Kundinnen kaufen in einem LIDL-Discounter Supermarkt ein.
Trotz gestiegener Preise im Supermarkt nimmt der Staat nicht automatisch mehr Geld durch Konsumsteuern ein. Bildrechte: picture alliance/dpa/Markus Scholz | Markus Scholz

Steuern Hohe Inflation bedeutet nicht pauschal mehr Geld für den Staat

11. April 2024, 06:29 Uhr

Durch die Inflation steigen die Preise – und damit auch die realen Einnahmen durch die Mehrwertsteuer. Daher hat sich MDR-AKTUELL-Hörer Bernd Richter gefragt, ob der Staat daran nicht mitverdiene. Wirtschaftsforscher Reint Gropp sagte, so einfach sei das nicht: Wenn alles teurer werde, werde auch mehr gespart. Zudem hat der Staat Maßnahmen ergriffen, die die Mehreinnnahmen aus den Steuern schmälern. An der Lohnsteuer verdient der Staat dennoch mehr.

Ein Mann naht, blickt direkt in die Kamera
Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur MDR AKTUELL Bildrechte: MDR

Steigen die Preise, freut sich der Finanzminister, denn dann steigen auch seine Steuereinnahmen. Das klingt irgendwie plausibel. Denn die Mehrwertsteuer beträgt ja sieben oder 19 Prozent des Warenwerts. Aber so einfach sei das nicht, sagt der Wirtschaftsforscher Reint Gropp. Denn wenn Preise steigen, konsumierten viele Bürger weniger. "Das Geld muss ja irgendwoher kommen. Die Leute werden dann eben [...] wenn sie fürs Heizen mehr bezahlen müssen, an anderer Stelle einsparen. Sie gehen eben nicht ins Restaurant oder gehen nicht ins Kino. Oder fahren nur in den Schwarzwald und nicht nach Spanien in den Urlaub."

Staat hat Steuern und Preise auf Inflation angepasst

Wegen dieser Konsumzurückhaltung führen fünf Prozent Inflation nicht automatisch zu fünf Prozent höheren Mehrwertsteuer-Einnahmen. Ein gewisses Plus verzeichnet der Finanzminister aber schon. Allerdings gilt auch das nur, wenn die Politik nicht auf die gestiegenen Preise reagiert. Genau das habe die Bundesregierung aber getan, sagt die Ökonomin Kristina van Deuverden. "Als wir in die Energiepreise reingeschlittert sind, war die Umsatzsteuer 19 Prozent. Die ist natürlich im Zuge der ganzen Maßnahmen, die da passiert waren, auch teilweise abgesenkt worden auf sieben Prozent reduzierter Mehrwertsteuersatz."

Zudem hat der Staat Strom- und Gaspreise eine Zeit lang gedeckelt. Unterm Strich dürften den Finanzminister die gestiegenen Energiepreise deswegen mehr gekostet haben als er zusätzlich an Steuern eingenommen hat.

Mehr Steuereinnahmen durch Lohnsteuer

Trotzdem ist der Staat in einem Punkt Profiteur der Inflation. Das liege an der Lohnsteuer, sagt Reint Gropp. Denn nach Phasen der Preissteigerungen handelten Gewerkschaften höhere Löhne aus. Mit einem höheren Lohn rutsche man aber in einen höheren Lohnsteuertarif. "Und das führt generell tatsächlich zu höheren Steuereinnahmen des Staates. Es gibt auch Länder, wo das dann automatisch angepasst wird, also wo diese Grenzen sich mit der Inflation verändern. In Deutschland ist das aber nicht so. Und von daher ist das dann etwas, wo der Staat dann tatsächlich profitiert durch höhere Steuereinnahmen."

Kalte Progression wird der Effekt genannt, wenn Gewerkschaften sieben Prozent mehr Brutto aushandeln, davon aber nach Steuern nur fünf Prozent mehr Netto übrigbleiben. Hier profitiert der Staat. Zum Gesamtbild gehört aber auch: Der Staat hat durch die Inflation mehr Ausgaben. Die Teuerung trifft ihn auch selbst, betont van Deuverden: "Es wurden ja auch Transferleistungen erhöht, es wurde das Kindergeld erhöht, es wurden Bürgergeldanpassungen vorgenommen mit Blick auf die Preisentwicklung."

Unterm Strich lässt sich deshalb sagen: Der Staat nimmt in der Inflation zwar mehr ein. Doch er muss eben auch mehr ausgeben. Und seine Mehreinnahmen sind nicht zwangsläufig so hoch wie die Inflation selbst. Das zeigt ein abschließender Blick auf Bund und Länder. Vergangenes Jahr nahmen sie knapp zwei Prozent mehr Steuern ein als 2022. Die Inflation lag aber bei sechs Prozent.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 11. April 2024 | 06:27 Uhr

36 Kommentare

astrodon vor 5 Wochen

@Bernd_wb: Aber sicher, als Selbstständiger teils im Haupt-, teils im Nebenerwerb und aktive Mitarbeit in einem Steuerbüro (Programmierung spezieller Steuerfälle) dürfen Sie das ruhig annehmen - auch wenn die Kanzleizeit schon 30 Jahre zurückliegt.
Denn an den Grundlagen einer EÜR haben sich nicht verändert.

Maria A. vor 5 Wochen

astrodon, meine Oma hatte bis 1980 leider auch nicht mehr. Die Renten standen im Verhältnis zum Einkommen. Für Vollzeitsgehalts-empfänger waren zur gleichen Zeit unter 400 Mark "normal". Mitte der 80er in der Holz- und Textilindustrie, sowie Handwerksbetrieben, Nettobezüge aus Gehältern unter 600 Mark keine Seltenheit. Zur Rente aus meinen LB-Unterlagen: DDR-Mindestrente Mitte der 80er 330 Mark. Mindestrentenanspruch ab 40 Arbeitsjahre 430 Mark, ab 45 Arbeitsjahre 470 Mark. Übrigens betrug die höchste an eine Frau ausgezahlte Rente (im Kreis Olbernhau) Mitte der 80er 527 Mark. Meine Mutter ging Anfang 89 in Rente und kam fast ran mit knapp 520 Mark. Es kam nicht nur der gute Verdienst der letzten Jahre zum Tragen. Ab drei Kindern wurden pro Kind drei Beitragsjahre gerechnet, also ihr neun Jahre anstatt drei angerechnet zu ihren 39 Vollzeitjahren.

astrodon vor 5 Wochen

@Maria: "Wie haben Sie das denn errechnet?" - das ist einfach: 1000 / 1,19 = 840,33. Wenn ich also das gesamte Geld ausgebe und nur Waren zum höchsten MwSt.-Satz kaufe, habe ich maximal 159,67€ MwSt. bezahlt.

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