Fachkräftemangel Azubis im Handwerk: Die Zahlen steigen, die Sorgen bleiben

Manuel Mohr
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Die Wege ins Handwerk sind mittlerweile sehr facettenreich – ob klassische Ausbildung, verkürzte Lehrzeit als Hochschulabgänger oder externe Gesellenprüfung nach mehrjähriger Berufserfahrung. Das ist angesichts der wachsenden Kluft zwischen weiter zunehmenden Renteneintritten und bei weitem nicht so vielen neuen Azubis auch dringend notwendig. Wie es um den Nachwuchs im mitteldeutschen Handwerk aktuell bestellt ist.

Ausbilder Carsten Pohle (im Kittel) erläutert Auszubildenden im 2. Lehrjahr die Funktionsweise eines Hybridantriebes im Porsche Ausbildungszentrum.
Während die Gesamtzahl der Azubis im Handwerk leicht gestiegen ist, ist der Frauenanteil deutlich gesunken. Bildrechte: dpa

Die gute Nachricht vorweg: In den zurückliegenden Jahren ist die Zahl der Auszubildenden in den Handwerksbetrieben in Sachsen und Thüringen nach einem deutlichen Einbruch wieder angestiegen. In Sachsen-Anhalt stagnieren die Werte seit einigen Jahren, sinken zumindest aber nicht weiter ab. Das geht aus Zahlen der acht Handwerkskammern in Mitteldeutschland hervor, die MDR Data ausgewertet hat.

Der Azubi-Rückgang hat nach Angaben einer Sprecherin der Handwerkskammer Magdeburg mehrere Gründe. Hauptsächlich dafür verantwortlich sei aber die demografische Entwicklung. Zusätzlich hätte die Einführung einer Mindestvergütung für Auszubildende dazu geführt, dass Betriebe nicht mehr ausbilden. Für Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle, sind die sinkenden Azubi-Zahlen ab 2010 ebenfalls auf den sogenannten Geburtenknick nach der Wende zurückzuführen: "Nach 1990 hat sich die Zahl der Geburten stark verringert, so stehen demnach weniger Menschen Jahre später vor der Frage, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchten."

Eine Sprecherin der Handwerkskammer Erfurt sieht neben dem demografischen Wandel auch die Bildungspolitik verantwortlich für die Entwicklung, da sie "den Fokus jahrelang einseitig auf die Akademisierung gelegt hat bzw. immer noch legt". Ein weiterer Grund sei zudem das mangelnde Wissen vieler Jugendlicher über die "Vielfalt und Perspektiven einer Ausbildung im Handwerk".

Welche Aufgaben hat eine Handwerkskammer? Eine Handwerkskammer vertritt die wirtschaftspolitischen Gesamtinteressen ihrer Mitgliedsunternehmen. Die Kammer ist erste Anlaufstelle für alle Anliegen der Handwerksbetriebe – von Unternehmensgründung über die Berufsausbildung bis zur Unternehmensnachfolge.

Fachkräftemangel wird durch Azubi-Nachwuchs nicht gedeckt

Doch trotz stabiler oder steigender Zahlen beim Nachwuchs im Handwerk gibt es auch eine schlechte Nachricht: In den kommenden Jahren werden zahlreiche Handwerkerinnen und Handwerker der geburtenstarken "Babyboomer"-Jahrgänge in Rente gehen. Laut einer Sprecherin der Handwerkskammer Südthüringen wächst schon jetzt der Abstand zwischen Renteneintritten und Fachkräftenachwuchs von Jahr zu Jahr an, genau beziffern lasse sich die Differenz aber nicht. Auch alle anderen angefragten Handwerkskammern konnten keine konkreten Angaben für den zu erwartenden Fachkräftemangel nennen. Gründe für fehlende Prognosen wurden nicht mitgeteilt.

Einem Sprecher des sächsischen Handwerkstags zufolge wird dafür geschätzt, dass in den kommenden Jahren etwa 5.000 sächsische Handwerksbetriebe, davon vor allem inhabergeführte Einzelunternehmen, altersbedingt für eine Nachfolgeregelung in Betracht kommen.

Die Handwerkskammer Magdeburg sieht auch künftig einen großen Bedarf an Fachkräften und damit an Auszubildenden über alle Gewerke hinweg. "Auch wenn in den kommenden Jahren wieder leicht steigende Zahlen bei den Schulabsolventen zu erwarten sind, wird dies den Bedarf an Auszubildenden nicht decken", heißt es von einer Sprecherin der Handwerkskammer. Die Folge: Der Fachkräftemangel im Handwerk wird sich weiter verschärfen.

Die Handwerkskammer Halle wiederum schätzt, dass in den nächsten zehn bis 15 Jahren "rund 25.000 Fachkräfte durch Renteneintritt verloren gehen werden". Mit Neueinstellungen und eigenem Nachwuchs werden die ausscheidenden Fachkräfte voraussichtlich nicht zu ersetzen sein. Dafür müssten die Auszubildendenzahlen "deutlich steigen", so Präsident Thomas Keindorf.

Laut der Studie "Willkommen in Thüringen – Entwicklung des Fachkräftebedarfs bis 2030 und Strategien der Fachkräftegewinnung" werden im Freistaat in den kommenden Jahren rund 271.000 Fachkräfte mit anerkanntem Berufsabschluss benötigt, darunter auch viele im Handwerk. Da diese Lücke laut einer Sprecherin der Handwerkskammer Erfurt selbst unter Einbeziehung von Arbeitslosen, Teilzeit-Arbeitskräften, Vorruheständlern und allen Schulabgängern nicht zu schließen ist, werden demnach "zwingend auch ausländische Fachkräfte notwendig sein".

Immer weniger Frauen erlernen ein Handwerk

Eine weitere Entwicklung, die anhand der Daten der Handwerkskammern sichtbar wird, ist der sinkende Anteil von Frauen, die eine Ausbildung im weitestgehend ohnehin schon männlich dominierten Handwerk absolvieren. Lag der Frauenanteil 2012 je nach Handwerkskammer noch bei 20 bis 25 Prozent, sank er bis 2021 auf 15 bis 20 Prozent ab.

Die Handwerkskammern führen auf MDR-Anfrage mehrere Gründe für diese Entwicklung an. So gebe es laut dem Sprecher des sächsischen Handwerkstags nach wie vor eine "zu starke geschlechterspezifische Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen". Für andere Handwerkskammern spielt auch die Einführung der Mindestausbildungsvergütung im Jahr 2020 eine Rolle, wodurch es zum Beispiel im Friseurhandwerk zu einem starken Anstieg in der Ausbildungsvergütung gekommen sei und Betriebe sich aus der betrieblichen Ausbildung zurückgezogen hätten.

Thomas Keindorf von der Handwerkskammer Halle schätzt zudem die Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt als hoch ein, denn jede Branche suche nach Azubis. Dabei würden insbesondere der Handel und der öffentliche Dienst weibliche Ausbildungsinteressierte stärker ansprechen.

Und auch die Corona-Pandemie ist nach Ansicht der Handwerkskammer ein wesentlicher Faktor für den sinkenden Frauenanteil. Denn insbesondere Kosmetik- und Friseurbetriebe hätten durch zeitweise Schließungen sowie aufwendige Öffnungs- und Hygienekonzepte stark zu kämpfen gehabt. Die Folge war einerseits ein zögerliches Einstellungsverhalten der Unternehmen, andererseits trübte das auch die Perspektive für angehende Auszubildende, die sich einen Beruf mit einer guten wirtschaftlichen Aussicht wünschen.

Karriere im Handwerk: Gute Chancen für Azubis und Quereinsteiger

Gefragt nach den Karrierechancen, die sich Ausbildungsinteressierten im Handwerk bieten, zeichnen die Handwerkskammern auf MDR-Anfrage unisono ein positives Zukunftsbild. Gerade dadurch, dass viele Betriebe in den kommenden Jahren eine Nachfolge suchen, seien die Chancen sehr gut, in einem Unternehmen Fuß zu fassen. Zudem sei die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, also die Kombination aus Theorie und Praxis, eine optimale Vorbereitung für den späteren Berufsalltag.

Zudem könne man das Tempo der eigenen Karriere selbst bestimmen: "Gesellenabschluss mit 19, Meister mit 21, erfolgreicher Unternehmer mit 25 – das ist die Turbokarriere. Es geht aber auch entspannter, wer will, kann 'seinen Meister' auch mit 40 machen", so ein Sprecher des sächsischen Handwerkstags.

Neben der klassischen Ausbildung nach dem Schulabschluss gibt es nach Angaben der Handwerkskammern viele weitere Wege für einen Berufseinstieg. Abiturienten, Studienabbrecher und Hochschulabsolventen könnten beispielsweise von verkürzten Ausbildungszeiten und vorzeitige Prüfungen profitieren. Zudem besteht die Möglichkeit, eine externe Gesellenprüfung abzulegen, wenn man beispielsweise eine mehrjährige praktische Tätigkeit im jeweiligen Beruf nachweisen kann.

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MDR (Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. September 2022 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

Euphemismus vor 20 Wochen

@o.b.
ja das sehe ich auch so, da kann man Regelungen finden.
Aber die sollten auf den einzelnen abstellen.
Wie sieht es mit Bildungskrediten aus von mir aus mit Null Zinsen
aber es muss ein Preisschild daran.
ansonsten haben wir bald 5 Millionen Studierende und gar keine Handwerker mehr.
Indianer ohne Häuptlinge mag funktionieren, aber Häuptlinge ohne Indianer, sorry das geht auf keinen Fall gut.
wir sehen doch am Beispiel dieses Landes wo das ganze hinführt
Hybris und Pseudomoral glauben die Realität besiegen zu können.
Naive Selbstüberschätzung.

sapere Aude

O.B. vor 20 Wochen

Euphemismus, naja es müsste eine andere Form der Zulassung und Bezahlung geben. Das sowohl beim Studenten als auch beim Meisterbrief. Also man hatte ja in grauer vorzeit mal das System das nur gut verdienende ihre Kinder zur Uni schicken konnten. Das das keine gute Idee war ist wohl leicht nachzuvollziehen. Wie gesagt eine andere neue Variante muss her denn, und hier gebe ich Ihnen recht, so kann es nicht weiter gehen.

Euphemismus vor 20 Wochen

@O.b.
nein es ist nicht falsch denn Meisterausbildung kostet auch
da könnte uns ein armer Leonardo entgehen.
man kann das regeln aber Bildung gehört ja am ende den zu bildenden
Sprich viele Humanmedizin studierende gehen nach GB weil da besser verdient wird. alles cool aber nicht auf kosten aller studieren und dann den Abmarsch manchen. Es muss einen Preis haben nur dann wird ökonomisch mit den Ressourcen umgegangen.
und Fächer wie Politik und Sozial, Gender "Wissenschaften" bergen dann ein abschreckendes ökonomisches Risiko.
und Langzeitstudierende denen es in der Regel um die Sozialversicherung geht können das nicht mehr als Lebensmodell missbrauchen.
Im Moment bei der Überlastung der Unis werden die besten eh im Mittelmaß ersäufen.

Bei den Wirkungen der Azubis auf die Sozialen Sicherungssysteme bin ich voll bei ihnen.

Sapere Aude

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