Messmethoden für Fernsehnutzung Wie die Einschaltquote ermittelt wird

Ob ein Tag für die Führungskräfte des deutschen Fernsehens ein guter Tag wird, darauf haben rund 5.000 Haushalte großen Einfluss. Denn in diesen repräsentativen Haushalten wird die TV-Quote ermittelt, die den TV-Hierarchen jeden Morgen das Herz höher schlagen oder in die Hose rutschen lässt.

Ein Mann vermisst einen Fernseher mit einem Maßband.
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Es handle sich um "ein verkleinertes Abbild aller Privathaushalte mit mindestens einem Fernsehgerät in Deutschland", sagt die für die Ermittlung der Daten verantwortliche AGF Videoforschung GmbH, an der ARD und ZDF und acht privatwirtschaftliche Sender beziehungsweise Konzerne beteiligt sind. Gemessen wird allerdings nur in deutschsprachigen Haushalten.

TV per Tablet oder Smartphone wird noch nicht erfasst

Zwei stilisierte Menschen auf gelben Grund. Eine Figur hat ein Headset auf und telefoniert darüber mit der zweiten Figur. Die Figur mit Headset befragt die Figur mit dem Telefon zu ihren Hörtgewohnheiten im Radio. Auf der Grafik steht der Titel des Videos: Reichweite - So messen die Medien. 2 min
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Alle Medienarten wollen wissen, wie sie genutzt werden. Doch bei den Methoden, mit denen die mediale Reichweite gemessen wird, gibt es große Unterschiede.

Do 01.04.2021 08:00Uhr 01:37 min

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Die von der AGF installierten Geräte messen auch, wie diese Haushalte die nicht-linearen Angebote der Gesellschafter nutzen, also etwa die Mediatheken von ARD und ZDF und das Streaming-Angebot Joyn (ProSiebenSat.1). Seit Sommer 2020 hat die AGF Videoforschung in einem Teil der repräsentativen Haushalte zudem Messrouter installiert, die die Reichweite ausgewählter Streaming-Angebote wie etwa von Netflix auf Smart-TV-Geräten ermitteln. Schaut jemand eine Netflix-Serie per Tablet, Laptop oder Handy, wird das allerdings nicht erfasst. "Die Anzahl dieser Mess-Router muss noch weiter ausgebaut werden, um die Nutzung der Plattformen auf anderen Endgeräten belastbar und valide abbilden zu können. Aufgrund der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Kontaktbeschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen können wir hierfür leider noch kein verbindliches Zeitfenster benennen", teilt die AGF dazu auf Anfrage mit.

Große Ungenauigkeiten bei kleinen Sendern

Doch an der traditionellen Quotenmessung gibt es nicht erst im digitalen Zeitalter Kritik. Sie sei vor allem bei Spartensendern, deren Marktanteil unter einem Prozent liege, zu ungenau. Wenn eine Person aus dem Mess-Panel an einem Abend zufällig einen dieser Sender einschalte, repräsentiere sie so gleich mehr als 7.000 Menschen, sagt der Potsdamer Medienwissenschaftler Christian Richter der taz. Ein weiteres Problem: Wenn die Messgeräte registrieren, dass jemand ein Programm einschaltet, heißt es noch lange nicht, dass diese Person auch wirklich zuschaut. Möglicherweise telefoniert sie während der gesamten Sendung - oder schläft währenddessen ein.

Wie wird die Quote berechnet?

Die AGF misst täglich in 5.400 ausgewählten Haushalte mit insgesamt über 11.000 Menschen im Alter ab drei Jahren den TV-Konsum. Dieses AGF-Panel ist repräsentativ zusammengesetzt, das heißt es bildet die Grundgesamtheit der Wohnbevölkerung in Deutschland ab - allerdings sind damit aktuell nur die knapp 38 Millionen TV-Haushalte mit einem deutschsprachigem Haupteinkommensbezieher gemeint. Diese Zuschauenden-Daten werden rund um die Uhr sekundengenau erhoben und an die Nürnberger GFK gesendet, die daraus die Marktanteile bzw. Quote bezogen auf die Gesamtzahl der TV-Nutzenden hochrechnet. Die Quote gibt den prozentualen Anteil einer Sendung an den zu diesem Zeitpunkt TV-schauenden Menschen an. Daneben werden auch die hochgerechneten absoluten Zuschauenden-Zahlen veröffentlicht. Wenn die Tagesschau um 20 Uhr beispielsweise mit gut 6,5 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern einen Marktanteil von rund 20 Prozent erzielt, bedeutet das, dass rund 32,5 Millionen Menschen zu diesem Zeitpunkt vor dem Fernseher "gehockt" haben.

Starren die Programmmacher zu stark auf die Quote?

Doll erklärt: Wie entstehen TV-Quoten? 5 min
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Hängt an jedem Fernseher und Radio ein heimlicher Quotenzähler, oder wie ergeben sich die Quoten für das Fernsehen?

MDR+ Di 07.02.2017 19:00Uhr 05:08 min

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Eine andere Kritik an der Quote betrifft den Umgang der Programmverantwortlichen damit. Viele Filmschaffende werfen den öffentlich-rechtlichen Sendern vor, zu sehr auf die Quoten zu schauen und deshalb viel allzu Populäres zu senden und andere Inhalte zu vernachlässigen. Der zum Ende des Jahres 2020 als Fiction-Chef beim deutsch-französischen Kulturkanal arte ausgeschiedene Andreas Schreitmüller sagte kürzlich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, "die Verabsolutierung der Einschaltquote" bringe es mit sich, dass "ein gewisses Risiko gescheut" werde. Das sei "der Kern allen Übels". Wie wichtig die Branche die Quote nimmt, zeigt sich auch daran, dass Branchendienste pro Tag teilweise mehrere Artikel zu den Quoten des Vorabends veröffentlichen - allen voran das Portal Quotenmeter, dessen Name ja bereits Programm ist.

Werkzeug für Werbepreise

Aber warum werden die Quoten überhaupt erhoben? Sie sind die "Währung" zur Berechnung der Werbegelder. Wie viel ein Werbespot im privaten Fernsehen auf einem bestimmten Kanal zu einer bestimmten Uhrzeit kostet, hängt schließlich davon ab, wie viele und welche Zuschauerinnen und Zuschauer mit der entsprechenden Sendung erreicht werden. Messgröße ist hierbei der "TKP", der so genannte Tausender-Kontakt-Preis. Er gibt an, wie viel ein Unternehmen, das TV-Werbung schaltet, zahlen muss, um statistisch gesehen 1.000 Menschen zu erreichen. Je nach Attraktivität einer Sendung liegt der TKP mal höher, mal niedriger. Der durchschnittliche TKP im Fernsehen lag 2019 bei 19,20 Euro. Allerdings darf im Fernsehen nicht überall geworben werden. Im Privatfernsehen ist die Anzahl der Werbeunterbrechungen und die Dauer der Spots genau geregelt.

Bei den Öffentlich-Rechtlichen dürfen nur das Erste Programm der ARD und das ZDF überhaupt TV-Werbung senden. Und auch das ist nur montags bis samstags in der Zeit zwischen 17:00 und 20:00 Uhr erlaubt - im so genannten "Werberahmenprogramm".