Antisemitische Skulptur "Judensau" Stadtkirche Wittenberg ist offen für Abnahme der Schmähplastik

Der Gemeindekirchenrat der Stadtkirche Wittenberg schließt eine Abnahme der judenfeindlichen Schmähplastik nicht aus. Es sei eine deutlichere Distanzierung der Kirchengemeinde vom Antisemitismus der Plastik nötig und wichtig, wie Juden das Schandmal erlebten. Im Juni hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass das mittelalterliche Sandsteinrelief an der Kirchenfassade hängen bleiben könne – trotz Verunglimpfung des Judentums.

Schmähplastik Judensau auf der Südostseite der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Jörg Bielig: Weitere Schritte sind nötig, "um dieser in Stein gehauenen Beleidigung aller Juden und ihres Glaubens einen deutlicheren und sichtbareren Ausdruck für die christliche Umkehr von Judenfeindlichkeit entgegenzusetzen." Bildrechte: IMAGO / Rolf Walter

  • Der Gemeindekirchenrat empfiehlt eine deutliche Distanzierung.
  • Der Beirat zur "Stätte der Mahnung" soll ab dem 25. Juli Handlungsempfehlungen erarbeiten.
  • Richterinnen und Richter des Bundesgerichtshofes hatten entschieden, dass das Relief hängen bleiben darf.

Die Zukunft der judenfeindlichen Schmähplastik aus dem 13. Jahrhundert an der evangelischen Stadtkirche zu Wittenberg ist weiter offen. Wann eine Entscheidung über den künftigen Umgang mit dem Sandsteinrelief fallen könne, stehe noch nicht fest, sagte der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats, Jörg Bielig, dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Samstag. Zunächst müsse ein schlüssiges Konzept vorliegen. Erst danach könne über eine mögliche Entfernung entschieden werden. "Eine Ortsänderung ist für uns nicht ausgeschlossen und war für uns auch nie ausgeschlossen", sagte Bielig: "Das wäre kein Tabu."

Distanzierung von der Schmähplastik

Die Wittenberger Kirchgemeinde will sich deutlicher von Schmähplastik distanzieren. Das teilte der Gemeindekirchenrat am Freitag mit. Auch eine Abnahme der judenfeindlichen Schmähplastik von der Fassade der Stadtkirche werde nicht länger ausgeschlossen. Außerdem erklärte Bielig, die vorangegangene Verhandlung, Briefwechsel, persönliche Gespräche und die öffentliche Debatte darum hätten klargemacht, "dass eine deutlichere Distanzierung der Kirchengemeinde vom Antisemitismus der Plastik nötig ist".

Neukonzeption des Mahnmals

Schmähplastik Judensau auf der Südostseite der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg Aus der Südseite der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg wurde Ende des 13. Jahrhunderts die Schmähplastik Judensau angebracht. Sie war Ausdruck der allgemein zu dieser Zeit verbreiteten Judenverfolgung, die in mehreren Jahrhunderten in einem Aufenthaltsverbot der Juden in Sachsen mündete. Unterhalb des Reliefs eine 1988 eingelassene Bodenplatte als Mahnmal der Judenverfolgung.
Die Perspektive und das Erleben von Juden sei für eine angemessene Neukonzeption des Mahnmals wichtig. Bildrechte: imago images/Rolf Walter

Bielig erklärte, eine textliche Neufassung der Erklärungstafel sei bereits beschlossen. "Die Neugestaltung des Aufstellers ist jedoch nur ein erster Schritt, dem weitere folgen müssen, um dieser in Stein gehauenen Beleidigung aller Juden und ihres Glaubens einen deutlicheren und sichtbareren Ausdruck für die christliche Umkehr von Judenfeindlichkeit entgegenzusetzen."

Am 25. Juli trete zum ersten Mal nach dem BGH-Urteil der Beirat zur "Stätte der Mahnung" wieder zusammen. Ob der Beirat dann bereits Empfehlungen zum künftigen Umgang mit der Schmähplastik vorlege, sei noch offen, sagte Bielig. Auch weitere Beratungen seien denkbar. Zudem müsse der Denkmalschutz berücksichtigt werden. "Wir sind ein Weltkulturerbe, und es gibt ein Landesdenkmalgesetz", sagte Bielig: "Das kommt alles noch dazu."

Im Prozess der Neugestaltung sei dem Gemeindekirchenrat wichtig, wie Juden dieses Schandmal erlebten und wie aus ihrer Sicht eine angemessene Neukonzeption der Stätte der Mahnung aussehen könnte.

Ein Mahnmal vor der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) erinnert seit dem 9. November 1988 an den Beginn des Judenprogroms im Dritten Reich.
Der fehlende schriftliche Bezug der Gedenkplatte unterhalb des Reliefs zu der Schmähplastik wird oft kritisiert. Bildrechte: IMAGO

Bundesgerichtshof entscheidet gegen Kläger

Dietrich Düllmann vor dem Bundesgerichtshof
Der Kläger Michael Dietrich Düllmann sagte vor dem Urteil des BGH, er wolle nicht aufgeben: "Ich werde den ganzen juristischen Weg ausschöpfen." Bildrechte: dpa

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juni 2022 darf das als Wittenberger "Judensau" bekannte Sandsteinrelief aus dem 13. Jahrhundert an seinem bisherigen Ort bleiben (Az.: VI ZR 172/20). Isoliert betrachtet, verunglimpfe die Schmähplastik zwar das Judentum als Ganzes. Durch eine Bodenplatte und einen Schrägaufsteller mit der Aufschrift "Mahnmal an der Stadtkirche Wittenberg" unterhalb des Reliefs sei nach Überzeugung der Richter am BGH das Schandmal in ein Mahnmal umgewandelt worden. Dabei gehe es um die Erinnerung an die jahrhundertealte Diskriminierung und Verfolgung von Juden bis hin zum nationalsozialistischen Völkermord.

In Europa gibt es geschätzte 50 weitere ähnliche Darstellungen an Kirchen.

Was zeigt die antisemitische Schmähplastik?

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Die "Judensau" ist in etwa vier Metern Höhe angebracht. Dargestellt ist eine als Rabbiner karikierte Figur, die den Schwanz eines Schweins anhebt und das im Judentum als unrein geltende Tier von hinten betrachtet. Zwei weitere als Juden gezeigte Figuren saugen an den Zitzen. Eine vierte Figur hält Ferkel von der Muttersau fern. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Ähnliche Spottplastiken finden sich an etlichen evangelischen und katholischen Kirchen und Kathedralen im deutsch geprägten Kulturraum. Zum Teil verzerren sie Zusammenhänge und bedienen Stereotype. "Hier spielen Elemente herein, die man später vom Antisemitismus kennt und woran man sieht, dass der Antijudaismus des Mittelalters und der Kirche auch eine ganz wichtige Quelle für den rassistischen Antisemitismus der Neuzeit gewesen ist", erklärte Kunsthistoriker Matthias Demel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Wieso wurden diese Bilder angefertigt?

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Hintergrund ist der Antijudaismus der christlichen Kirchen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Grenze zum Antisemitismus fließend ist. Ab dem 16. Jahrhundert waren die christlichen Theologien "durchgängig antijudaistisch und auch judenfeindlich" erklärte Jürgen Wilhelm, der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V., im Interview mit dem Domradio des Erzbistums Köln. 

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers antijüdischer Schrift "Vom Schem HaMphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Wie wird das Relief in Wittenberg eingeordnet?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

kna/epd/MDR (Martin Paul)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Juli 2022 | 09:00 Uhr

14 Kommentare

Wahrheit verboten vor 10 Wochen

Dieser jahrelange Hick Hack auf Drängen eines frustrierten Religionswechsler widert mich nur noch an. Was hat die evangelische Kirche diesem Mann denn angetan? Der plötzliche Meinungsumschwung in der Kirchengemeinde ist sehr merkwürdig. Wurde da Druck gemacht?

Tpass vor 10 Wochen

Wie unsere Gesellschaft Geschichte des Europäischen Erbes zerstört ist schon sehr gewöhnungsbedürftig . Aber die Hunnen haben es auch schwer gehabt. Judentum oder Muslimische Gruppen bis zum Buddhismus. Christliche Geschichte ist auch nur zeitlich gesehen ein persönlicher Beitrag von uns Menschen der heutigen Welt. Dann ist es bestimmt besser an Steine 🪨 zu glauben. Das tut niemanden weh und keiner ist beleidigt. Grüße an alle Atheisten oder Ungläubigen .

Nordharzer vor 10 Wochen

Ich frage mich, was die Stadtkirchengemeinde jetzt zu dem Entschluß bringt? Warum hat man jahrelang kostenintensive Prozesse geführt, um nach dem Obsiegen doch einzuknicken und eventuell das zu machen, was der Kläger von Anfang an gefordert hat? Einen Sturm der Entrüstung über das BGH-Urteil habe ich nicht wahrgenommen. Wurde die Stadtkirchengemeinde von irgendwem unter Druck gesetzt? Es erscheint manches dubios an dieser Kehrtwende

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