Eine Frau und ein Kind mit Decke neben einer Heizung.
Im Winter steigt der Anteil der privaten Haushalte am gesamten deutschen Gasverbrauch, weil noch immer rund 50 Prozent der Wohnungsheizungen mit Erdgas als Brennstoff erwärmt werden. Hier läge also gerade jetzt noch größeres Einspar-Potenzial. Bildrechte: IMAGO/photothek

Drohender Mangel Die Deutschen sollen noch mehr Gas sparen

30. Oktober 2022, 14:21 Uhr

Weil Gas als politisches Druckmittel im Ukraine-Krieg genutzt wird, braucht es in Deutschland in diesem Winter Energie-Einsparungen. Weil die bisherigen womöglich nicht reichen, könnte es auch für private Haushalte verbindliche Ziele geben.

MDR AKTUELL Mitarbeiter Kristian Schulze
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

Auch private Haushalte könnten noch verpflichtet werden, vor allem beim Heizen mehr Gas zu sparen. Umweltbundesamt-Präsident Dirk Messner sagte dazu jetzt: "Unser Gasverbrauch muss insgesamt deutlich sinken." Und es brauche verpflichtende Minderungsziele auch für die Haushalte.

Hintergrund ist: Noch sind die Einsparungen insgesamt wohl zu gering, um einen Gas-Mangel im kommenden Winter sicher zu verhindern. Und vor allem scheinen private Haushalte bisher noch zu wenig beigetragen zu haben.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck stimmte darauf schon Ende September ein. Da erklärte der Grünen-Politiker: "Wenn die Haushalte den Verbrauch nicht runterbringen, dann droht noch immer, dass wir zu wenig Gas im Winter haben." Auch wenn die Speicher aktuell voll seien.

Geplante Entlastungen könnten und dürften nicht dazu führen, dass nicht mehr gespart werde. Denn das sei weiter nötig, sagte Habeck: "Wir müssen die Gasverbräuche insgesamt um 20 Prozent runterbringen."

Ein Minus von insgesamt sogar 30 Prozent sieht die Forschungsgruppe des vom Bundesforschungsministerium geförderten Ariadne-Projekts als Ziel, um die Versorgungssicherheit und den Klimaschutz zu gewährleisten.

Einsparungen unter den Erwartungen

In ihrem Mitte Oktober vorgelegten Modell- und Szenarienvergleich erklären die Fachleute, "30 Prozent weniger Gasverbrauch sind möglich und wichtig", um eine Gasmangel-Lage mit Lieferunterbrechungen zu vermeiden, aber auch um Gaspreise und Import-Abhängigkeiten zu begrenzen.

Demnach verbrauchte Deutschland im ersten Halbjahr 2022 knapp 15 Prozent weniger Erdgas gegenüber dem Zeitraum 2021. Temperaturbereinigt seien es jedoch nur rund acht Prozent gewesen. Die Gaseinsparungen bisher blieben "deutlich unter den Erwartungen", trotz extrem gestiegener Preise, die zum Teil aber noch nicht in allen Haushalten angekommen seien.

Auch lasse sich abschätzen, dass die meisten Einsparungen bisher von der Industrie kamen. Haushalte, Gewerbe und Handel verbrauchten demnach – vor allem für Gebäudewärme – im ersten Halbjahr und bei Berücksichtigung der milderen Witterung nur knapp drei Prozent weniger Erdgas. 

Private Haushalte allein hatten nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen einen Anteil am Gasverbrauch zwischen 15 Prozent 2015 und elf Prozent 2020. Im Winter aber ist er durch das Heizen viel höher und darum auch stark abhängig von den Temperaturen. Laut Ariadne liegt das größte Potenzial für kurzfristige Gas-Einsparungen eben darum "in einer Anpassung des Heizverhaltens der Menschen", in "intelligenter Steuerung" der Anlagen, mehr Wärmepumpen, in mehr Anschlüssen an die Fern- und Nahwärme-Netze und weiterer energetischer Gebäudesanierung.

Bei Sparzielen für den privaten Gasverbrauch, wie vom Umweltbundesamt verlangt, sehen die Ariadne-Forscher aber "erhebliche Unsicherheiten" und eben auch im Wetter einen "zentralen Unsicherheitsfaktor". Hier konkrete Verpflichtungen zu schaffen, erscheint also doch als recht schwierig.

Sparmaßnahmen reichen nicht aus

Das offizielle 20-Prozent-Ziel resultiert aus Vorgaben der EU. Sie hatte sich wegen ausfallender Lieferungen aus Russland verpflichtet, ihren Verbrauch von August 2022 bis Ende März 2023 insgesamt um mindestens 15 Prozent zu senken – im Vergleich zum Durchschnitt der fünf Jahre bis 2021. Anteilig muss das größere Deutschland demnach seinen Gasverbrauch um mindestens 20 Prozent senken – aus Solidarität und um Mangel im Winter zu verhindern.

Dazu hat das Bundeswirtschaftsministerium bisher zwei Verordnungen erlassen, mit kurz- und mittelfristigen Maßnahmen zur Senkung der Gas- und Stromverbräuche. Die erste gilt bis Februar 2023. Sie sieht für Haushalte aber nur vor, dass sie weniger heizen dürfen, als es Mietverträge vorgeben. Vermieter und Versorger sollen über Einsparpotenziale informieren. Private Pools dürfen nicht mehr mit Gas und Strom geheizt werden.

Die zweite gilt bis 2024 und verpflichtet etwa Eigentümer von Wohngebäuden zur Überprüfung und Optimierung von Heizungen. Für diesen Winter dürfte sie aber kaum noch etwas bringen. Beide Verordnungen sind somit auch laut Wirtschaftsminister Habeck nur ein "kleiner Beitrag", mit Sparpotenzial beim Gas "im Umfang von ungefähr zwei, zweieinhalb Prozent".

Es muss also mehr geschehen, wobei auch die Kommission Gas und Wärme helfen sollte. In ihrem Zwischenbericht mit Empfehlungen zur "Gaspreisbremse" wurden ihre Vorschläge zu "Maßnahmen mit nachfragesenkenden Wirkungen" auf einen Endbericht vertagt. Das Gremium arbeitet auftragsgemäß bis Ende Oktober. Wann der Endbericht kommt und was er empfiehlt, war noch offen.

Das Umweltbundesamt, das nicht in der Gaskommission vertreten ist, mahnt nun zur Eile und verweist auf aktuelle Verbrauchsdaten. Die lagen im August leicht über und im September leicht unter dem 20-Prozent-Ziel.

Andere EU-Staaten kamen nach Zahlen der EU-Kommission besser voran. Interessant daran: Gestiegen ist der Verbrauch in Ländern wie Spanien und Frankreich, die Gaspreise für Verbraucher bereits gedeckelt haben.

Auch im Lagebericht der Bundesnetzagentur wird regelmäßig zum Gassparen aufgerufen. Ende September warnte Agentur-Chef Klaus Müller: "Die Lage kann sehr ernst werden," je nach Witterung. In der letzten Woche im Oktober lag nun der Verbrauch um 41 Prozent unter dem Tagesschnitt der gleichen Kalenderwochen von 2018 bis 2021. Als Grund nannte Müller jedoch erneut das warme Wetter und mahnte, trotzdem weiter zu sparen.

Verbindliche Sparziele für private Haushalte?

Das Umweltbundesamt empfiehlt, Heizungen zu drosseln. Die öffentliche Hand solle Raumtemperaturen in öffentlichen Gebäuden senken und privaten Haushalten klare Informationen zum Heizen geben. Deren Sparbeitrag nun verpflichtend zu heben, bezeichnete aber auch UBA-Fachgebietsleiterin Katja Purr auf MDR-Nachfrage als "ordnungsrechtlich große Herausforderung". So könne aber eine Pflicht etwa zur Energieberatung, um alle Heizungen richtig einzustellen, flächendeckend viel bringen.

Auch UBA-Präsident Messner forderte, Menschen direkt anzusprechen, dass Energieversorger sie anschreiben, konkrete telefonisch Energiespar-Beratung anbieten. Auch die Bundesregierung solle mehr tun, meinte Messner – Leute persönlich anschreiben, sie auf einfache Energiespar-Tools und "Energie-Buchhaltung" hinweisen. Energiespar-Wettbewerbe könne es geben und vor der Tagesschau etwa "Energiesparen vor Acht" statt "Börse vor Acht".

Solche Empfehlungen machte das UBA im Oktober und im Sommer. Es brauche Einsparungen, sagte Purr, um Gasmangel zu vermeiden, aber auch für den Klimaschutz und zur Stärkung der Resilienz gegen solche Krisen.

Nach Modellrechnungen, über die jüngst der NDR berichtete, gibt es eine Chance, ohne Gasmangel durch den Winter zu kommen, wenn Gas gespart wird, Importe konstant bleiben und der Winter nicht zu kalt wird.

Fazit: Auf warmes Wetter hoffen?

Der Unterschied zwischen einem milden und einem kälteren Winter kann hinsichtlich des Gasverbrauchs privater Haushalte immens sein. Auf warmes Wetter zu hoffen, ist gerade für diesen Kriegswinter aber keine Option. Alle Fachleute sehen auch private Sparbeiträge als bedeutend an, auch wenn noch unklar ist, ob und wie der Gesetzgeber hier noch Vorgaben macht. Kommt es zu Gasmangel und Rationierungen, gilt zwar bisher, dass Haushalte als letzte betroffen wären. Ohne weitere Einsparungen könnten jedoch Schließungen von Betrieben die Covid-19-Lockdowns noch in den Schatten stellen.

MDR/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Oktober 2022 | 15:48 Uhr

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