonzentriert sein, meint der Student der Weimarer Musikhochschule "Franz Liszt". Auch für seinen Kommilitonen Seonggeun Kim ist es wichtig, im Moment zu sein und spontan reagieren zu können: "Wir müssen bereit sein, auf alle Kleinigkeiten – manchmal ist es ein Unfall, manchmal entsteht etwas noch schöneres – zu reagieren. Das ist das Schöne am Theater: Jede Vorstellung ist anders."

Diese Bereitschaft, sich auf etwas Neues oder Unerwartetes einzulassen, wird auch vom Ensemble wahrgenommen. "Was mir immer noch auffällt bei den Jungen, die sind wie Computer", begeistert sich Adam Sanchez. "Die sind so schnell im Kopf." Er ist auch fasziniert, wie professionell die jungen Talente sind. "Da fehlen eigentlich nur noch Erfahrungswerte, aber Ausbildung und Können: sehr professionell."

Diese Schnelligkeit und Spontanität macht die Arbeit mit der Operette jedoch nicht nur leichter, sondern überhaupt erst möglich. "Operette ist eine komplizierte Form, wegen der Rubati und der Texte, die die Sänger auf eigene Weise dem Publikum präsentieren wollen." Am Pult muss man also auf den Moment reagieren. Dabei steht die Stimmung im Zentrum: "Operette bedeutet Humor, Witz und Spaß", glaubt Seonggeun Kim. "Auch wenn wir nicht immer perfekt zusammen sind, ist es gut, wenn der Witz beim Publikum ankommt."

Ein Mann im Anzug steht vor einem Orchester und gestikuliert mit der linken Hand.
Spontanität ist für den jungen Dirigenten Seonggeun Kim für die Arbeit am Pult besonders wichtig. Bildrechte: Ida Zenna

Musikalische Komödie in Leipzig feiert vergessenes Genie

Das Abschlusskonzert beginnt mit einer der Stärken der Goldenen Ära, der Winer Operette: mit ein wenig Walzerrhythmen. Die Overtüre zu "Eine Nacht in Venedig" von Johann Strauss wird dirigiert von Subin Kim. Sie ist locker in den Knien, tänzelt fast auf dem Podest. Ihre Arme schnellen immer wieder nach oben und scheinen die Walzerenergie an das Orchester weiterzugeben. "Es war eine Herausforderungen, dass wir bekannte und ganz unbekannte in kurzer Zeit einstudieren mussten", erzählt Kim. Es gibt Highlights aus Stücken wie "Eine Nacht in Venedig" und "Der Bettelstudent" von Carl Millöcker. Daneben stehen auf dem Programm auch Werke von dem Mann, der diese Operettenlieblinge getextet hat: dem Dichter und Komponisten Richard Genee.

Unter anderem wird der ganze Einakter "Der Musikhasser" konzertant gespielt. Darin versucht Ida gemeinsam mit ihrem Geliebten, dem Komponisten Albert Moll, Idas Onkel wieder an seine Liebe zur Musik zu erinnern. Durch einen Kollegen wurde der Leipziger Dirigent und Workshop-Leiter Tobias Engeli auf das Stück aufmerksam und war begeistert. "Genée war Theatermann und das merkt man auch in seiner Musik", erklärt Engeli. "Man hat die Szene sofort im Kopf. Man muss die Musik aber auch so gebrauchen." So hat es auch Subin Kim erlebt. Sie ist zwar nicht begeistert von Genées Instrumentation, "aber er komponiert sehr gut zum Text. Die Textbeschreibung ist sehr detailreich mit der Orchestermelodie."

Ein Mann in rötlichen Hemd streckt seinen linken Arm zur Seite und zeigt mit dem Taktstoch in der rechten in die gleiche Richtung.
Tobias Engeli teilt seine Erfahrung jedes Jahr mit jungen "Pult-Talenten". Bildrechte: Peter Awtukowitsch

Operette gemeinsam wiederentdecken

"Die größte Herausforderung beim 'Musikfeind' war nicht die Musik selbst, sondern das Notenmaterial", erzählt Seongfeun Kim. Denn dieses kurze Stück wurde fast vergessen und so gab es nicht einmal eine vernünftige Partitur und Kim musste mit einem Klavierauszug arbeiten.

Hinzu kommt, dass eigentlich niemand im Haus dieses Stück kennt. Deswegen ist es auch etwas umständlicher, solche Werke zu erarbeiten, meint Mauricio Sotelo-Romero. Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters arbeiten zwar zu Hause an ihren Stimmen. Aber wie es klingt, erfahren sie bei der ersten Probe. "Die Stücke, die das Orchester kannte, liefen sofort und man konnte gleich Musik machen. Beim 'Musikfeind' war das anders. Wir mussten als Dirigenten überlegen, was wir damit machen." Es fehlte also eine Tradition, auf der man bauen konnte, aber das bedeutet auch, dass die drei selbst an der Tradition mitarbeiten können, die Interpretationsgeschichte mit jeder Aufführung geschrieben wird.

Blick von oben auf einen Mann mit lockigen Haaren vor einem Orchester.
Mauricio Sotelo-Romero hat am DNT Weimar auch die verspätete Uraufführung von Raffs "Samson" begleitet. Bildrechte: Ida Zenna

Zusammenarbeit am Theater

Deswegen war die Zusammenarbeit mit dem Orchester und dem Ensemble des Musikalischen Komödie in Leipzig noch wichtiger. Die Studierenden mussten das Orchester aber erstmal kennenlernen, sich sympathisch machen und eine gemeinsame Basis finden. "Diese menschliche Arbeit ist das Schwierigste am Dirigieren, aber auch das Schönste", meint Mauricio Sotelo-Romero. Vielleicht wird man nicht mit jedem Individuum warm, aber die gemeinsame Arbeit ist gelungen, meint Seongeun Kim: "Sie sind sehr flexibel und sie haben sehr geholfen, bei den Sachen, worauf man beim Dirigieren nicht so gut achten konnte."

Der Ensemble-Gedanke ist auch für den Sänger Adam Sanchez von großer Bedeutung. In den Proben wollte er zeigen, "dass Sänger nicht immer alles wiederholen können". Er betont das Wort Nachhaltigkeit und meint, dass man auch am Pult Rücksicht auf die Gesangsstimme und die Menschen nehmen müsse.

Das habe man auch bei dem Krankheitsfall gesehen, so der Tenor. Dass eine Sängerin kurzfristig ausgefallen ist, sorgte vor dem Konzert für einigen Stress. Doch es war vielleicht auch eine bemerkenswerte Erfahrung, meint der Workshop-Leiter Tobias Engeli: "Das kann man nicht künstlich lernen. Und weil es gut funktioniert hat, können sie es als positive Erinnerung mitnehmen."

Locker lassen am Pult

Am Ende wird der Musikfeind mit der Melodie eines Volksliedes geheilt. Die Botschaft: Die Einfachheit ist nicht zu unterschätzen. Das hat auch im Kurs eine Rolle gespielt, berichtet Tobias Engeli. "Alle drei hatten so ein Aha-Erlebnis. Nämlich, dass es funktioniert , wenn ich das ganz simpel dirigiere. Ich kann ja ein Rubato oder einen Wiener Walzer dem Orchester entlocken, wenn ich ganz klare, einfache Bewegungen mache." Man müsse den Walzer einfach wollen, um ihn anzuleiten, meint Tobias Engeli.

Genau dieses Erlebnis hatte Subin Kim beim Konzert: "Am ersten Tag habe ich alle Einsätze gegeben und es ging nicht gut. Und heute habe ich das Orchester einfach spielen lassen", sagt sie mit einer lässigen Handbewegung. Wichtig sei das Vertrauen in das Orchester. Vor allem bei Einlagen wie zum Schluss des Konzertes: Subin Kim schlägt gekonnt den Takt. Doch dann kommt Seongeun Kim und drängelt sie mit viel Mühe vom Podest. Das Orchester spielt unbeirrt weiter bis der Nächste übernimmt.

Eine Frau steht vor einem Orchester und schwingt wild den Taktstock über dem Kopf.
Am Ende des Konzertes wurde Subin Kim mit dem Publikumspreis der LVZ ausgezeichnet. Bildrechte: Ida Zenna

Für die Zukunft im Theater

Die jungen Dirigenten hatten bisher kaum Berührungspunkte mit der Operette. Mauricio Sotelo-Romero hat in seiner Jungend gelegentlich eine Zarzuela besucht – Musiktheater aus Spanien, das ebenso mit Dialogen und Schlager- und Liedmelodien spielt. Seonggeun Kim und Subin Kim haben im Rahmen ihres Studiums "Die Fledermaus" von Johann Strauß dirigiert. Die intensive Arbeit an den unbekannten Nummern hat ihnen gezeigt, wie spannend das Genre sein kann.

Ausgewählt haben sie den Kurs vor allem, um das Theater kennen zu lernen. Dabei ist es für sie viel interessanter geworden. Mauricio Sotelo Romero zum Beispiel liebt das Musiktheater und betrachtet die Operette als eine der wichtigsten Übungen: "Es bringt viel, Operette dirigieren zu können, weil es so flexibel, so plastisch ist. Und diese Plastizität sollte man auch bei Wagner haben." Seonggeun Kim hat zwar noch keine Pläne für Wagners Musikdramen, aber für ihn scheint die Arbeit an dem "Musikfeind" noch nicht abgeschlossen zu sein. So hat der Kurs auch Richard Genée zu neuer Popularität verholfen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 08. Januar 2024 | 09:10 Uhr

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