Landschaftsarchitekten des Waldes und DDR-Exportschlager - Biber in der Dübener Heide 45 min
Landschaftsarchitekten des Waldes und DDR-Exportschlager - Biber in der Dübener Heide Bildrechte: MDR/Peter Ibe

Von null auf über 3.000 Die abenteuerliche Rückkehr des Bibers in die Dübener Heide

Von Peter Simank und Karin Roxer, MDR SACHSEN-ANHALT

06. Dezember 2023, 07:08 Uhr

Es grenzt an ein Wunder, dass sie in dieser Dimension und Schönheit noch heute existiert – die Dübener Heide, östlich von Bitterfeld, der ehemals "schmutzigsten Stadt Europas". Täglich hunderte Tonnen Flugasche, Chlor und Schwefeldioxid rieselten zu DDR-Zeiten auf den Mischwald. Heute ist die Dübener Heide ein Naturparadies. Auch der Biber fühlt sich hier wohl: Nachdem die Tiere als ausgerottet galten, haben sich Tausende in Sachsen-Anhalt angesiedelt.

Es ist kalt. Schnee bedeckt die Dübener Heide. Nur selten wagt sich der Biber bei diesem Wetter aus seinem Bau. Doch das muss er ab und zu. Denn er muss genügend fressen, damit er gut über den Winter kommt. Biber halten keinen Winterschlaf und sind zudem noch reine Vegetarier.

Etwa zwei Kilogramm Grünzeug putzt ein erwachsener Biber täglich weg und legt sich so eine dicke Speckschicht zu. Vorräte hat er bereits seit dem Sommer gesammelt. Doch ab und zu muss er eben auch im Winter raus aus seinem kuscheligen Bau.

Neuer Speiseplan im Winter

Um die 20 Grad warm ist es in der Biberburg. In der Regel ist sie bis zu drei Meter hoch und gut isoliert. Hier kann die ganze Biberfamilie den Winter gut überstehen. Die im Mai geborenen Jungen werden etwa acht Wochen gesäugt. Mit einem viertel Jahr sind sie selbstständig. Doch den ersten Winter verbringen sie noch in der warmen Wohnstube der Eltern.

Es ist die härteste Zeit des Jahres für die Tiere. Denn Grünzeug wie Wasserpflanzen sind jetzt Mangelware. Um zu überleben, müssen die Biber ihren Speiseplan komplett umstellen und den kargen Gegebenheiten anpassen. Meist gibt es nur Baumrinde. Pro Tag etwa ein Kilogramm.

Wie der Biber in die Dübener Heide kam

Anfang der 1980er-Jahren gab es in der Dübener Heide nicht einen Biber. Wie nahezu überall in Europa war er im 19. Jahrhundert wegen des warmen Felles und wohlschmeckenden Fleisches ausgiebig gejagt worden. Die Rückkehr hierher verlief geradezu abenteuerlich.

An der Mittelelbe bei Dessau gab es noch genügend Biber, die letzten in Europa. Die Niederlande wollten die Biber bei sich wieder ansiedeln und kauften 30 Tiere für wertvolle Valuta von der DDR. Weil es an der Mittelelbe bei Dessau aber nicht genügend Personal und Technik gab, wurde der Biber-Handel über den benachbarten Staatlichen Forstbetrieb in der Dübener Heide abgewickelt.

Dort nutzen einige Tiere die Chance und machten sich aus dem Staub. Es war die Geburtsstunde der heutigen Biberpopulation in der Dübener Heide. Innerhalb weniger Jahre hatten die Biber bereits weite Teile des Waldes erobert.

Biber-Ärger und friedliche Koexistenz

Biber sind Architekten und Baumeister. Ihre Dämme aus Ästen, Zweigen und Schlamm können bis zu zwei Meter hoch sein und zehn Meter lang. Ab dem Frühjahr ist Bausaison. Immer neue Dämme errichten sie, um Wasser zu stauen. Denn Biber sind schlecht zu Fuß. Um bequem und ohne viel Energieaufwand voranzukommen, brauchen sie das Wasser. Damit können sie ihre Nahrungsquellen kräftesparend erreichen und auch schweres Baumaterial aus dem Wald in ihre Burg schaffen. Immer weiter dehnen sie ihr Revier aus und richten sich auch gern mal auf bebauten Grundstücken ein.

Im Garten von Steffi Schenk ist eine ganze Biber-Familie eingezogen – und das sorgt für so manche Probleme. Vor allem dann, wenn die Biber ihren Damm wieder einmal sehr hoch aufgetürmt haben.

Wenn er baut, dann baut er richtig.

Steffi Schenk, Anwohnerin

Geschickter Baumeister mit Ausdauer

"Er ist ein sehr geschickter Baumeister und macht das alles dicht mit Erde und Laub", sagt Steffi Schenk, "Dann lass ich das ein wenig abfließen, doch morgen wird es wahrscheinlich wieder genauso aussehen, weil er es nachts wieder in Ordnung bringt. Also er ist unheimlich fleißig und stark und wenn er baut, dann baut er richtig."

Man fühlt sich auch ein bisschen geehrt, wenn er da ist. Dann ist ja die Natur in Ordnung.

Steffi Schenk, Anwohnerin

Seit mittlerweile 30 Jahren lebt Steffi Schenk in friedlicher Koexistenz mit dem Biber. Alles in ihrem Garten ist darauf abgestimmt. Dicke Stahlmanschetten schützen ihre Bäume. Einige große Weiden hatten die Biber schon umgelegt. Missen möchte Steffi Schenk die Biber trotzdem nicht. "Man fühlt sich auch ein bisschen geehrt, wenn er da ist. Dann ist ja die Natur in Ordnung."

Aktuell 3.500 Biber in Sachsen-Anhalt

Der Biber gehört in Europa zu den streng geschützten Arten und unterliegt in Deutschland dem Naturschutzrecht. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist der Biber streng geschützt. Das bedeutet, es ist verboten, ihm nachzustellen, ihn zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Genauso ist es verboten, den Biber zu stören, seine Baue und Dämme zu beschädigen oder zu zerstören. In Sachsen-Anhalt leben derzeit (Stand 2018) etwa 3.500 Biber.

Wer Biber fängt, verletzt oder tötet, kann in Sachsen-Anhalt mit einem Bußgeld von 50.000 Euro belegt werden. Das Gleiche gilt für die Beschädigung der Biberburgen.

FAQ: Wie sieht der Tierschutz für den Biber aus?

Ist der Biber in Deutschland geschützt?
Ja, der Biber genießt durch das Bundesnaturschutzgesetz Artenschutz.

Was droht für das Fangen oder Verletzen eines Bibers?
Hierbei handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit, die ein Bußgeld nach sich zieht. Wie hoch dieses ausfällt, variiert je nach Bundesland, wobei der Höchstbetrag bei 65.000 Euro liegt. Welche Bußgelder dabei in den einzelnen Bundesländern verhängt werden, erfahren sie hier.

Wird nur der Biber an sich geschützt?
Nein, ein Bußgeld droht auch, wenn die Fortpflanzungs- oder Ruhestätte eines Bibers beschädigt oder zerstört wird.

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MDR (Peter Simank, Karin Roxer)

2 Kommentare

Torsten W vor 12 Wochen

…mein erster Gedanke ging in dieselbe Richtung.

Ralf G vor 12 Wochen

So ist es immer wieder mit den "vom Aussterben bedrohten Tieren". Der Wolf lässt grüßen.
Aber diverse NGO's brauchen ja eine Existenzberechtigung.

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