Gaspreisschock Exorbitante Abschlagszahlungen bei Gas keine Einzelfälle

Nicht wenige Gaskunden stehen derzeit vor einem Preisschock, weil die Abschlagszahlungen drastisch erhöht wurden. Gasversorger halten sich jedoch bedeckt, wie vielen Kunden dies noch bevorstehen kann.

50-Euro-Banknoten und ein Gaszähler
Viele Gasversorger informieren ihre Kunden derzeit über steigende Preise. Hier geht es nicht selten um dreistellige Summen – pro Monat. Bildrechte: dpa

Über 1.000 Euro im Monat für Heizung und Warmwasser

Stellen sie sich vor, Sie gehen zum Bäcker und das Brötchen, dass gestern noch 35 Cent gekostet hat wird jetzt für 2,50 Euro verkauft! Eigentlich unvorstellbar. Aber genau das sind die Preisrelationen, die aktuell Kunden drohen, die z.B. ihr selbstgenutztes Eigenheim mit Gas beheizen. Glück gehabt, wenn man kein Eigenheim besitzt? Von wegen – Mieter kann das auch treffen, nur zeitverzögert, mit der Betriebskostenabrechnung.

Erste Kunden bekamen jüngst vom Anbieter Mitgas saftige Erhöhungen. So muss Familie Töpe aus Landsberg bei Halle für ihr Einfamilienhaus statt bisher 228 Euro im Monat ab Oktober 1.017 Euro zahlen. Mehr als das Vierfache. Für Marco T. aus Leipzig erhöhte Mitgas die monatliche Abschlagszahlung für seine mit Gas beheizte Doppelhaushälfte von bisher 96 Euro im Monat auf sage und schreibe 761 Euro – fast das Achtfache!

Die Verbraucherzentrale Leipzig gibt an, man müsse als Verbraucher durchschnittlich mit einer Verdreifachung der Gaspreise rechnen. Selbst das ist für die meisten Gaskunden kaum zu stemmen. Und mit einer fünf, sechs-, sieben- gar achtfachen Preiserhöhung rechnet wohl kaum jemand.

Versorger Mitgas bezieht Stellung

Auf unsere Nachfrage, wie dieser enorme Preisanstieg bei Marco T. auf fast das Achtfache zustande kommt, schreibt Mitgas, dass Marco T. das Preisgarantieprodukt "Einheizpreis" habe – ein Festpreisvertrag über 24 Monate, der jetzt auslaufe. Der neue Preis ergebe sich aus der enormen Preissteigerung für Gas seit 2020. Von diesen Preisanpassungen sollen monatlich einige tausend Mitgas-Kunden betroffen sein, heißt es weiter.

Und auch Gasmarktexperte Heiko Lohmann befürchtet, dass das nur ein Vorgeschmack ist und das genau das noch viele Gaskunden erleben werden. Betreffen wird das auch Kunden anderer Anbieter, deren Verträge mit Sonderkonditionen demnächst auslaufen.  

Festpreis-Verträge: Gasanbieter verweigern konkrete Auskünfte

Wir haben bei 14 verschiedenen Gasanbietern Mitteldeutschlands nachgefragt:

  1. Wie viele Kunden profitieren noch von Festpreisen?
  2. Mit welchen Preiserhöhungen müssen die Kunden rechnen, deren Festpreisverträge auslaufen?

Ergebnis: Die Hälfte der Befragten Anbieter hat geantwortet, redet aber um den heißen Brei herum.

"Das können wir zum jetzigen Stand nicht seriös prognostizieren, da die Anzahl an auslaufenden Preisgarantien je Monat variiert und Preissteigerungen von verschiedenen Faktoren abhängen und individuell festgelegt werden." (Shell Energy)

"Dies betrifft nur einen geringen Prozentsatz unserer Kund:innen. Ob und wann diese Kund:innen eine Preisanpassung erhalten, lässt sich nicht pauschal beantworten. Denn dies ist von verschiedenen Faktoren abhängig, z.B. dem Zeitpunkt, zu dem die Preisgarantie ausläuft." (Yello)

"Diese Frage lässt sich aufgrund der sehr volatilen Beschaffungskosten nicht seriös als Durchschnitt der letzten Monate beziffern. Monatlich betreffen die signifikant steigenden Preise mehrere tausend Kunden." (New energy.de)

"Mitte Oktober werden dafür alle Preisbestandteile bekanntgegeben. Sobald diese feststehen, beginnen wir mit der Kalkulation." (Leipziger Stadtwerke)

Blick auf die Kosten einer Durchschnittsfamilie

Die Preise für Gas steigen unaufhörlich. Vor einem Jahr zahlten Gaskunden zwischen vier und sieben Cent pro kWh. Inzwischen haben sich die Preise versiebenfacht.

18.000 kWh verbraucht eine 4-köpfige Familie in einem Eigenheim pro Jahr im Durchschnitt. Diese Familie muss laut einem aktuellen Preisvergleich bei Verivox inzwischen nicht weniger als 35 Cent pro kWh aufbringen. Das sind insgesamt monatliche Kosten für Gas von mindestens 530 Euro. Die Vertragslaufzeit beträgt zwölf Monate, mit eingeschränkter Preissicherung und einer Kündigungsfrist von einen Monat.

Auf der Suche nach neuem Gasanbieter – was tun?

Man kann die Entwicklung der Gaspreise nicht vorhersagen. Deshalb empfiehlt das Vergleichsportal Verivox seinen Kunden, sich für einen Gas-Tarif mit einer kurzen Vertragslaufzeit von höchstens einem Jahr zu entscheiden. Außerdem sollte die Kündigungsfrist für einen Vertrag höchstens sechs Wochen betragen und eine Preisgarantie für die gesamte Vertragslaufzeit beinhalten. Günstige Preise gehören leider der Vergangenheit an.

Die Verbraucherzentrale Sachsen empfiehlt, die Schreiben der Gasanbieter mit den neuen Abschlagszahlungen in jedem Fall prüfen zu lassen.

Bei der Wahl eines neuen Anbieters gibt es aufgrund der unübersichtlichen Marktlage und Preissituation keine Faustregel. Auch da sollte man sich von den Verbraucherzentralen individuell beraten lassen. Momentan kann auch der Grundversorger eine gute Wahl sein, das hängt aber von der Region und der jeweiligen Preisgestaltung der Anbieter ab.  

Hinweis Die Vergleichsportale bilden die Preise der Grundversorger in ihren Angeboten nicht mit ab.

Was bringt die Zukunft?

Die Regierung arbeitet hart daran, neue Partner für Gaslieferungen zu finden und auch daran, den Gasverbrauch zu reduzieren, sagt Gasmarktexperte Heiko Lohmann. Er geht davon aus, wenn zusätzliches neues Gas nach Deutschland kommt und durch die Einsparungen wieder mehr Gas zur Verfügung steht, dass es auch zu einer Entlastung der Preise kommt. Damit rechnet er in den nächsten zwölf bis 24 Monaten.

Gaszähler mit Aufschrift Umlage und Preisetikett mit Aufschrift MwSt 3 min
Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 23. August 2022 | 20:15 Uhr

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